Free MP3 oder: Download-Verkäufe lohnen nicht!

Der Musikvertrieb übers Internet, wie ihn sich mancher Plattenmanager erträumt hat, scheint zum Scheitern verurteilt. Nach nur kurzer Zeit verzeichnen die diversen kostenpflichtigen Download-Plattformen bereits massive Umsatzrückgänge, meldet die Forschungsgruppe comScore Networks. Dagegen steigen die Nutzerzahlen von kostenlosen Tauschbörsen nach wie vor ins Unermessliche. Warum das gar nicht so schlimm sein muss? Ein Kommentar.

Fast jeder, der einen PC mit Internetzugang sein eigen nennt, kennt und nutzt Tauschbörsen. Daran dürfte kaum ein Zweifel bestehen, es genügt sich mal in seinem Freundes- und Bekanntenkreis umzuhören. Nach dem großen Durchbruch von Napster setzte die Musikindustrie alles daran, MP3 Tauschbörsen juristisch zu bekämpfen und gleichzeitig erste eigene kostenpflichtige Angebote an den Start zu bringen. Dort aber können bislang nur kopiergeschützte und stark eingeschränkte Musikdateien gekauft werden, die für den musikbegeisterten Nutzer nichts als Schikane sind. Diese Versuche scheinen angesichts der kostenlosen Konkurrenz ein aussichtsloses und zudem teures Abenteuer zu sein. Und nicht nur das: der Versuch, Tauschbörsen zu bekämpfen, könnte sich auch als schlicht kontraproduktiv für die ganze Musikbranche herausstellen.

Wer Tauschbörsen oder Nutzer umfassend kontrollieren und zensieren will, um Urheberrechtsverletzungen zu verhindern, hat das Medium noch nicht verstanden. Das Internet ist offen und jedem zugänglich. Es gibt keine Zentrale, es gibt niemanden, der bestimmt, was Programm ist. Internet ist nicht Fernsehen. Wer das Internet kontrollieren will, zerstört diese Offenheit und damit die basisdemokratische Struktur. Zielgenaue Zensur im Internet ist technisch schlicht unmöglich oder aber ein schwerwiegender Eingriff in die Demokratie.

Aber man kann das Ganze auch eine Nummer kleiner betrachten:
MP3 wird niemals mit einem fertigen Produkt konkurrieren können. Der Geruch des Originals, das Gefühl des aufwändig gestalteten Artworks, die Texte, Bilder und Danksagungen: all das, was eine Platte so wertvoll und bedeutsam macht, fehlt. Insofern ist MP3 ein Produkt zweiter Wahl, genauso wie eine gebrannte CD. Auch die sind nur mit einigem Aufwand herzustellen und sehen dann auch noch Scheiße aus im heimischen Plattenschrank.

Warum also MP3 verdammen, wenn es nicht mal ansatzweise eine Konkurrenz zu einem fertigen und schönen Prokukt darstellen kann?

Der drastische Umsatzrückgang aus CD-Verkäufen durch CD-Brenner und MP3 könnte auch ganz einfach als Wink mit dem Zaunpfahl verstanden werden, dass viele Schüler, Studenten und Geringverdiener in der Ära der digitalen Downloads den Preis einer Audio-CD von 13-20 Euro einfach nicht mehr bezahlen können und wollen. Statt wie früher auf die neue CD von Madonna zu sparen, investieren sie lieber ihre Freizeit in CD-Brennen und selbstgestaltete Cover und sparen sich ihr bisschen Geld - vielleicht fürs nächste Madonna-Konzert?

Musik aus dem Plattenladen muss gerade für junge Menschen endlich wieder bezahlbar werden, damit sie nicht völlig verlernen, dass es Musik tatsächlich auch noch als fertiges Produkt irgendwo zu kaufen gibt. Schon im eigenen Interesse sollten hochdotierte Musikmanager zur Kenntnis nehmen, dass CDs verglichen mit dem hohen Bedarf an Platten, den ein leidenschaftlicher Musikfan nun einmal hat, entschieden zu teuer sind. Die jetzige Entwicklung ist nichts anderes als späte Rache gegen frühere Preistreiberei und Preisabsprachen. Jetzt endlich gibt es für den Konsumenten eine Möglichkeit sich dagegen zu wehren: Brennen statt Kaufen. Es gibt ja jetzt eine billige Alternative. Dementsprechend ist das Preis-Leistungsverhältnis für CDs in eine enorme Schieflage geraten, seit das Musik-Monopol der Industrie durch den rasanten technischen Fortschritt im Netz geknackt wurde.

Es gibt aber auch viele Gründe, die für MP3 sprechen, deren Charme sich auch die Musikindustrie auf Dauer nicht wird entziehen können.
Menschen, die jahrelang keine Musik mehr gehört haben, angeödet vom ewigen Radio- und TV-Eintopf, finden im Internet plötzlich wieder Inspiration und die Begeisterung, sich ganze Wochenenden nur mit Musik zu beschäftigen. Und warum? Weil Musik in ansprechender Qualität und in unendlicher Vielfalt im Netz umsonst zu haben ist. Weil man früher oder später alles findet, was man sucht und nebenbei noch viel entdecen kann - viel einfacher als in einem Plattenladen. Man riskiert keinen Fehlkauf und man traut sich auch mal wieder was anderes auszuprobieren, als immer nur die neueste Kuschelrock-CD.
Die Informations- und Promotionwege im Netz sind vielfältig und zielgenau wie nie zuvor. Jeder kann im Netz das finden, was er sucht und mehr. Die Beschäftigung mit Musik nimmt durch das Internet erheblich zu. Und Musik braucht Zeit, sie braucht Liebe und Leidenschaft und all das steckt im Netz. Umsonst!

Musik ist etwas sehr Persönliches und eigentlich schon ein Grundnahrungsmittel, denn alle guten Menschen hören Musik. Und darum sollte die Musikbranche eigentlich froh sein, ein so beliebtes und verbreitetes Medium wie das Internet nutzen zu können, mit der sie alle Musikhörer gleichermaßen erreichen kann, egal wie unterschiedlich ihr Musikgeschmack und ihr Konsumverhalten auch sein mag. Ein zentrales System, das so etwas leistet wie Internet, MP3 und Tauschbörsen wäre schlicht unbezahlbar. Vielleicht wird die Plattenindustrie irgendwann auch froh sein, dieses System kostenlos nutzen zu dürfen. Wenn sie gelernt hat, es einzuordnen und damit konstruktiv umzugehen.

Doch eins ist klar: Musik hat ihren Wert. Und für gute Musik, die mit Liebe, Leidenschaft und sehr viel Arbeit entsteht, werden sich mit einem Funken Kreativität auch immer Käufer finden. Daran ändern auch MP3 und CD-Brenner nicht viel. So wenig, wie die Musikindustrie etwas an der Tatsache ändern kann, dass das Internet und viele Tauschbörsen nicht kontrollierbar sein werden und der Fortschritt nicht aufzuhalten ist. Da hilft kein Jammern und kein (Ver-)Klagen. (ur)

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