Hi! Spencer im Interview: “Man kann auch in Osnabrück eine coole Band sein."

Sven Bensmann über Ängste, Zweifel und den Versuch, sie zu überwinden

Am Freitag veröffentlichen die Indie-Punkrocker Hi! Spencer ihr zweites Album "Nicht raus, aber weiter".Damit ist es ihnen gelungen, sich neu zu erfinden und sich dennoch treu zu bleiben. Elf Songs mit Texten über Selbstzweifel, Ängste, aber auch Liebe und Hoffnung, die nicht mal bei Balladen peinlich werden. Wir haben mit Frontmann Sven Bensmann über den roten Faden des Longplayers gesprochen.

Hi! Spencer (Foto: Andreas Hornoff)

Erzähl doch mal ein bisschen was zur Geschichte der Band. Woher kennt ihr euch, wie habt ihr zusammengefunden? Wo sind eure Wurzeln?

Wir haben im August 2012 angefangen, gemeinsam Musik zu machen, sind ganz klassisch entstanden aus einer Abiband. Damals haben wir alles gecovert - von Robbie Williams bis Blink-182. Irgendwann haben wir herausgefunden, dass es auch ganz schön ist, eigene Sachen zu schreiben und zu performen. Von Monat zu Monat gefiel uns das besser, vor allem, wenn wir auf der Bühne standen. So ist das ins Rollen gekommen.

Ihr lebt nach wie vor in Osnabrück, nicht gerade eine musikalische Hochburg...  

Wir werden wohl nicht als Band irgendwann geschlossen die Entscheidung treffen, nach Berlin zu gehen und die neue, ultrahippe Indie-Kapelle zu werden. Das sind wir einfach nicht. Warum das so ist, weiß ich nicht, denn ich verstehe andere Bands, die das tun. Aber ich glaube, heute kann man auch in Buxtehude oder eben in Osnabrück leben und trotzdem eine coole Band sein. Halt die einzige, die - neben Kraftklub - nicht in Berlin ist.

Du bist ja beispielsweise noch als Comedian mit einem eigenen Stand-up-Programm unterwegs. Lebt ihr ansonsten rein von der Musik?

Die Band finanziert sich inzwischen quasi selbst, aber alle machen noch irgendetwas anderes nebenbei. Ich bin tatsächlich gerade in Hanau unterwegs, während wir sprechen, weil ich hier nachher einen Auftritt habe. Ich kann also durchaus sagen, dass ich von dem lebe, was ich auf der Bühne verdiene. (lacht)

2015 ist euer Debütalbum “Weiteratmen” erschienen. Was war im Vergleich zum neuen Album seinerzeit anders?

Bei “Weiteratmen” hatten wir aber erstmal gar keine Vision davon, was weiter daraus werden sollte. Wir wollten einfach ein Album machen, und das ist dann ganz cool geworden. Aber es gibt darauf im Grunde keinen roten Faden, die zwölf Songs stehen für sich, bauen aber nicht aufeinander auf. Das haben wir jetzt verändert. Wir haben uns im Vorfeld zu “Nicht raus, aber weiter” Gedanken darüber gemacht, wer wir sind als Band und wo wir hin wollen, was unser Stil sein soll. Es ging um das Schaffen einer CI, mit der wir uns identifizieren können. Das erste Mal ausgedrückt hat sich das in unserer EP “In den Wolken”, und jetzt zeigt es sich eben im neuen Album.

Ihr habt euch für das Schreiben der Songs erstmals abgeschottet ...

Ja, haben vor einem Jahr eine detaillierte Bestandsaufnahme gemacht. Dafür sind wir nach Bad Essen im Norden von Osnabrück gefahren und haben uns mit unserem Set in eine Waldhütte zurückgezogen. Dort haben wir ganz gesund miteinander gestritten und sind uns in einer ruhigen Umgebung einig geworden, was die Band sein und wo die Musik hingehen soll. Dort wurde der Grundstein fürs Album gelegt, und dort sind auch die ersten Songs entstanden.

Warum ist “Nicht raus, aber weiter” Titel beziehungsweise Titelsong des Albums geworden?

Wir haben uns auch darüber Gedanken gemacht, was wir mit dem Album wollen. Bevor Malte und ich ans Texten herangegangen sind, haben wir überlegt, was wir thematisch rüber bringen möchten und einen roten Faden dafür erstellt. Wir schauen dabei als junge Erwachsene Mitte 20 mit einer gewissen Ungewissheit und Angst in die Zukunft. Gerade wenn man beruflich eher unstete Dinge macht wie Musik, kann es schließlich immer eine Trendwende geben und niemand interessiert sich mehr für dich. Diese Zweifel und Ängste zu erkennen und zu überwinden oder zumindest mit ihnen klar zu kommen, das war unser Thema für das Album. Es geht zwar “nicht raus, aber weiter”.

Kannst du das tatsächlich außergewöhnliche Albumcover und die Idee dahinter mal näher erläutern?

Das stammt von Lucas Mayer, einem Grafikdesigner aus Münster. Ihm haben wir unsere Idee und den roten Faden erläutert, dann hat er sich damit auseinandergesetzt, und das ist nun das tolle Ergebnis. Die Läuferin, die immer in Bewegung ist, und rechts und links von Dämonen, Geistern, Fratzen belästigt wird. Sie wollen sie von ihrem Weg abbringen, den sie aber entschlossen fortsetzt. Das Ganze findet sich auch im Video zur Single wieder.

Video: Hi! Spencer - Nicht raus, aber weiter

Welche Erwartungen knüpft ihr nun an die Veröffentlichung von “Nicht raus, aber weiter”?

Bei einer Band wie uns passt das Konzept Album glaub ich noch ganz gut, denn wir haben in den letzten Jahren immer nur sparsam ausgewählten Content herausgegeben. Der hat dann aber super Anklang gefunden. “Schalt mich ab” wurde eine halbe Millionen Mal bei Spotify gestreamt beispielsweise. Wir haben immer ein bisschen angefüttert, und inzwischen können auch Leute außerhalb der Grenzen von Osnabrück etwas mit unserem Namen anfangen. Das war beim ersten Album noch anders.

Ihr werdet immer wieder mit Bands wie Kettcar, Jupiter Jones und Muff Potter verglichen bzw. tut ihr das sogar selbst. Sind solch konkreten Vergleiche nicht eher hinderlich beim Aufbau einer eigenen Identität?

Für uns als junge Band ist es natürlich erstmal wichtig, dass Leute, die uns nicht kennen, eine Vorstellung von dem bekommen, was wir tun. Daher sind solche Vergleiche gut, es sind ja tolle Bands. Ist doch besser, als wenn jemand versucht, unsere Musik jemand anderem mit Hilfe von "ein MIx aus Max Giesigner, Torfrock und Silly" zu vermitteln. (lacht) Wir sind eine recht unique Band mit einem eigenen Sound, und mit den Referenzen können die Leute machen, was sie wollen.

Ihr geht mit dem Album natürlich auf Tour. Was steht da an?

Wir haben letztes Jahr im November schon eine Mini-Tour gespielt, waren u.a. in Braunschweig, Mainz und Jena, jeweils vor etwa 140 Leuten. Die kommende Tour wird “Raus und weiter” heißen, dafür fahren wir jetzt etwas größere Locations in insgesamt elf Städten an. In einigen waren wir schon mal, andere sind ganz neu. Weil wir über Spotify ein paar Grenzen durchbrochen haben, fahren wir explizit dorthin, wo wir denken, dass die Leute uns dort hören wollen.

Hi! Spencer "Raus und weiter" Tour

16.02.19 Hagen a. T. W. – Gaststätte Stock
10.04.19 Hannover – Lux
11.04.19 Berlin – Musik & Frieden
12.04.19 Hamburg – Molotow
13.04.19 Bremen – Kulturzentrum Lagerhaus
03.05.19 Meppen – JAM
09.05.19 Wilhelmshaven – Pumpwerk
16.05.19 Köln – Artheater
17.05.19 Essen – Weststadthalle
23.05.19 Kassel – Schlachthof
24.05.19 Dresden – Groovestation

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