IFPI gegen Musik bei der Arbeit

Gerd Gebhardt, Vorsitzender des Phonoverbandes und einer der mächtigsten Männer in der deutschen Musikwirtschaft macht ernst. Mit Richtlinien gegen illegale Downloads aus dem Internet will er Firmen über angebliche Sicherheitsmängel und die Vergeudung von Zeit durch das Musikhören während der Arbeit aufklären.

Früher galt es mal als ziemlich cool, im Musikbusiness zu arbeiten. Lockere Arbeitszeiten, den ganzen Tag Musikhören und abends noch auf Konzerte gehen. Mit Musik arbeiten hörte sich nach einem Traumjob an.

Doch längst haben die börsendotierten Großkonzerne das Musikbusiness übernommen und sorgen derzeit dafür, dass ein kalter Hauch aus den Büros der Musikgiganten weht.

Gerd Gebhardt wendet sich in einem Schreiben jetzt direkt an Unternehmen und öffentliche Einrichtungen. Die sollen doch bitte ihren Mitarbeitern untersagen, Musik aus dem Internet downzuloaden. In den "Richtlinien zum Umgang mit urheberrechtlich geschützten Werken zu IT Sicherheit" schmeißt Gebhardt dabei wieder mal alles durcheinander und sorgt dadurch einmal mehr für ungläubiges Kopfschütteln.

Erstens dürften Deutschlands Firmenchefs durchaus selbst in der Lage sein, einzuschätzen, was für die IT-Sicherheit in ihrem Unternehmen nötig ist und was nicht. Die IFPI jedenfalls hat sich bisher nicht als Spezialist für IT-Fragen hervorgetan. Zu behaupten, Musik auf dem Firmencomputer gefährde die IT-Sicherheit ist eine doch sehr fadenscheinige Art der Argumentation.

Zweitens werden zwar ausdrücklich "illegale Musiktauschbörsen" erwähnt, über die sich viele Mitarbeiter urheberrechtlich geschützte Werke ohne Genehmigung der Rechteinhaber downloaden würden, dennoch behauptet Gebhardt, dass "kommerzielle Musikaufnahmen praktisch nie für gemeinschaftliche Nutzung, vielfaches Kopieren oder die Verbreitung über das Internet" lizensiert seien. Unzählige Labels weltweit, die MP3 vor allem als Promotion für ihre neuen Veröffentlichungen sehen und kostenlose Musik im Internet veröffentlichen und auch verbreitet sehen wollen, werden einfach mal eben ausgeblendet. Ein Angebot wie Tonspion wäre nach dieser Argumentation also möglicherweise auch schon illegal?

Abschließend empfiehlt Gebhardt Verwarnungen gegen Verstöße auszusprechen oder gar Disziplinarmaßnahmen einzuleiten, gegen Leute die bei der Arbeit Musik aus dem Internet hören und legt gleich ein Musterschreiben vor, das Mitarbeiter in Firmen unterzeichnen sollen.

Darin müssten sich die Mitarbeiter verpflichten, keine "Übertragungen durchzuführen, die möglicherweise zu Urheberrechts-Verletzungen führen". Das bedeutet in der Konsequenz, dass E-Mail und Internet innerhalb von Unternehmen praktisch abgeschafft werden müssen oder jedem Mitarbeiter, der an einem Computer mit Internetanschluß tätig ist, ein Rechtsanwalt zur Seite sitzt. Denn was genau "möglicherweise" urheberrechtlich geschützt sein könnte, dürfte möglicherweise nur Herrn Gebhardt und seiner Rechtsabteilung bekannt sein.

Oder um es mit den Worten des Musikproduzenten John Snyder zu sagen: "Die Leute, die Plattenfirmen betreiben, lassen sich ihre E-Mails nach wie vor von ihren Sekretärinnen ausdrucken. Wir müssen warten, bis die nächste Generation drankommt, die "Software" Generation, die Generation von Leuten, die sich gar nicht mehr daran erinnern kann, jemals ohne Computer gewesen zu sein" (siehe unseren Artikel: MP3 größtes Marketing-Tool aller Zeiten). Denn vermutlich schafft nur eine neue Generation von Verantwortlichen im Musikbusiness den Sprung ins Hier und Jetzt und versucht nicht Millionen von Menschen weltweit als Sündenbock dafür hinzustellen, dass sie mit einer revolutionären Technologie nicht in klar kommt und es auch gar nicht erst versucht.

Die ersten (und einzigen?), die diese Richtlinien wohl bald und konsequent umsetzen dürften, werden wohl die großen Plattenfirmen sein.
Wer sagt da noch, es sei cool, im Musikbusiness zu arbeiten? (ur)

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