Interview: Die Killerpilze über ihr Crowdfunding-Album "HIGH"

"Wir haben Pionierarbeit in Deutschland geleistet"

Die Killerpilze sind eine der wenigen Bands, die ihre Karriere als Teenieband überlebt haben und immer noch da sind. Ihr neues Album "HIGH" haben sie über eine Crowdfunding-Kampagne finanziert - und damit einen riesigen Erfolg gelandet. Wir haben Jo, Fabian und Maximilian dazu befragt.

Killerpilze
Killerpilze

Killerpilze 2016: Maximilian, Jo, Fabian (von links)

TONSPION: Ihr habt euer neues Album über Crowdfunding finanziert. Wie ist das gelaufen?

Jo: Grundsätzlich kann man sagen, dass es großartig gelaufen ist. Angepeilt war eine Summe von 55.000 Euro in 75 Tagen, am Ende konnten wir stolze 75.000 Euro an 75 Tagen zählen und damit einen vorläufigen Crowdfunding-Rekord in der Musik-Sparte in Deutschland unser Eigen nennen. Ich denke, dass wir - was die Summe und den Umfang der Kampagne angehen - absolute Pionierarbeit in Deutschland geleistet haben. Niemand zuvor hat sich an solch ein großes Projekt gewagt, um seine Musik zu finanzieren und uns war klar, dass wir auch hätten scheitern können.

Fabian: Die Idee kam Ende 2013, dann haben wir innerhalb von einem Monat einen Trailer gedreht, das Wording für die Kampagne festgelegt, durchkalkuliert, die verschiedenen Pakete (gedanklich) zusammengestellt und sind losgezogen. Wir haben alle Crowdfunding-Anbieter verglichen, uns den für uns passendsten (Startnext) herausgesucht und haben den Sprung ins kalte Wasser gewagt. Es ging viel mehr darum, ein Gemeinschaftsgefühl für die Leute zu kreieren, als nur eine Aktion online zu stellen und abzuwarten.

Ging denn alles ganz glatt oder gab es auch Probleme?

Jo: Wir haben es geschafft, viele Leute zu motivieren, für unsere Musik zu bezahlen. Allerdings haben wir auch viele Dinge erst im Nachhinein gelernt und auch wirtschaftliche Schnellschüsse begangen: z.B. haben wir unseren Fans eine Dankeschön-EP versprochen, die wir im Juni 2014 auch veröffentlicht haben (und die über 10.000 mal gedownloadet wurde). Allerdings hat uns diese (für die Fans kostenlose) Veröffentlichung inkl. Produktion und Promotion alleine mehrere 10.000 Euro gekostet. Ohne, dass auch nur ein Ton vom neuen Album aufgenommen war. Zuvor gingen noch die Steuern von den 75.000 Euro weg und natürlich hatten wir viele Dinge ganz anders kalkuliert, als sie jetzt letztendlich für HIGH gemacht wurden. Einfach auch, weil wir zum Zeitpunkt des Crowdfundings noch überhaupt nicht absehen konnten, wie sich alles entwickeln würde. Alles in allem hat das Geld am Ende mehr oder minder gereicht. Aber eins war immer klar: Wir wollen den Leuten keinen Scheiß vorsetzen, sondern Qualität und eine großartige deutschsprachige Platte geben. Das ist uns mit HIGH jetzt gelungen.

Was kostet es denn heute so, ein Album aufzunehmen? 

Maximilian: Das kann man pauschal nicht sagen. Wenn man zuhause mit einigermaßen okayem Equipment ein Album aufnimmt ist das günstiger, als mit einem Produzenten in einem guten Studio zu arbeiten. Wir kennen beide Seiten und haben uns vom letzten Album zu HIGH vorgenommen, die Qualitätsschraube nochmal anzuziehen. Deshalb haben wir zu Teilen mit einem Produzenten gearbeitet, sind in bessere Studios gegangen und haben dementsprechend mehr Geld ausgegeben. Zwischen 10.000 und 30.000 Euro können es immer werden, allerdings ist dann noch kein Video gedreht, kein Promoter angestellt und kein Foto fürs Album-Booklet geschossen.

Funktioniert Crowdfunding nicht nur, weil ihr schon einen gewissen Bekanntheitsgrad und eine Fan-Base habt?

Jo: In dieser Größenordnung vielleicht schon, aber grundsätzlich kann jede Band mit einem eingeschweißten Fan-Kern eine Kampagne schaffen. Das ist ja genau das, was wir vorgelebt haben: Steckt all eure Energie, euer Können und eure Begeisterungsfähigkeit in das Projekt und es wird sich auszahlen! Egal ob 500 oder 50000 Facebook-Fans. Macht Werbung in eurem eigenen Umfeld, begeistert Leute auf euren eigenen Shows, spielt Konzerte und versucht, gutes Zeug zu machen!

Maximilian: Eine gute Crowdfunding-Kamapgne ist meistens nur die Belohnung für jahrelange harte (Vor-)Arbeit!

Ihr seid ja schon verdammt lange im Geschäft, wart früher beim Major und veröffentlicht heute komplett unabhängig. Was würdet ihr Newcomer-Bands empfehlen, die heute den ersten Schritt ins Musikgeschäft machen wollen?

Fabian: Spielt Konzerte, übt eure Instrumente! Versucht, immer Qualität zu liefern und behaltet euch den Spaß! Das wären so meine Tips…

Jo: Man braucht verdammt viel Durchhaltevermögen und Leidensfähigkeit, wenn man es schaffen will. Und gerade wir als Killerpilze haben oft verdammt dicke Eier gebraucht, um nach 14 Jahren immer noch sagen zu können: JA, wir sind da und ja, wir machen verdammt gutes Zeug!

Viele verbinden euch heute als ehemalige Teenie-Band immer noch mit der Bravo, obwohl ihr längst erwachsen seid und auch ganz andere Musik macht. Wie geht ihr damit um?

Maximilian: Fast kann man diese Leute ja auch verstehen. Es ist für nun mal schwierig, eine Schublade zu schließen. Vor allem, wenn man so omnipräsent war, wie wir damals. Allerdings ist das auch ein deutsches Problem. Schau dich in Amerika oder anderen Ländern um: Da wird z.B. ehemaligen Disney-Club-Mitgliedern ein normaler Weg zu einer langen Karriere ermöglicht, egal ob in der Schauspielerei oder in der Musik. Da sitzt eine Miley Cyrus dann halt mal bei Jimmy Fallon und Justin Timberlake kann sich zu einem großartigen Entertainer entwickeln. Wo in Deutschland hast du sowas?

Fabian: In der Vergangenheit hatten wir manchmal das Gefühl, etwas verbrochen zu haben. Dabei ist das lächerlich. Wir haben nur sehr viel früher angefangen Musik zu machen, als so viele andere Bands. Und entgegen so vieler Bands, die sich erst mit 27 gründen und zuvor in 4 anderen Schulkombos gespielt haben, sind wir in der Öffentlichkeit erwachsen geworden, haben uns immer ausprobiert und wollten nie langweilig werden. Ich sehe uns eher als Vorbild für die immer weniger werdenden Bands in Deutschland, dass man mit Ausdauer und geilen Platten alle Argumente auf seiner Seite hat.

Werdet ihr euer nächstes Album wieder über Crowdfunding finanzieren oder sind durch die Aktion nicht inzwischen auch die großen Labels wieder auf euch aufmerksam geworden?

Jo: Von Zeit zu Zeit klopfen immer wieder große Plattenfirmen bei uns an, allerdings haben wir uns in den letzten Jahren auf eigenem Label so viel Unabhängigkeit erarbeitet, dass uns bisher kein Angebot einen Mehrwert hätte bieten können. Wir haben ein großartiges kleines Team, das mit uns all die Dinge, die sonst viel Geld kosten würden mit unglaublich viel Enthusiasmus und Leidenschaft umsetzt. Eigentlich sind wir auf einem Indie-Major… (lacht).

Fabian: Ob wir ein nächstes Album wieder mit Crowdfunding realisieren würden, frage ich mich in diesen Tagen auch manchmal. Klar haben wir jetzt viel Erfahrung gesammelt, aber gerade all diese Erfahrungen bzgl. Aufwand können natürlich auch abschreckend sein. Keine Ahnung…

Maximilian: Wir denken auch wirklich noch nicht an ein nächstes Album, denn jetzt ist HIGH draußen und möchte erstmal, dass die Leute es kennenlernen. Das Album hat das Zeug dazu, dass Dinge passieren.

Kann man auch 2016 noch von der Musik leben oder wird es nicht immer schwieriger, wenn immer weniger Leute Musik kaufen?

Jo: Die ehrliche Antwort ist: Frag uns am Ende des Jahres nochmal!  

Album und Free Download: Killerpilze - HIGH

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Killerpilze - HIGH

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Die Killerpilze sind zurück! Aber eigentlich waren sie nie weg, die Band veröffentlicht mit MItte 20 schon ihr sechstes Album und zeigt sich gereift und geerdet.