Jahresrückblick 2016: Daniel Ibald

Die besten Alben, Songs und Videos des Jahres

Radiohead gehen zurück zum Anfang, Gauck geht nach Hause, Dylan kommt gar nicht erst. Johnny Depp rutscht angeblich die Hand und Beatrix von Storch die Maus aus. Die europäische Solidarität wird zum schlechten Witz und ein schlechter Witz wird zum mächtigsten Mann der Welt. Was für ein Jahr. Zum Glück gibt es Musik! Hier sind die Seelentröster 2016 im Rückblick.

Beste Alben:

1. Anohni - Hopelessness

Keine Botschaft war eindringlicher, kein Sound futuristischer. Anohni definiert alles neu: den Pop, das Album, unsere Verantwortung und nicht zuletzt sich selbst. Gemeinsam mit Oneohtrix Point Never und Hudson Mohawke ging sie in Klausur und lieferte ein kompromissloses Kunstwerk, das 2016 alles andere überstrahlte.

2. Kate Tempest - Let Them Eat Chaos
3. David Bowie - Blackstar
4. Wild Beasts - Boy King
5. Preoccupations - Preoccupations

Beste Songs:

1. Jamie T - Power Over Men

Während die relativ zurückhaltende „Magnolia Melancholia“-EP (2015) eher von eingefleischten Fans gefeiert wurde, katapultiert „Trick“ Mr. Treays wieder mitten ins Zentrum der kollektiven Wahrnehmung. Warum dieses Album so verdammt gut ist, zeigt „Power Over Men“: Wo andere Songs sich verbrauchen, wächst der smarte Pop des Jamie T mit der Zeit zur vollen Größe. Bis einem die Hook fast das Hirn zerfräst und man gar nicht anders kann als diesen Song zu krönen.

2. Golf - Zeit zu Zweit
3. The xx - On Hold
4. Savages - Adore
5. Japanese Breakfast - Everybody Wants To Love You

Bestes Video:

Jamie xx - Gosh

Geplant wurde Tianducheng am Reißbrett, 100.000 Einwohner sollten kommen, gelockt wurde mit dem, was die Europa-vernarrten Chinesen mehr lieben als alles andere: Paris. Und zwar als detailgetreue Kopie inklusive Eiffelturm. Gekommen und geblieben sind allerdings nur knapp 2000 Menschen, was die Geisterstadt zur idealen Kulisse für das bildgewaltige Meisterwerk des französichen Regisseurs Romain Gavras macht. Star des Clips ist der 17-jährige Hassan Kone aus Paris. Dem in Frankreich, wohlgemerkt.

Bester Free Download:

Nils Frahm - Solo Remains

Nils Frahm Superstar: Komponist, Pianist, Produzent. Weltweit gefeiert, sowohl Solist als auch als kongenialer Partner von Ólafur Arnalds, Woodkid und anderen. Hauptmerkmal seiner Arbeiten ist ein fast schon hypnotischer Minimalismus. Zur Feier des Piano Day (immer am 88. Tag eines Jahres - soviele Tasten hat nämlich das Klavier) verschenkte Frahm Outtakes seines Albums „Solo“ von 2015. Outtakes, für die andere töten würden.

Bester Newcomer:

Golf / Isolation Berlin

Auf dem Thron müssen die Herren jetzt etwas zusammenrücken, ich kann und will mich nicht entscheiden. New sind beide Newcomer nicht mehr, beiden gelang aber 2016 der Durchbruch über nerdige Insiderkreise hinaus. Golf aus Köln und Isolation Berlin von ebendort sind so grundverschieden wie ihre jeweilige Heimat. Mit diametralen Mitteln kommen beide Bands jedoch zum gleichen Ergebnis: kluge Geschichten, erzählt mit todsicherem Gespür für Pop.

Bester Musikmoment:

The Slow Show / Kulturkirche, Köln

Rob Goodwin / The Slow Show (Foto: Daniel Ibald)
Rob Goodwin / The Slow Show (Foto: Daniel Ibald)

Bereits im letzten Jahr hat Englands amerikanischste Band europaweit die Herzen erobert, auch aufgrund ihrer ständig zwischen Bombast und Reduktion wechselnden Shows. Die Kulturkirche in Köln bot im November einen denkbar passenden Rahmen für den sakralen Sound der Band und ihr wunderbar respektvolles Publikum, das vor lauter Ergriffenheit regelmäßig fast das Atmen vergisst.

Schlimmster Musikmoment:

Elvis und die Goldgräber

Bowie starb. Prince starb. Cohen starb. 2016 geht zweifelsfrei als Arschloch in die Geschichte ein. Allerdings kann man das Sterben niemandem vorwerfen, Geldgier hingegen schon und somit geht die Krone in diesem Jahr an Priscilla Presley. Die Exfrau, die sich aus wirtschaftlichen Gründen lieber Witwe nennen lässt, herrscht über die Tonbänder des King und gibt diese regelmäßig in Zahlung. „The Wonder Of You“ bedient sich der Talente des Royal Philharmonic Orchestra - und von Helene Fischer. Die Schlagersängerin trällert tatsächlich (immerhin passend) „Just Pretend“ im Duett mit dem größten Rockstar aller Zeiten. Als wäre diese Leichenfledderei allein nicht schon demütigend genug für alle Beteiligten, begründet sie ihre Freigabe öffentlich mit der Aussage, man müsse „mit der Zeit gehen, damit Elvis relevant bleibt“. Genau. Das wirds sein...

Wiederentdeckung des Jahres:

The Rolling Stones

Seit vielen Jahren hatten diese lebenden Legenden nur noch sich selbst zitiert. Auf solidem Niveau zwar, aber eben wenig spannend. Mit „Blue & Lonesome“ erschien 2016 ein reines Cover-Album mit tief im Blues verwurzeltem Rock, ohne Schnickschnack und mit den inzwischen über 70-jährigen Boys in Bestform. Dieses Album spricht nicht gerade für die (späten) Songwriter-Qualitäten von Jagger & Richards, zeigt aber hervorragend, wie und warum die Stones wurden, was sie sind.

Act für 2017:

Der Ringer

3 EPs zwischen Post-Punk und New Wave hat die Band bereits veröffentlicht, zuletzt eine wunderbare Liebesheirat mit Isolation Berlin. Ende Januar kommt ihr erstes Album und mit ihm auch gänzlich neue musikalische Ufer. Apokalypse und Romantik, Autotune und Poesie. Die Hamburger haben einmal feucht durchgewischt und wurden zu ihrem eigenen Update. Ob die alten Fans mitgehen wird sich zeigen. Neue werden kommen. Viele. „Soft Kill“ ist großartig und 2017 wird das Jahr des Ringers.

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