Jahresrückblick 2016: Daniel Meinel

Die besten Alben, Songs und Videos des Jahres

Der Tod gehört zum Leben dazu. Und auch Musiker müssen sterben. Dass es vor allem 2016 übermäßig viele getroffen hat, ist tragisch. Ein wenig tröstet jedoch ihr Vermächtnis über den Verlust hinweg. Und um ihre großen Fußstapfen braucht man sich auch in Zukunft keine Sorgen machen. Die werden ausgefüllt werden. Wir blicken zurück auf 2016 - und ein wenig auch auf das uns bevorstehende Jahr.

Beste Alben:

1. Anderson. Paak - Malibu

Ein meisterlicher Frühzünder ist zweifelsfrei das zweite Album des US-Rappers (im-weitesten-Sinne-) Anderson .Paak. Als die Welt noch Bowies tragisch-großen Abgang zu verarbeiten versuchte, erscheint auf einmal dieses Meisterstück. "Malibu" einzuordnen, Anderson. Paak einzuordnen - ein Ding der Unmöglichkeit. R&B, Soul, Hip-Hop, Rap oder alles doch einfach nur Pop? Der gelernte Drummer und Endzwanziger beherrscht alles und spielt sich dabei einmal durch die gesamte Musikgeschichte. Als wäre das nicht schon Glanzleistung genug, mündet bei Anderson .Paak alles in einer spannenden Rap-Erzählung, die erfrischenderweise mal nicht im Ghetto spielt, sondern in den überwiegend weißen, kulissenhaft wirkenden Strandvororten von Los Angeles. Und an dem Punkt, an dem Paak von seinem Leid und dem düsteren Leben im Schatten des Sunshine States gleichermaßen rappt und singt, schafft das eine Projektionsfläche für eine ganze Generation. .

2. Car Seat Headrest - Teens Of Denial
3. Glass Animals - How To Be A Human Being
4. Bon Iver - 22, A Million
5. Whitney - Light Upon The Lake

Beste Songs:

1. Lucy Dacus - Map On A Wall

Auf der einen Seite könnte man meinen, der Singer-/Songwriter-Folk-Stiefel sei nach Bon Ivers "22, A Million" abgeritten. Auf der anderen Seite ist da diese Lucy Dacus. Unprätentiös, getreu dem Motto: Wieso laut, wenn es leise so viel schöner geht, lieferte sie mit "No Burden" ein wahnsinnig tolles Debütalbum ab. Daraus sticht vor allem das 7-minütige Epos "Map On A Wall" heraus. Hier in der stripped-down-Version nimmt uns Dacus mit auf einen emotionalen Trip, so zurückhaltend und fragil wie wunderschön.

2. Bon Iver - 715 Creeks
3. Car Seat Headrest - Drunk Drivers/Killer Whales
4. Glass Animals - Season 2 Episode 3
5. Man & The Echo - Distance Runner

Bestes Video:

M.I.A. - Borders

Im diesjährigen Musikzirkus wares es zwei Frauen, die mit am lautesten gewesen sind. Das war zum einen Kate Tempest. "Let Them Eat Chaos" wirkt - bezogen auf die Brexit- und Flüchtlingsthematik - wie ein 2016er Soundtrack. Letzteres war auch das, womit M.I.A. dieses Jahr ein riesen Statement setzte. Aber seht selbst.

Bester Free Download:

Run The Jewels - Talk To Me

Es ist eine gute alte Tradition, dass Run The Jewels all ihre Sachen für umme raushauen. Das Rap-Duo aus den Staaten zählt zum Besten, was der weltweite Hip-Hop-Zirkus zu bieten hat. Mit "Talk To Me" erschien gegen Ende des Jahres die erste Vorabsingle - natürlich wieder als Free Download - und im Januar folgt folgt dann mit RTJ3 Album reguläres Studioalbum Nummer drei.

Bester Newcomer:

Von Wegen Lisbeth

"GRANDE" - die Lettern ihres Debütalbums leuchten ganz groß über dem deutschen Popjahr 2016. Mit viel Liebe zum Detail und absurd-witzigen Texten spielten sich Von Wegen Lisbeth ins Herz und die Gehörgänge. Mit purster gute-Laune-Tanzmucke, genau das richtige also, wenn man sich 2016 als Ganzes so anschaut, verbinden sie passable Gesangskunst mit ausgeklügelten Arrangements und einem zwinkernden Auge. Die Zukunft deutschsprachiger Popmusik könnte den Lisbeths gehören.

Bester Musikmoment:

Michelberger Music Festival / Funkhaus Berlin

Ein von den Dessner-Brüdern und Justin Vernon kuratiertes Festival, bei dem alles aufdribbelt, was in der Indieszene Rang und Namen hat? Diese Rubrik war wohl am leichtesten zu befüllen. Zu hören gabs das neue Bon Iver Album im Studio des Funkhaus Berlin, bei faszinierender Akustik, inklusive Chorbegleitung. Erlend Øye jammte mit Lisa Hannigan, Damien Rice mit den Staves und irgendwie jeder mit jedem. Ein einzigartiges Musikerlebnis, dass es in der Form kein zweites Mal geben wird.

Schlimmster Musikmoment:

Ein kaputtes System

Musikpreise braucht kein Mensch. Musikpreise, die nach Verkaufszahlen bestimmt werden noch weniger. Denn wir alle wissen: Die breite Masse hat einen miserablen Musikgeschmack und man selbst zählt natürlich nie zu dieser Spezies. Dennoch verkaufen Bands wie Frei.Wild millionenfach ihre Alben. Und weil es diese verkaufsbasierten Preise nun eben doch gibt, haben die Südtiroler (!) den wichtigsten deutschen Musikpreis bekommen - man erkenne die Ironie, die der ganzen Sache zugrunde liegt. Das alles kann man machen. Ist zwar kacke, aber in dem Fall nicht zu ändern. Wo der Aufschrei letztes Jahr aber noch gewaltig gewesen ist, sah es dieses Mal nur Bosse als notwendig an, dagegen zu halten. Wo waren die Tim Bendzkos, die Mark Forsters oder die Jorise dieser Welt, wenn es darum geht Zeichen zu setzen. Nationalismus ist auch im Popgeschäft salonfähig geworden. Und das ist mehr als beängstigend. Kann mal bitte jemand allen deutschen Musikstars das A Tribe Called Quest Album zu Weihnachten spendieren, bitte?!

Wiederentdeckung des Jahres:

Keaton Henson

Irgendwann kam der Punkt, da war Folk für mich gestorben. Vorbei die Zeit der langbärtigen Flanellhemdenträger mit der Akustikklampfe, die weinerlich von Tausenden verflossener Liebschaften und ihrem innersten Seelenschmerz philosophieren. Spätestens mit Bon Iver, als neuzeitlicher Papa dieser Spezies, und seinem innovativem Meisterwerk 22, A Million war diese Ära vorbei. Und dann entdeckt man kurz bevor das Jahr zu Ende geht ein Album namens "Kindly Now" in seinem Download-Ordner. Der Interpret: Keaton Henson. Und alles kommt wieder hoch. Die alten Sehnsüchte sich einfach nur in 17 Decken gekuschelt Zuhause einzuschließen und mit permanent offener Tränendrüse diesem Menschen zuzuhören, wie er mit dir, für dich leidet. Welcome back!

Act für 2017:

Be Charlotte

"How can you play guitar, with a broken arm?" Ein Satz, der sich über die letzten Monate ins Gehirn gefräst hat. Und jedes Mal, wenn diese 'signiture line' wieder auftauchte, wieder und wieder, formten sich die Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln. In wie vielen deutschen Radiostationen die Briten von Be Charlotte on air laufen, kann man an einer halben Hand abzählen. Warum?! Keine Ahnung. Die erste Single "Machines That Breathe" ist nicht weniger als ein Hit. Der zweite Song "One Drop" genauso und wenn das in naher Zukunft so weitergeht, sagt bald mehr als eine bislang streng limitierte Gemeinschaft nerdiger Radioprogrammplaner ganz herzlich "Hallo" zu diesem Geheimtipp.

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Anderson .Paak - Malibu

Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
mittelmäßig
gut
sehr schön
herausragend
Zwischen Venice und Malibu passiert einiges
Noch nie etwas von Anderson .Paak gehört? Höchstens mal den Namen in den Credits auf “Compton” von Dr. Dre erspäht? Noch ist das als hinnehmbarer Fauxpas zu verbuchen. Auf seiner aktuellen Platte macht Paak aber sehr deutlich, dass das nicht mehr lange so durchgeht.