Jan Böhmermann äußert sich zu Reaktionen auf Schmähgedicht

"Merkel hat sich mit ihrem öffentlichen Urteil blamiert"

Kein bisschen Reue zeigt Jan Böhmermann in einem ersten Interview in DIE ZEIT nach der Staatsaffäre um sein Erdogan Gedicht. 

"Das war eine wahnsinnig gute Nummer, nur schade, dass sie von mir war".

So bewertet Jan Böhmermann inzwischen seine Satire über die Grenzen der Kunstfreiheit, die zur Staatsaffäre wurde, in die sich die Bundeskanzlerin einschaltete und den Weg für ein Strafverfahren wegen Majestätsbeleidigung frei machte.

Die Bundeskanzlerin habe ihn einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert, so Böhmermann. "Es geht und ging nie um Beleidi­gung, ich habe mir den Text ja eben gerade nicht zu eigen gemacht". In dem umstrittenen Beitrag hatte er erst minutenlang erklärt, dass plumpe Beleidigungen nicht durch die Kunstfreiheit gedeckt seien, um dann exemplarisch so eine plumpe Beleidigung gegen Erdogan vorzutragen.

"Präsident Erdoğan zu beleidigen ist mir zu doof. Ich denke, das hat man auch dem reichlich bescheuerten Schmähgedicht angemerkt. Jeder, der dieses Gedicht aus dem Zusammenhang nimmt und losgelöst von der gan­zen Nummer vorträgt, hat nicht alle Latten am Zaun."

Viele Türken, aber auch Journalisten hatten das Schmähgedicht, dass alle Türken-Klischees durchdekliniert, als rassistisch bewertet. Dieser Vorwurf hat Böhmermann - im Unterschied zur Reaktion der Bundesregierung - wirklich getroffen. "Die für mich schmerzhafteste Vorstellung ist wirklich, dass mich jemand wegen dieser Nummer ernsthaft für einen Rassisten oder Türkenfeind halten könnte." 

Er habe trotz der vielen Anfeindungen auch viel Unterstützung erhalten und über viele Reaktionen einfach nur geschmunzelt. "Wer hätte gedacht, dass Didi Hallervorden und Mathias Döpfner mal Hand in Hand für die Kunstfreiheit kämpfen?"

Wegen des drohenden Gerichtsverfahrens zeigt sich Böhmermann gelassen: "Jetzt wird eben im Namen des Volkes verhandelt: Witz gegen Bundesregierung. Ich bin gespannt, wer zuletzt lacht."

Allerdings hagelt es bei Twitter auch Kritik gegen Böhmermann nach dem Prinzip: wer austeilt muss auch einstecken können. Dabei kristallisiert sich vor allem eine Frage als besonders diskussionswürdig heraus: war das beleidigende Gedicht wirklich in irgendeiner Art und Weise witzig oder eben nicht doch bloß eine plumpe Beleidigung? Und ist ein Übergriff mit Ansage nicht trotzdem ein Übergriff? Wer jemandem vorab erklärt, dass er ihn rein rechtlich gesehen nicht verprügeln dürfte und ihm dann eine aufs Maul gibt, dürfte vor Gericht wohl kaum mit mildernden Umständen rechnen können.

Das leidige Thema wird uns wohl noch eine ganze Weile beschäftigen.

Das komplette Interview erscheint heute in DIE ZEIT.

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