Jenniffer Kae: "Es wird intim, handgemacht und gefühlvoll"

Vom Chamäleonmädchen zur eigenständigen Solo-Künstlerin

Nach einem ersten Longplayer vor mehr als zehn Jahren verdingte sich Jenniffer Kae vor allem als Backgroundsängerin für Mando Diao, Lena, Cro und weitere. Jetzt veröffentlicht die familienbedingte Weltbürgerin aus Hamburg ein neues Solo-Album voller Soul-Popperlen in deutscher Sprache. 

Jennifer Kae (Four Music)

Nach Jahren als Backgroundsängerin steht nun dein neues Solo-Album in den Startlöchern. Kannst du das Gefühl beschreiben, das du gerade hast?

Ich habe all die Jahre im stillen Kämmerlein immer weiter an meiner Musik geschraubt – parallel zum Live-Touring, immer, sobald ich nach Hause kam. Das Laute, Extrovertierte, das ist nur ein Teil von mir, denn wenn ich zurückkomme, dann hatte ich oft das starke Bedürfnis nach Einkehr in mein Inneres. Ich wollte mal wieder das Tempo raus nehmen. Ich freue mich, jetzt endlich, diese beiden Seiten zu verbinden und sie mit der Außenwelt zu teilen. Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich auch ziemlich nervös, weil ich mich jetzt nicht mehr hinter jemandem verstecken kann, die volle Verantwortung für mich trage und meine Musik vollständig verkörpere.

Was steckt hinter dem Titel "Halb 4"?

“Halb 4” ist die Stunde, in der sich die Nacht langsam zum Tage wendet. Ich lag nach langen Touren, nach Wochen ohne Routine, oft allein wach in meiner Bude. Es gab manchmal diesen Moment, in dem ich nicht mehr gegen die Schlaflosigkeit angekämpft habe und Wachsein begann, sich in eine schöne Erfahrung zu drehen. Nämlich immer dann, wenn die Gedankenwelt leiser wurde, mein Herz wieder die Führung übernehmen konnte und endlich den Raum hatte, laut zu träumen. In diesem Zustand wird alles möglich. Ich liebe das Bittersüße, viele meine Lieder auf dem Album sind eher melancholisch und trotzdem nicht mutlos. Deshalb fühlte sich dieser Titel fürs Album gleich stimmig an.

Jenniffer Kae - Chamäleonmädchen

Die erste Single ist "Chamäleonmädchen". Erzähl mir ein bisschen über die Idee hinter diesem Song, über das Chamäleonmädchen, die Parallelen zu dir selbst.

Das Chamäleonmädchen ist eine Meisterin im Anpassen. Wir alle haben so viele Gesichter und Rollen, die wir glauben erfüllen zu müssen, um zu gefallen. Um den Erwartungen an uns selbst gerecht zu werden, weiterzukommen, nicht negativ aufzufallen und so weiter. In Zeiten von Social Media fühlen wir uns außerdem jederzeit beobachtet und bewertet. Das ist ungesund. Ich bin davon auch nicht frei. Ich habe aber gemerkt, dass es mir gut tut, mich öfter mal rauszuziehen. Statt mich von Außen zu betrachten, wende ich mich regelmäßig meinem Inneren zu und beobachte, was da eigentlich so abläuft. Ich stelle mir dann Fragen wie: Tue ich die Dinge, die mir wichtig sind?

Du bist schon früh mit Musik in Berührung gekommen, stammst aus einer Künstlerfamilie. Kannst du ein bisschen mehr zu deinem musikalischen Background verraten?

Unsere Eltern sind ihr ganzes Leben lang als selbständige Musiker ihren Engagements hinterher gereist. Wir haben als Kinder auf den Kanaren gelebt, in Hochhäusern, kurzzeitig in einem Wohnwagen, auf dem Land, an Hauptstraßen, in Ferienapartments am Strand und einmal unter dem Dach eines alten Hotels. Meine Schwester und ich mussten früh lernen, uns schnell auf neue Situationen einzustellen. Das Reisen und die damit einhergehende Rastlosigkeit haben wir in unserer DNA. Ich glaube aber, das kommt uns beiden heute – im Beruf als Musikerinnen – zu Gute.

Du bist also vielfach mit deinen Eltern umgezogen und inzwischen in Hamburg zuhause. Wie sehr beeinflussen deine Lebensumstände deine Musik?

Immer wieder. In meinem Zuhause in Lüneburg zu landen und dort meine Reisen und Begegnungen zu reflektieren, das ist wie in meinem Nest anzukommen, indem ich durchatme und neue Kraft tanke. Zum Krafttanken gehört für mich das kreative Abtauchen in meine Welt einfach dazu: ausschlafen, ein gutes Buch lesen und endlich meine Freunde wiedersehen. Das Album ist sehr von meinem Bedürfnis nach Einkehr geprägt.

Was sind deine aktuellen musikalischen Einflüsse?

Ich liebe organische, gitarrenbasierte Musik zum Beispiel von Fink, Thomas Dybdahl und Junip, sowie Singer-Songwriter wie Damien Rice und Tina Dico für ihre Nahbarkeit und ihre Art, Geschichten zu erzählen. Mein Herz schlägt aber auch für die Metrik urbaner Sounds und die Gelassenheit und das Befreite, das man in bluesiger Musik findet.

Woraus beziehst du sonst die Inspirationen, die Ideen für deine Songs?

Mich interessieren vor allem die Blicke hinter die Fassade, hinein in die Menschenseele, wo die wahren Bedürfnisse, Träume und die Sehnsucht nach Heilung und Verbundenheit wohnen.

"Halb 4" ist nicht dein erstes Album. Mit "Faithfully" gab es bereits vor elf Jahren eines. Damals hast du allerdings Englisch gesungen …

Während der Arbeiten an “Faithfully”, das mir von einem dreiköpfigen, englischsprachigen Songwriter-Team auf den Leib geschneidert wurde, bin ich mit 19 Jahren meine ersten musikalischen Schritte gegangen. Bei fünf Songs auf dem Album wirkte ich zum ersten Mal aktiv am Schreibprozess mit, anfangs noch sehr zaghaft, obwohl ich mit Englisch groß geworden bin. Dass diese ersten Songs stark genug waren, um auf dem Album zu landen, hat mich überrascht und stolz gemacht. Damit kam ein wichtiger Stein für mich ins Rollen. Ich hatte bis dahin immer nur Lieder von anderen nachgesungen. Geschrieben habe ich aber schon immer gern, eigene Songs zu schreiben, das lag bislang dennoch außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Heute textest und singst du auf Deutsch. Warum hast du dich zu diesem Schritt entschieden?

Während der Arbeiten an meiner zweiten englischen EP lernte ich meinen bis heute sehr guten Freund, den begabten Musiker Nisse kennen. Man hat uns damals in eine gemeinsame Schreib-Session für eine deutschsprachige Künstlerin gepackt, die neues Material suchte. Ich sang am Abend das Demo des Songs ein, den wir den Tag über geschrieben hatten. Es hat einfach geflowt. Nisse, zu dem ich vor allem textlich sehr aufgeschaut habe, hat mich ermutigt. Und er unterstützt mich dabei, diesem neuen Weg zu trauen und meine eigene Sprache zu erforschen. Auf einmal gab es eine neue Herausforderung, die mich kreativ reizte und auf eine völlig neue Art mit mir in Resonanz ging.

Schreibst du deine Songs inzwischen im Alleingang oder hast du nach wie vor andere Songschreiber, mit denen du zusammen arbeitest?

Die Überschrift des Liedes, das Thema, eine Geschichte, über die ich singen möchte, muss in mir keimen. Ich kann und möchte mir keine Gefühle ad hoc aus den Fingern saugen. Fast alle Songs auf dem Album starteten auf meinem Sofa - mit einem Vers und einem Chorus auf der Gitarre. Einige Lieder wie “Stille” oder “Schwach” habe ich genau so zu Ende schreiben können. Für andere Fälle hatte ich zwei Menschen an meiner Seite, denen ich vertraue. Wenn ich textlich irgendwo feststeckte oder unsicher war und spürte, dass ich einen Impuls von Außen gebrauchen könnte, um den Song ins Ziel zu tragen. Das waren Nisse und die wundervolle Louka. Musikalisch kompositorisch veredelt hat Hannes Butzer das Ganze mit seinem unglaublichen Gitarrenspiel. Das Team der begabten Musiker - vom Schreibprozess über die Aufnahme jedes einzelnen Instruments - besteht aus Menschen, die mir sehr am Herzen liegen. Darauf bin ich wirklich stolz und dafür sehr dankbar.

Du hast im Background verschiedener Künstler gesungen. Gab es eine Zusammenarbeit, die dich besonders inspiriert hat?

Die Energie und das Befreite der Band Mando Diao waren für mich ein absolutes Highlight. Diese Jungs waren Abend für Abend on fire. Vor 100 oder 15.000 Menschen, das spielte keine Rolle. Was zählte, war unsere gemeinsame Energie auf und vor der Bühne. Selten habe ich so eine Hingabe erlebt!

Wann fiel die Entscheidung, deine Solo-Karriere neu anzugehen? Gab es dafür eine Initialzündung?

Das spontane Aufeinandertreffen mit meinem Produzenten Hannes Butzer während eines Jobs war ein großer Auslöser. Ich habe in ihm einen musikalischen Seelenverwandten getroffen. Als ich ihm meine Lieder vorspielte und wir die ersten zwei Demos erarbeitet hatten, da dachte ich: Mit ihm will ich ein Album machen.

Du gehst jetzt auf Tour. Was erhoffst du dir von den Abenden, worauf darf dein Publikum hoffen?

Ich freu mich darauf, die Lieder des Albums zu neuem Leben zu erwecken. Das Publikum kennt bisher nur drei, vier Songs, und ich freue mich, ihnen das ganze Spektrum zu zeigen. Ich habe eine großartige Band dabei, die so viel Herz in diese Umsetzung stecken. Es wird intim, handgemacht und gefühlvoll.

Jenniffer Kae - Hier zu sein Teil 1

Jenniffer Kae live

16.05.2019, Köln - Yuca Club
17.05.2019, Stuttgart, Keller Club
18.05.2019, München, Milla Club
19.05.2019, Leipzig, Neues Schauspiel
20.05.2019, Berlin, Kantine am Berghain
21.05.2019, Hamburg, Nachtwache

Jenniffer Kae - Halb 4

Jenniffer Kae

Jenniffer Kae ist eine deutsche Soulpop-Sängerin. 2019 veröffentlichte sie bei Four Music ihr erstes deutschsprachiges Soloalbum.

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