Konzerte in Zeiten von Corona: Veranstalter fordern Entschädigung

Berliner Veranstalter wollen stufenweise Öffnung oder 100 Prozent Kompensation

Die Veranstaltungsbranche steht vor dem Kollaps. Bis 24. Oktober sind alle größeren Veranstaltungen in Berlin verboten. In einem offenen Brief fordern die Konzertveranstalter die Politik zum Handeln auf.

Mit einem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister rufen rund 60 Berliner Konzertveranstalter um Hilfe: Man brauche Planungssicherheit für eine stufenweise Aufstockung der Kapazitäten für Veranstaltungen oder eine volle Kompensation für die Einnahmenverluste. Ansonsten werde die Branche Corona nicht überleben und unser kulturelles Leben wird über Jahre in die Steinzeit zurück befördert. Das betrifft nicht nur Berlin, obwohl die Hauptstadt vor allem durch ihr buntes kulturelles Leben zum Touristenmagnet geworden ist, sondern auch alle anderen Städte und Kommunen in Deutschland.

Wer künftig noch in Konzerte, Theater oder Clubs gehen will, muss sich auf eine dramatische Ausdünnung des Angebots und lange Schlangen einstellen, alternativ werden sich die Kids andere Orte suchen und die Parks unsicher machen mit illegalen Raves und unkontrollierbaren Partys.

Es liegt also auch im Interesse der Städte, die Forderungen der Veranstalter ernstzunehmen, auch wenn eine Rückkehr zur Normalität derzeit aus gesundheitlicher Sicht völlig ausgeschlossen scheint und ein völlig falsches Signal senden würde.

OFFENER BRIEF DER PRIVATEN VERANSTALTUNGSWIRTSCHAFT AN DEN REGIERENDEN BÜRGERMEISTER DER STADT BERLIN, SENAT UND POLITIK

Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister Müller,

in der Verfassung von Berlin steht im Abschnitt II: Grundrechte, Staatsziele

Artikel 20 (2) Das Land schützt und fördert das kulturelle Leben.

Als wesentlicher Bestandteil des kulturellen Lebens unserer Stadt brauchen WIR, die gesamte Veranstaltungs- und Eventbranche Berlins mit allen dazugehörigen Gewerken einen sofortigen Gesprächstermin, um schnelle Lösungen zum Überleben für uns und die entsprechend partizipierenden Branchen zu finden und umzusetzen. Es wird Zeit, dass nicht über uns, sondern mit uns beraten und entschieden wird!

Seit März 2020 sind Veranstaltungen in wirtschaftlich sinnvollen Größenordnungen behördlich verboten. In den Kernkompetenzen der betroffenen Gewerke bedeutet das einen 100% - igen Umsatzverlust bei weiterlaufenden Fixkosten.

"Wenn nun eine Situation entsteht, in der wegen einer Pandemie im Kulturbereich von heute auf morgen de facto sämtliche Einnahmen wegbrechen, müssen wir helfen. Oder wir sagen: „Es ist uns egal. Das ist höhere Gewalt.“ Dazu bin ich nicht bereit, ich akzeptiere das nicht. Ich werde beim Wegsterben der Kulturlandschaft nicht tatenlos zusehen."
Zitat von Dr. Klaus Lederer am 07.08.2020 in einem Interview im Cicero – Magazin für politische Kultur

Soforthilfen und Überbrückungsgelder vom Land oder Bund, sofern sie denn überhaupt für die einzelnen Firmen zum Tragen kommen, stellen bei Weitem keine ausreichende Lösung dar, sondern zögern die finanziellen Nöte nur hinaus. Auch Kurzarbeit ist nur eine zeitlich begrenzte Hilfe, um nicht sofort alle Mitarbeiter*innen entlassen zu müssen und auch nur solange sinnvoll, wie die entsprechenden Firmen existieren können. Entlassungen und Insolvenzen haben bereits begonnen. Es droht ein massives Firmensterben sowie zahlreichen, qualifizierten Arbeitnehmer*innen die
Arbeitslosigkeit.

Es dürfen zwar im September diesen Jahres u.a. in der Waldbühne und der Wuhlheide Veranstaltungen mit einem Viertel der maximal möglichen Gästezahl stattfinden. Diese sind allerdings nicht wirtschaftlich darstellbar, werden exemplarisch als Zeichen unseres Daseins geführt und sollten nur als Hilfeschrei aufgefasst werden.

Unsere Stadt Berlin lebt von der Kreativwirtschaft. Diese ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor und Magnet für Besucher*innen. Unsere Bürger*innen wollen leben – nicht nur überleben! Dafür bedarf es allerdings einer funktionierenden Veranstaltungswirtschaft. Ansonsten feiert die Bevölkerung ohne Einfluss durch Politik oder die Organisation seitens professioneller Veranstalter, erzeugt Superspreader-Events, sorgt für Ärger in der Bevölkerung, Vertrauensverlust in die Politik, Kosten für Polizeieinsätze und schlimmstenfalls für steigende Infektionszahlen.

Um den Spielbetrieb wieder in reguläre Bahnen zu führen sind wir gern bereit, zusammen mit den Behörden einheitliche Hygienekonzepte nach aktuellem Stand der Wissenschaft zu erstellen, zu evaluieren und fortzuschreiben. Gelernte Standards aus anderen öffentlichen Räumen sind dabei umzusetzen (z.B. personalisiertes Ticketing, Desinfektion, Mund-Nasen-Schutz, Regulierung der Personenströme nach Zeit und Ort, Vermeidung von Kontaktpunkten, Spuckschutz, etc.). Wir benötigen das Vertrauen der Politik in unsere Arbeit. Unser Publikum ist tolerant, verantwortungsvoll und kann mit klar vorgegebenen Regeln umgehen. Sie müssen uns und den Zuschauer*innen jedoch die Chance geben, das zu beweisen.

Wir fordern Sie auf: Schützen und fördern Sie das kulturelle Leben unserer Hauptstadt!

Die aktuell gültige Verordnung für Veranstaltungen tritt mit Ablauf des 24. Oktober 2020 außer Kraft. Es bedarf darauf aufbauend einer klaren und verbindlichen Perspektive und somit:

- zeitnaher stufenweiser Kapazitätserhöhungen der Veranstaltungen mit
o 60% ab 25.10.2020
o 80% ab 01.12.2020
o ab 1. Januar 2021 mit maximaler Kapazität
- praktikablen Lösungen für die Clubs, Agenturen und Künstler unserer Stadt!
- zusätzlicher finanzieller Unterstützung, um gleichberechtigt zu den subventionierten Spielstätten den Betrieb aufrechterhalten zu können!

Darüber hinaus bedarf es für 2021 einer Erhöhung der zulässigen Anzahl von Open Air Konzerten in Berlin, um so wenigstens die Möglichkeit zu haben, in 2020 ausgefallene Konzerte nachholen zu können!

Sofern die pandemische Entwicklung weiterhin keine wirtschaftlich sinnvollen Veranstaltungen zulässt, fordern wir eine 100%ige Entschädigung für alle betroffenen Unternehmen und Selbstständigen der Veranstaltungswirtschaft (anhand der Umsatzzahlen des Vorjahres – belegbar durch den Steuerberater) sowie eine umfangreiche Bezuschussung für einen kompletten Neustart in 2021.

Berlin hat so oft in der Vergangenheit Innovationen in die Welt getragen. Daher sollten wir den Wiederbetrieb des kulturellen Lebens als Leuchtturmprojekt verstehen, und der Welt als Vorbild für einen Neustart während und nach Corona dienen.

Dieses Jahr ist für alle Firmen der Veranstaltungswirtschaft ein wirtschaftlicher Überlebenskampf. Schnelle und für alle tragbare Lösungen sind alternativlos. Ansonsten ist die gesamte private Kulturlandschaft unserer Stadt dem Untergang geweiht. Damit stirbt ein großer, wenn nicht sogar der größte Wirtschaftszweig Berlins, der weit in alle anderen Branchen sichtbar sein wird.

Dieses Schreiben basiert auf dem bereits am 20. Mai 2020 an den Senat gerichteten Leitfaden zur schrittweisen Wiedereröffnung.

Im Namen der Berliner Veranstaltungs- & Eventbranche zeichnen hiermit u.a.:

alpha sound GmbH – Karin & Christian Fahr

Apassionata World GmbH - Johannes Mock O`Hara

New Berlin Konzerte & Events GmbH – Norbert Döpp-Veidt

B.E.S.T. Veranstaltungsdienste GmbH Berlin – Henry Klemm

BigRig Berlin GmbH – Malte Jäger

Bilstein GmbH - Trucking & Equipment Berlin – Christian Bilstein

Booking United – Juliane Kindermann, Markus Nisch

Catering Weisse Rose – Anjutta Janson und Heiko Kirchheim

Channel Music GmbhChannel Music GmbH – André Krüger

Columbiahalle GmbH & Columbia Theater Berlin GmbH – Tenbrock

Complete Audio Berlin – André Rauhut

Concertbüro Zahlmann GmbH – Burghard Zahlmann

Concert Concept Veranstaltungs-GmbH Berlin – Lutz Grotehöfer

Destiny Tourbooking – David Pollack

Domäne Dahlem Veranstaltungs GmbH – Karsten Maruhn

d2mberlin GmbH – Daniel Domdey

faces Veranstaltungstechnik GmbH – Philipp Seifert

Filter Music Group – Christoph Kranz

Goodlive Artists Verwaltungs GmbH – Justus Mang

GreyZone Concerts & Promotion – Stefan Grey

GVS Garderoben-und Veranstaltungsservice GmbH – Rüdiger Zerbe

happy production Künstlermanagement – Adele Walther

innercircle GmbH – Oliver Hörn

KBK Konzert- und Künstleragentur GmbH – Klaus Bönisch

Konzert -und Theaterkasse Interklassik GmbH bei Dussmann Das KulturKaufhaus – Sascha Räthel / Steffen Schönmuth

Kooperative Tateinheit GmbH – Gordon Kärsten

Landstreicher Konzerte GmbH – Johanna Ohrt

Lehmann Crew HQ Gesellschaft für Veranstaltungen und Zeltverleih mbH – Frank Lehmann

Live Legend Konzertagentur GmbH – Mohamed Anayssi

Live Nation Germany - Austria - Switzerland GmbH – Marek Lieberberg

MAD TOURBOOKINGM.A.D. Tourbooking GMBH – Marc Nickel

Maze UG – Mark Beversdorf

MCT Agentur – Scumeck Sabottka

Mehr-BB Entertainment Theater GmbH, Admiralspalast Berlin – Maik Klokow

Mercedes-Benz Arena Berlin – Ole Hertel

Morsh Berlin – Franklin Edmond

Platinsong – Toni Krahl und Fritz Puppel

Prima Künstlermanagement PRIMA on tour Veranstaltungs GmbH – Christian Wolff

Promotionagentur Berlin - Potential Allstars UG (haftungsbeschränkt) – Robert Puppel

PTB Sicherheitsmanagement GmbH – Arne Fritsche

Quatsch Comedy Club – Serious Fun GmbH – Thomas Pape

RBK Fusion GmbH – Rouven Bönisch & Jobst Neermann

SanServ GmbH & B+S GmbH – Stefanie Kalbermatter

Scan Audio e.K. – Frank Wolter

schwandt. Versicherungsmakler KG – Hans-Peter Schwandt

SEAN Event Security GmbH – Ugurhan Seven

Semmel-Concerts Entertainment GmbH – Dieter Semmelmann

Schlosspark Theater Berlin & Berliner Kabarett-Theater Die Wühlmäuse – Dieter Hallervorden

Stageco Deutschland GmbH NL Berlin – Sebastian Kraas

Star Entertainment – Jaka Bizilj

Stars in Concert – Bernhard Kurz

Teamflex Solutions GmbH – Marc Böttger

Team Kesselhaus in der Kulturbrauerei in Berlin - Consense Gesellschaft zur Förderung von Kultur mbH – Sören Birke

together Promotion GmbH – Marcus Wortmeier

Touchdown Event Solutions – David Eickelberg

Trinity Music GmbH – Tom Spindler

TSE AG – Technik und Service für Events AG – Marcel Fery

V Event GmbH – Robert Puppel

Verti Music Hall – Dirk Dreyer

Weissontour – Rainer Weiß

Wintergarten Berlin Variete – Arnold Kuthe Entertainment GmbH – Georg Strecker