Leben fürs Rampenlicht: Berühmt sein um jeden Preis?

Viel Licht, viel Schatten

Reich und berühmt, immer im Mittelpunkt, immer gefeiert. Das Bild, das viele vom Leben als Musiker haben, entspricht nur selten der Realität. Der Einstieg in die Branche ist mit viel Arbeit und bisweilen noch mehr Entbehrungen verbunden. Und selbst wenn der Sprung ins Rampenlicht tatsächlich gelingt, bleibt doch die Frage: Ist es das wirklich wert?

Ruhm zwischen Rampenlicht und Schattenseiten. © Melinda Nagy/fotolia.com

„Der Ruhm großer Menschen muss stets an den Mitteln gemessen werden, wodurch sie ihn errangen.“

Der Weg zum Ruhm

François de La Rochefoucauld stellte einen hohen Anspruch an berühmte Menschen. Er selbst war allerdings keine Musikergröße, sondern ein französischer Schriftsteller des 17. Jahrhunderts. Was wiederum nicht bedeutet, dass seine Erkenntnis nicht durchaus auf heutige Tage übertragbar wäre. Schon alleine deshalb, weil es zwar selten so viele Möglichkeiten gab, berühmt zu werden wie heutzutage – allerdings sind die meisten Arten davon auch recht flüchtig. Der schnelle Ruhm, von dem viele träumen, heißt nicht nur so, weil er so schnell erlangt werden kann. Sondern weil er ebenso schnell wieder verflogen ist.

“In der Zukunft wird jeder für 15 Minuten berühmt sein”, sagte Andy Warhol bereits 1968 – und er sollte recht behalten. Jeder von uns kennt inzwischen jemanden, der mal an einer Casting-Show teilgenommen hat oder anderweitig kurzzeitige Berühmtheit erlangte.

Aussichten auf die Musikbranche

Wer mehr aus seiner Leidenschaft für die Musik machen will, sollte diese auf keinen Fall verlieren – auch wenn Kompromisse oft nicht zu umgehen sind. (fotolia.com © slonme)

Musikalischer Ruhm, der länger anhält als den einen Hit, kommt für gewöhnlich nicht mit Höchstgeschwindigkeit und ebenso wenig mit Leichtigkeit. Der Erfolg auf der Bühne erfordert viel harte Arbeit und mindestens genauso viele Kompromisse. Das Leben als Berufsmusiker bedeutet einen Balance-Akt auf dem schmalen Grat zwischen dem Ausleben der Leidenschaft und dem schnöden Geldverdienen zum Überleben. Was die notwendige Leidenschaft für die Musik nur noch wichtiger macht.

Und zwar ganz unabhängig davon, ob das Musikmachen eher als Beruf aufgefasst wird oder eben doch der künstlerische Aspekt im Vordergrund steht. So oder so wird sich jeder Musiker damit abfinden müssen, dass seine Fähigkeiten und sein „Produkt“ auch den Marktprinzipien unterworfen sind. Also Angebot und Nachfrage, selbst wenn letztere mit großer Wahrscheinlichkeit nicht immer dem eigenen Geschmack entsprechen dürfte.

Auf der anderen Seite steht die künstlerische Selbstverwirklichung, die im Gegensatz dazu sogar eine gewisse Kompromisslosigkeit verlangt. Aber selbst in dieser Hinsicht müssen Kompromisse geschlossen werden, etwa wenn es um Veröffentlichungswege für die eigene Musik geht, um mögliche Einschränkungen durch die Zusammenarbeit mit Plattenlabels und sonstigen Partnern. Wer Geld mit der Musik verdienen will, kann selten einfach nur das tun, was er will.

Einstieg ins Business

Dabei scheinen der Einstieg in die Musikbranche und damit die ersten Schritte hin zum Ruhm doch wirklich vergleichsweise einfach zu sein. Das zumindest suggerieren die immer noch zahlreichen, offenbar niemals enden wollenden, stets wiederkehrenden Castingformate im Fernsehen. Solange die Shows laufen, ist den Teilnehmern viel Aufmerksamkeit gewiss, bei ausreichend Talent in Sachen Selbstvermarktung können sie sogar einen eigenen Fanclub aufbauen, der die TV-Prominenz überdauert.

„Generation Casting“ – was die Teilnehmer selbst zu den Shows sagen​

Ist das gleichzusetzen mit Berühmtheit? Vermutlich nicht. Weil es für die meisten Teilnehmer zu kaum mehr reicht als einem zeitlich überschaubaren Maß an Bekanntheit. Nicht einmal der Sieg bei einem der Talentsuch-Formate garantiert nachhaltigen Erfolg und noch weniger Ruhm. Zwar kennt man noch die Namen der Gewinner, aber Hits hatten nur die wenigsten nach Ende der Show. Bleibt natürlich die Frage, wie etwa Erfolg bemessen werden soll.

Geht es dabei vornehmlich um das Berühmtsein, ist die mediale Präsenz der wohl ausschlaggebende Faktor. Immerhin, und das dürfte kaum ein Geheimnis sein, sind diese Shows Unterhaltungsprogramm. Um Musik geht es nur am Rande. Entsprechend müssen die Kandidaten damit rechnen, für eben diese Zwecke eingespannt zu werden – mit dem Ergebnis, dass sie womöglich nicht so rüberkommen, wie sie es sich wünschen. Und das ihnen ein Image aufgedrückt wird, mit dem sie dann leben müssen.

Auf der anderen Seite ist das Mitmachen bei einer Castingshow in jeder Hinsicht eine Erfahrung, selbst wenn es nur darauf hinausläuft festzustellen: Das „Showbiz“ ist nichts für mich, weil möglicherweise der (Bewertungs-)Druck zu hoch ist. Andererseits bietet sich hier eine Umgebung, die doch zur Förderung des eigenen Talents beitragen kann und eventuell den Weg in das bezahlte Musizieren ermöglicht. Vielleicht nicht gerade im Rampenlicht, auf den großen Bühnen dieser Welt. Aber Erfolg kann schließlich auch ganz anders aussehen. Wer clever ist, kann sich zumindest so vermarkten, dass man mit der Musik über die Runden kommt. Reich wird man als Musiker nur in den seltensten Fällen und auch nur, wenn man Musik schreibt und produziert. Interpreten müssen in der Regel auf der Bühne stehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Viel Arbeit, viel Konkurrenz, aber nur wenig Prestige – trotzdem suchen viele ihre musikalische Erfüllung beim Orchester. (Foto: fotolia.com © DeshaCAM)

Für einen Orchestermusiker kann der Erfolg schon darin bestehen, überhaupt irgendwo eine der immer weniger werdenden Planstellen in einem Orchester zu finden. Was angesichts gleichzeitig steigender Absolventenzahlen an den Musikhochschulen tatsächlich keine leichte Aufgabe ist. Der Konkurrenzkampf ist daher sicher nicht kleiner als in den Castingshows, mit dem Unterschied, dass es für die Orchestermusiker wirklich darum geht, eine Anstellung in ihrem erlernten Beruf zu bekommen und nicht nur berühmt zu werden.

„Das Ziel der Hochschulen ist, hochspezialisierte und –qualifizierte Fachkräfte auszubilden, die verlässliche Spitzenleistungen erbringen.“ (Helmut Möller/Deniza Popova: Der Hürdenlauf zum Orchestermusiker)

Zwar ist eine Stelle in einem Orchester sehr ordentlich bezahlt, aber aufgrund der enormen Konkurrenz haben nur wenige ausgebildete Musiker das Glück eine solche zu ergattern. Keine sonderlich rosigen Aussichten, häufig genug führt der Weg nach dem Hochschulabschluss in die Tätigkeit als frei- oder nebenberuflich schaffender Musiker oder Musiklehrer. Nicht zwingend eine Verbesserung der Lage, selbst wenn Deutschland nach dem Lautenisten Alex Wolf nach wie vor ein Umfeld bietet, „in dem man als freischaffender Musiker leben kann.“ Allerdings nicht ohne Entbehrungen und nicht ohne Risiken – eben ein Leben zwischen der Liebe zur Musik und den Anforderungen des freien Marktes.

Klein anfangen: Erfahrungen als Vorband

Es ist für Musiker also nicht einfach, sich heute mit ihrem Beruf den Lebensunterhalt zu bestreiten. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass es Bands wesentlich leichter hätten. Ganz im Gegenteil. Wer glaubt, die eigene Bekanntheit durch Auftritte als Support steigern zu können, wird sich vor die eine oder andere Schwierigkeit gestellt sehen. Wobei auch in diesem Fall, wie eigentlich in allen bisher genannten, gilt: Ob dieser Weg am Ende funktioniert, ist immer von der jeweiligen Situation abhängig. Die Erfahrungen können daher ganz unterschiedlich ausfallen und am Ende muss dann sowohl das Bemühen um einen Auftritt als Vorband als auch die Umstände des Spielens vor einem bekannteren Act als genau das aufgegriffen werden – als Erfahrung.

Das süße Leben im Rampenlicht

Immer noch für viele das Ziel aller Träume: Das umjubelte Bad im Rampenlicht der Bühne. (Foto: fotolia.com © Melinda Nagy)

Gemessen an den Widrigkeiten, mit denen die Musikbranche – egal in welchem ihrer Teilbereiche – ambitionierten Künstlern und solchen, die es gerne werden wollen, aufwartet: Warum sollte irgendjemand die Mühsal auf sich nehmen, ganz groß rauszukommen und der nächste Star am Musikerhimmel zu werden? Es kann dabei ja nicht ausschließlich um die Liebe zur Musik gehen, denn um die auszuleben, gibt es schließlich andere Wege. Eine Professionalisierung ist dabei nicht einmal zwingend notwendig, seiner Leidenschaft für das Musizieren und/oder Singen könnte man ebenso gut auf Freizeitniveau nachgehen.

Warum also? Weil es sie natürlich gibt, die Erfolgsgeschichten aus dem Musikbusiness. Und das in ganz unterschiedlichen Genres, auf ganz unterschiedliche Weise. Es wird wenige Auflistungen geben, in denen Lady Gaga und Unheilig nebeneinander auftauchen werden, aber trotzdem sind sie beide Beispiele für ein erfolgreiches Musikerdasein. Auch wenn es bei beiden jahrelang gebraucht hat, bis sie mit ihrem Namen die großen Arenen füllen konnten.

Aufmerksamkeit

Allerdings ist das Spiel mit der Aufmerksamkeit ohne jeden Zweifel eine zweischneidige Angelegenheit. Offensichtlich ist es unserer Zeit inzwischen unerlässlich, auf irgendeine Weise aufzufallen, will man aus der Masse hervorstechen. Die Masse ist allerdings nur ein Teil des Problems, wenn auch ein ganz erheblicher. Dass immer mehr Musik-Acts in die Branche drängen hat unter anderem mit völlig anderen Grundvoraussetzungen zu tun, als noch vor ein paar Jahrzehnten. Musik lässt sich mit den heutigen technischen Mitteln zu Hause produzieren, für den Vertrieb sind die Major Labels – bis zu einem gewissen Punkt – nicht mehr notwendig.

„Die Prominenz ist der virtuelle Adel der Medienwelt.“ (Prof. Dr. Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger: Im Labyrinth der Gedanken)

Die harmlose Form der Aufmerksamkeit ist die des Publikums beim Live-Auftritt – die Medien interessiert aber nicht allein der „berufliche“ Teil des Musikerdaseins. (Foto:  fotolia.com © Melinda Nagy)


Da sind gute musikalische Veranlagungen nur noch eine Bedingung für den Erfolg, als publikums- und öffentlichkeitswirksames Alleinstellungsmerkmal reichen sich mitunter einfach nicht mehr aus. Das berüchtigte und vielzitierte „Gesamtpaket“ muss stimmen, was nichts anderes bedeutet als eine allgemeine Vermarktbarkeit. Singen, Tanzen, Aussehen – das sind keine Faktoren, die die Musikbranche eben erst erfunden hätte. Sie sind deswegen immer noch die Basis, auf der die mediale Aufmerksamkeit beruht. Je nachdem, wie weit die Ambitionen in dieser Hinsicht reichen, müssen diese Aspekte aber ausgebaut werden.

Das Problem daran: Die heutige Gesellschaft hat einfach schon zu viel gesehen. Der Gedanke, die Beatles könnten mit ihrer Musik für Schockmomente gesorgt haben, ist heute bestenfalls noch eine Anekdote, die für ein gewisses, bei den Jüngeren vielleicht sogar verständnisloses Amüsement reicht. Bunte Kostüme, provokante Auftritte, kontroverse Aktionen, gefühlt ist alles schon einmal da gewesen. Ist die Öffentlichkeit gelangweilt, ist es allerdings mit der Aufmerksamkeit nicht mehr weit her.

Umgang mit der (medialen) Öffentlichkeit ist zwar eine Begleiterscheinung des Ruhms, sollte aber das Privatleben möglichst unberührt lassen. (Foto: fotolia.com © biker3)

Wer Aufmerksamkeit will – und niemand wird bestreiten wollen, dass ein Mindestmaß  jedem nur recht ist –, profitiert in diesem Umfeld von einem gewissen Hang zum Exhibitionismus. Nur keine Publicity ist schließlich schlechte Publicity und im digitalen Zeitalter, in denen die Informationsflut ohnehin kaum noch zu bewältigen ist, zählt Auffallen deshalb umso mehr.

Was bleibt von der Privatsphäre?

Zweischneidig ist diese Thematik deshalb, weil die Musiker selbstverständlich nicht nur Personen des öffentlichen Lebens sind. Genau genommen ist das nur die Rolle, die sie für Publikum und Medien spielen. Abseits der Bühnen und fernab der Kameras sind sie eben auch Privatpersonen, mit privaten Bedürfnissen, mit einem privaten Leben.

Aus dieser Perspektive kann sich die Aufmerksamkeit als erhebliches Problem erweisen. Das mediale Interesse erwecken heißt in gleichem Maße, es aushalten zu können. Das bedeutet, sich unter Umständen auf immer kleinere und immer seltenere Rückzugsmöglichkeiten einstellen zu müssen. Oder zumindest auf die Tatsache, dass eigentlich alltägliche Angelegenheiten plötzlich doch für die Öffentlichkeit von Belang sein könnten.

Das ist für eine Einzelperson schwierig genug und es wird ganz sicher nicht einfacher, wenn es darum geht, eine Familie vor allzu aufdringlichem öffentlichem Interesse zu bewahren. Ein schwieriger Spagat zwischen Erwartungshaltung von Fans und Medien und der familiären Privatsphäre, der leicht zu Grenzüberschreitungen führen kann. Dabei sollte öffentlichkeitswirksames Auftreten nicht mit einer Einladung verwechselt werden, das Privatleben offen auszubreiten. Nicht nur Stars wie das Wu-Tang-Clan-Mitglied Method Man halten private Angelegenheiten lieber aus den Medien heraus und verfahren damit ganz ähnlich wie etwa Xaiver Naidoo, Andreas Bourani, Cro oder Katy Perry. Sie alle stehen zwar im Rampenlicht, wissen aber auch sehr genau, dass ihre Familien dort eben nichts zu suchen haben und schirmen sie vollständig ab.

Alle haben zu allem eine Meinung

Eine weitere Kehrseite der Aufmerksamkeit: Das Echo auf die Leistungen oder das Auftreten insgesamt sind nicht immer nur positiv. Jetzt ist Kritik am künstlerischen Schaffen ebenfalls keine neue Erfindung, aber es ist selten so leicht gewesen wie heute, diese öffentlich loszuwerden – den sozialen Medien sei Dank.

Gefeiert oder nicht? In der Konfrontation mit dem Publikum ist Kritik am härtesten, weil sie dort ganz unmittelbar kundgetan wird. (Foto: fotolia.com © shocky)

Das ist etwas, womit jeder Musiker lernen muss, zurecht zu kommen. Denn die Musik ist keine Ausnahme von einer der grundlegenden Erfahrungen des Lebens: Es ist schlichtweg unmöglich, es allen Leuten recht zu machen. Wer sich beispielsweise musikalisch weiterentwickelt und neue Wege geht, verprellt damit möglicherweise eingefleischte Fans, die Beibehaltung des alten Stils beharren.

Wer sich stattdessen zu sehr auf Bewährtes verlässt, langweilt irgendwann vielleicht sogar die Anhänger, die ihre Lieblingsband/ihre Lieblingskünstler ansonsten gerne in der ihnen bekannten und geliebten Weise konservieren möchten. Lässt man sich auf diese Art Spiel ein, droht ein Balanceakt zwischen Sell-Out-Vorwürfen und Experimentier-Unlust. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Kritik nicht allein auf die Musik beschränkt, jedenfalls wenn das mediale Interesse groß genug ist. Da ist ein robustes Nervenkostüm notwendig, um der Kritik standzuhalten.

Reichtum

Anderer Anreiz, anderes Dilemma – die Sache mit dem Reichtum. Ja, zweifellos können Top-Acts der Musikbranche wirklich viel verdienen und deswegen erscheint es manchem Musiker so erstrebenswert, diesen Größen nachzueifern. Darüber sollte nicht vergessen werden, dass diese Stars nicht nur auf künstlerischer Ebene Ausnahmen darstellen.

Von der Musik leben – oder richtig reich werden?

Quelle: © statista (Foto:  fotolia.com / slonme)

Deswegen ist es gar keine so unwichtige Frage, wie essentiell der finanzielle Aspekt überhaupt ist. Wie eingangs schon angesprochen, ist es durchaus möglich, mit dem Musikmachen seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Im Normalfall bedeutet das aber eben keine Reichtümer.

Für freischaffende Musiker bestehen hingegen zusätzliche Risiken, weil schon kleinste gesundheitliche Beeinträchtigungen zu geplatzten Auftritten und somit zu verlorenen Gagen führen. Was für sich genommen schlimm genug ist, im ungünstigsten Fall aber sogar Chancen für die Zukunft verbaut – die Konkurrenz ist schließlich groß und andere Musiker kaum weniger interessiert an den Jobangeboten, die sich auftun.

Und oft genug stehen vor dem Geldverdienen erst einmal Investitionen – für Anreisen, Unterkünfte etc. Nicht zu vergessen die monatlichen Fixkosten, die nur wenig Rücksicht nehmen auf Einnahmen, die in Höhe und Regelmäßigkeit schwanken. Unter diesen Voraussetzungen muss der Traum vom schnellen Reichtum durch die eigene Musik genau das bleiben und es steht im Normalfall nicht zu erwarten, dass er sich wie von Zauberhand (oder überhaupt) erfüllt.

Erfolg

“A man is a success if he gets up in the morning and gets to bed at night, and in between he does what he wants to do.” (Bob Dylan)

Erfolg bleibt zuletzt eine scheinbar schwer messbare Größe. Was nicht ganz richtig ist, denn theoretisch lässt sich Erfolg sehr wohl bemessen. An Platten- und Ticketverkäufen, Download- und Klickzahlen. Stellt sich trotzdem die Frage, ob das alles ist, was unter Erfolg verstanden werden kann. Immerhin sind persönliche Ziele ebenso unterschiedlich wie die Menschen selbst. Nicht jeder definiert den Erfolg in seinem Leben über das Geld, das er verdient hat oder die Singles, die er verkauft hat. Ganz abgesehen davon, dass sich solche Zahlen unter Umständen nur in einem sehr begrenzten Zeitraum auf einem beachtenswerten Niveau befinden. Das ist kurzfristig betrachtet trotz allem ein Erfolg, dennoch denken die meisten Menschen wohl eher in längeren Zeitabschnitten, wenn das Schaffen bilanziert werden soll.

Scheitern als Chance?

Wie auch immer der Erfolg definiert wird, er ist in keinem Fall garantiert. Im Gegenteil ist es nicht unwahrscheinlich, in seinen Bemühungen zu scheitern. Das ist vielleicht in der anfänglichen Euphorie und der Leidenschaft für die Musik erst einmal gar kein Thema. Trotzdem lauert die Gefahr prinzipiell bei jedem Auftritt.

Ausbleibender Erfolg führt schnell zu Niedergeschlagenheit – oder gibt eine Initialzündung für ein Umdenken. (Foto: fotolia.com © Tony)

Wer sich vom ersten Rückschlag nicht gleich völlig entmutigen lassen möchte, muss also einen Weg finden, mit einem Scheitern oder sogar anhaltender Erfolglosigkeit umzugehen. Schlussendlich gehört eben auch der Misserfolg zum künstlerischen Schaffen dazu. Die konsequente Selbstverwirklichung als Musiker etwa nimmt nur wenig Rücksicht auf den aktuellen Geschmack des Publikums, auch wenn der am Ende darüber entscheidet, ob ein neues Album Anklang findet oder nicht. Noch drastischer, weil noch unmittelbarer ist das Gefühl des Scheiterns in der direkten Konfrontation mit dem Publikum.

Wie also mit Kritik umgehen, wie den eigenen Misserfolg überwinden? Das kann kaum mit einer Pauschal-Lösung beantwortet werden. Natürlich ist es schwierig, die Meinungen anderer nicht zu persönlich zu nehmen, denn kaum etwas ist persönlicher als die eigene Musik. Auf der anderen Seite bedeutet Meinung nicht gleich Recht haben. Aber selbst wenn es so sein sollte, dann ist das im besten Fall der Anstoß für einen neuen Versuch.

 Berufsmusiker stehen aus vielerlei Gründen unter enormem Druck, die ‚Zuhilfenahme‘ von Tabletten oder Alkohol ist deshalb ein verbreitetes Problem. (Foto: fotolia.com © DeshaCAM

Das Rampenlicht und seine Folgen

Auch das ist leichter gesagt als getan, denn bei aller Liebe zur Musik geht es um die Existenz. Nicht zu vergessen der Leistungsdruck, der aus der Notwendigkeit heraus entsteht, vor dem Publikum perfekt funktionieren zu müssen. Obwohl das Rampenlicht eigentlich den besonderen Reiz für den Musiker ausmacht (oder besser: ausmachen sollte), ist es häufig genug der Grund für teils schwerwiegende Probleme.

Um die Nerven zu beruhigen und das Lampenfieber in den Griff zu bekommen, greifen viele zu Tabletten, Drogen oder Alkohol. Das ist auf verschiedene Weise tückisch, denn das Lampenfieber ist eine Stressreaktion, die dem Körper eigentlich dabei helfen soll, Höchstleistungen zu erbringen. Solange es sich nicht in handfeste Bühnenangst steigert, ist es also erst einmal positiv zu werten.

Trotzdem kann die allabendliche Aufregung vor dem Auftritt natürlich in kürzester Zeit eine Belastung werden. Die Flucht in Medikamente oder Alkohol mag dann im ersten Moment Linderung versprechen. Langfristig gesehen überwiegen aber die Probleme: Angefangen bei schlechter werdenden Leistungen, weil der Grad der Entspannung zu groß und die Konzentrationsfähigkeit zu gering ist, bis hin zu wirklichen Suchtproblemen. Ein besserer Ausweg wäre stattdessen eine musikmedizinische Betreuung, allerdings ist die nicht für alle Profimusiker verfügbar.

Wenn Musik krank macht

Wahrscheinlich sind diese Ansätze, bei denen die Jagd nach Ruhm und Reichtum allerhöchstens eine sehr untergeordnete Rolle spielt, in verschiedener Hinsicht die gesünderen. Denn dass das professionelle Musizieren krank machen kann, ist eine unschöne, aber nicht von der Hand zu weisende Tatsache.

Psychische Erkrankungen

Wie belastend der ständige Leistungsdruck und Existenzängste für Berufsmusiker sein können, wurde ja schon angeführt. Dazu mischt sich in nicht wenigen Fällen die Auftrittsangst – wovor auch prominente Vertreter der Musikergarde nicht gefeit sind. Beispiel Nicholas Müller. Der Sänger war mit seiner damaligen Band Jupiter Jones nach knapp einem Jahrzehnt eigentlich genau dort angekommen, wo so viele andere Musiker gerne hinwollen, die Single „Still“ brachte in jeder Hinsicht den Durchbruch.

„An diesem Tag hat mir die Angst gesagt: Ich krieg dich auch auf der Bühne.“ (Nicholas Müller, Sänger der Band vonBrücken)

Trotz des Erfolgs konnte Müller jedoch irgendwann nicht mehr weitermachen, Diagnose Angststörung. Die wirkte sich nicht nur auf das Privatleben, sondern am Ende auch auf die Arbeit als Musiker aus. Der Ausweg aus dieser Situation war eine Therapie in einer Klinik für Psychosomatik, die nicht nur die Rückkehr zu einem normalen Leben ermöglicht hat. Inzwischen steht Nicholas Müller wieder auf der Bühne, kann Musik machen ohne Angstgefühle und Panikattacken.

Im Grunde genommen ein vorbildlicher Weg, denn allzu häufig wird die Hilfe eher im Griff zu Medikamenten, Alkohol oder Drogen gesucht. Keine Seltenheit unter Berufsmusikern und gerade bei den Stars der Branche in gewisser Weise Bestandteil des guten Tons. Das ist keine Attitüde mehr, die allein der Rock’n’Roll-Szene vorbehalten ist, auch wenn sie wahrscheinlich lange eine Vorreiterrolle innehatte – immerhin war sie maßgeblich dafür verantwortlich, dem „Club 27“ zu seinem zweifelhaften Ruhm zu verhelfen.

Einen Erklärungsversuch, warum so auffallend viele Rockmusiker in diesem Alter sterben – zumeist im Zusammenhang mit verschiedenen Formen des Drogenmissbrauchs –, bietet der Psychiater Borwin Bandelow. In seiner Theorie geht er allerdings weniger von den oben beschriebenen äußeren Einflüssen aus, sondern vielmehr von einer den Musikern schon innewohnenden Problematik.

Der Weg zu berauschenden „Hilfsmitteln“ beginnt laut Bandelow aber nicht mit dem Druck, sondern basiert auf einer Borderline-Störung – der höhere Verbrauch an Glückshormonen, unter dem die Betroffenen leiden, ist gewissermaßen die Triebfeder, sich die benötigten Belohnungen möglichst unmittelbar zu beschaffen. Etwa durch den Beifall und die Zustimmung des Publikums. Drogen und Alkohol dienen dann eher als Ersatz, weil der Endorphin-Mangel in solchen Fällen nicht nur Unwohlsein und Stimmungsschwankungen, sondern auch Depressionen hervorrufen kann.

Körperliche Beschwerden

Mit psychischen Erkrankungen ist es allerdings längst nicht getan. Das Musizieren von Berufs wegen beansprucht nämlich genauso den Körper. Was die Belastungen anbelangt, müssen Musiker den Vergleich mit Profisportlern nicht scheuen, sofern das in diesem Zusammenhang der richtige Ausdruck ist.

„Dennoch gehört das Musizieren zu einem der körperlich ruinösesten Berufe.“

Das mag Nicht-Musiker in der Nebeneinanderschau zunächst verwundern. Klar ist beim Sport der körperliche Aspekt der Tätigkeit sehr viel präsenter. Allerdings spielen sich die Instrumente auch nicht von alleine, noch dazu haben die meisten ein nicht unerhebliches Gewicht, das es erst einmal zu stemmen gilt.

Darüber hinaus „trainieren“ Berufsmusiker kaum weniger als Sportler die notwendigen Bewegungsabläufe, was über die Jahre zu ganz typischen Abnutzungs- und Belastungserscheinungen führen kann: Schulter- und Rückenschmerzen (die nicht nur das Spielen selbst, sondern ebenso durch falsche Körperhaltung verursacht werden), gereizte und entzündete Gelenke, Sehnen und Muskeln, Verletzungen und Fehlstellungen im Kieferbereich und nicht zu vergessen – Schädigungen des Gehörs.

Dazu kommen neurologische Erkrankungen, bei denen die zum Musizieren notwendigen Gliedmaßen – was im Übrigen nicht nur die Finger betrifft, auch Mundmuskeln und die Muskulatur im Kehlkopfbereich können davon in Mitleidenschaft gezogen werden – nicht mehr in gewünschter Weise funktionieren. All das kann im schlimmsten Fall das Karriereende als Berufsmusiker bedeuten. Und die Wahrscheinlichkeit steigt, je länger das Musikmachen betrieben wird.

The Rocky Road to…

Das Leben für die Kunst ist erschreckend häufig eines voller Entbehrungen und Beschwerlichkeiten. Im Falle der Musik hält das glücklicherweise nur wenige davon ab, sich trotzdem ihrer Leidenschaft hinzugeben. Das Musizieren ist gleichermaßen Berufung wie Beruf, mit allen Konsequenzen. Dazu braucht es nicht einmal das Streben nach Ruhm und Reichtum. Für viele Musiker ist es einfach das pure Glück von ihrer Leidenschaft auch noch leben zu können - koste es, was es wolle.