Leoniden im Interview: "Es muss fetzen bei uns"

Jakob Amr über Tour, Songwriting und Schüchternheit

Wer die deutsche Musiklandschaft mit Leidenschaft verfolgt, kommt an den Leoniden zurzeit nicht vorbei. Mit ihrem zweiten Album "Again" haben die fünf Kieler einen kleinen Hype losgetreten und sind seitdem in Deutschland, Österreich und der Schweiz in vollen Häusern unterwegs. Grund genug, mit Sänger Jakob Amr einmal die Ereignisse der letzten Wochen zu rekapitulieren.

Hi Jakob! Wie so oft führst du stellvertretend für die Leoniden ein Interview. Ist dir irgendwann die Rolle des Pressesprechers in eurer Band zugefallen?

Wir haben gespürt, dass schon so ein gewisser Druck da ist, dass der Mensch, der singt, auch im Interview präsent sein muss – obwohl es bei uns ja gar nicht die klassische Rolle des Frontmanns gibt, da wir ja alle sehr gleichmäßig im Vordergrund stehen. Deswegen bin ich eigentlich automatisch immer dabei, Djamin dann manchmal für die „quirligeren“ Sachen und Lennart für die ernsteren Momente. Manchmal sitzt aber der eine auf dem Klo und dann kommt der andere mit, das ist bei uns ganz flexibel.

Nach allem, was man inzwischen über euch weiß: würdet ihr euch selbst als die hyperaktivste Band in Deutschland bezeichnen?

Hmmm, ich kenne jetzt natürlich nicht alle Bands aus Deutschland. Aber wir sind schon eine besonders aktive Band, überall wo man aktiv sein kann. Sowohl auf der Bühne, als auch neben der Bühne und im Internet geben wir uns schon viel Mühe, möglichst viel zu machen und so gut wie möglich.

Wissend, dass du eigentlich erst später dazugestoßen bist: Aber glaubst du, diese langjährige Zusammenarbeit hat dieses Hyperaktive noch weiter verstärkt?

Da ist total was dran, dass wir uns gegenseitig pushen. Wir sind perfektionistisch, wir versuchen krasse Arbeitstiere zu sein und unsere Sachen gut, richtig und schnell zu machen und da stacheln wir uns immer gegenseitig an. Normalerweise gibt es ja in solchen Bandkonstellationen immer Mitglieder, die ein bisschen hängen oder das Tempo runterziehen, das ist bei uns gar nicht so. Wir sind eher fünf krasse Maniacs, die gar keine Pause kennen.

Hast du die Jungs schon so kennengelernt, als du neu in die Band kamst?

Ich hatte die Leoniden damals in Hamburg auf einem Konzert gesehen und war schon da ziemlich geflashed von dieser Energie. Wir haben uns irgendwie sehr schnell darauf eingeschworen, dass wir alle auf so 'nem Tempo unterwegs sind. Als ich dazustieß, haben die Leoniden ihren damaligen Sänger losgelassen und waren so ein bisschen am Schwimmen und wussten auch nicht so genau, wo es mit ihnen hingeht. Das war kurz nach der Schule, da ging es dann um die Frage, ob man umzieht oder ob sie die Band auflöst und so weiter. Aber dann war ganz schnell klar, dass wir das zusammen richtig anpacken. Man könnte schon sagen, dass das ein sehr entscheidender Punkt in der Bandgeschichte war.

Leoniden (c) Maximillian Kölnig

Ihr habt euch eine Tour mit über 50 Städten vorgenommen. Vor so einem Workload dürftet sogar ihr ziemlichen Respekt haben.

(schmunzelt) Immer! Wir haben ja echt schon verdammt viele Konzerte gespielt. Ende dieses Jahres sind es so 100 Shows, letztes Jahr waren es auch an die 100. Ich dachte mir, dass wir jetzt einfach so perfekt eingespielt sind und ich auch bei langen Touren nicht mehr so schnell heiser werde – jetzt ist der dritte Tag und ich bin heiser (lacht). Aber das gehört einfach dazu, wenn man jeden Tag perfekt abliefern will.

Also hattet ihr nicht zwischendurch mal den Gedanken, dass ihr euch vielleicht doch ein bisschen viel aufgehalst habt?

Neee, es gibt kein Zuviel für uns. Wir sind da sehr Nimmersatt-mäßig. Das ist einfach das schönste auf der Welt für uns, vor und mit Leuten zu feiern und das holen wir uns, so oft wir können. Das ist jetzt erst der dritte Tag, aber die beiden davor waren für mich schon unbeschreiblich. Ich hab‘ durchgängig Gänsehaut gehabt.

Die Frage dürfte sich von selbst beantworten, aber seid ihr eher Studio- oder Livemusiker?

Das hat beides so seine Vor- und Nachteile. Musik sprudelt so aus uns heraus und ich sehe das als großes Privileg, das mit vier anderen Musikverrückten wie mir genießen zu können. Wir haben das zweite Album ja auch direkt nach dem ersten angefangen zu schreiben und auch täglich dran gesessen. Dieses Feilen an Songs, was am Ende immer eine hitzige politische Diskussion um ziemlich subjektive Sachen ist – wie geschlossen die HiHat sein soll, beispielsweise – das ist schon ziemlich cool. Aber wenn man es nicht aufführen würde, dann wäre das alles für nix. Die Liveshow ist unserer Meinung nach für Bands, die wirklich noch Instrumente spielen, verglichen mit.. keine Ahnung, irgendwelchen anderen Sachen –

Diesen Rappern, die ja gar keine Band dabeihaben!

Haha, dazu sofort mehr! Nein, also für uns ist die Liveshow der Kern der Sache. Bei Rap ist total geil, dass ganz viel Punk-Spirit in den Rap gegangen ist. Dass die Leute plötzlich auf Konzerten moshen, dass Künstler den selben Song dreimal spielen wie irgendeine Punkband, die Leute plötzlich Nietengürtel tragen und sehr depressive, emotionale Texte schreiben – das finden wir ganz schön cool. In der HipHop-Szene ist dieser DIY-Charaker total ausgeprägt, wohingegen Punkbands inzwischen viel auf Klick und Backingtrack spielen.

Wie sieht der Songwriting-Prozess der Leoniden im Proberaum aus?

Furchtbar anstrengend! Es muss fetzen bei uns. Wir sind keine Band, die sich irgendwie zusammenstellt und jammt und dann am Ende ein neuer Song steht. Wir streiten uns von Sekunde Eins, was der Song auf dem Album tun soll. Aber alle wollen halt das Beste für den Song und nicht für sich selbst und dadurch schafft man es am Ende, fünf eigentlich sehr konträre Musikgeschmäcker auf einem Titel zu einen. Wichtig ist, dass am Ende eine exklusive Idee für jeden Song steht.

Und kommt es auch vor, dass ihr Songs auf Tour schreibt?

Ne! Das passiert gar nicht. Da brauchen wir schon unser „klinisches“ Setting. Wir haben uns ja letztes Jahr einen Lagerraum in Kiel gemietet und da dann die meiste Zeit verbracht, das hat uns schon geholfen. Aber die Themen, die wir besingen, entstehen schon im Tourbus.

Um noch auf euer neues Album zu sprechen zu kommen: seid ihr bisher zufrieden mit der Resonanz darauf?

Total. Wir haben gestern nach der Show unabhängig voneinander „Ninja Warrior“ geguckt – das ist sowas wie Takeshis Castle – und da schafft es einer durch so 'nen Parcour, haut auf den Buzzer und dann läuft einfach „Nevermind“ von uns. Im gleichen Moment schreibt uns einer, dass wir grade im ZDF waren, weil ein Mädel im Publikum vom Böhmermann Merch von uns getragen hat und meine Oma sieht uns im Morgenmagazin. Außerdem kriegen wir grade bei Instagram so viele Nachrichten, dass wir das erste Mal nicht alle beantworten können. Das ist erschlagend. Aber erschlagend ist auch, dass wir in Bremen und Göttingen spielen und die Leute Songs so mitsingen, als kennen sie die genauso lange wie wir, dabei hatten die erst eine Woche Zeit zum Üben.

Gab es einen Moment, an dem ihr gemerkt habt, dass grade etwas unverhältnismäßig schnell Fahrt aufnimmt?

Wir sind eigentlich nicht so eine Senkrechtstarter-Band. Von außen sieht das vielleicht so aus, als geht grade alles ganz schnell, aber wir machen alle schon so lange Musik, das läuft für uns in ganz kleinen Schritten. Ich weiß nicht, woran’s liegt. Ich habe das Gefühl, schon viel an den Live-Konzerten, nach denen jeder dann seinen Freunden von uns erzählt und sie beim nächsten Mal mitschleift.

Auf eurem neuen Album habt ihr mit „Alone“ einen Song, auf dem es um den Rückzug und das Alleinsein geht. Das steht eigentlich im kompletten Gegensatz zu dem, wie ihr euch gebt und der Party, die ihr auf Tour macht. Wie passt das zusammen?

Das sind einfach verschiedene Momente, die jeder Mensch so kennt. Wir sind gerade die glücklichsten Menschen, die wir sein könnten, so wie alles läuft. Das Abenteuer ist echt der Oberhammer, ich würd’s nicht eintauschen. Aber jeder hat trotzdem schlechte Tage oder braucht von dem ganzen Stress mal ‘ne Pause. Man muss nicht jeden Tag rausgehen, um bloß nix zu verpassen – man kann auch einfach mal alleine sein. Das hat auch nix mit Einsamkeit zu tun; sich einfach mal Zeit für sich zu nehmen ist echt schwer, aber gerade in unserer kleinen Schicksalsgemeinschaft super wichtig. Wir wollten den Song allerdings nicht so Zeigefinger-mäßig machen und haben das deshalb in diesem minimalistischen, poppigen Instrumental verpackt, damit es eher eine Hymne an das Alleinsein ist statt eine sechsseitige Erörterung über das Thema.

In einem Interview habt ihr mal gesagt, ihr seid eigentlich zu schüchtern für eine Band. Das hat sich seitdem auch komplett gewandelt, oder?

Ja, aber ich – Djamin eigentlich auch – wir sind schon auch schüchterne Menschen. Wir rennen ja nicht in den REWE rein und schreien „Was geht denn ab?!“ wie auf Instagram (lacht). Wir sind einfach immer so happy, sodass das alles rausmuss, wenn wir zusammen sind. Aber außerhalb dieser „Indie-Bubble“, in der wir ja stattfinden, sind wir eher vorsichtige, schüchterne Leute. Das ist ja auch keine schlechte Eigenschaft, sondern kann auch höflich oder zurückhaltend bedeuten. Das ist auch etwas, das sich bei uns im Bandleben durchsetzt. Wir zerlegen keine Hotelzimmer, so ‘ne Band sind wir nicht. Gute Musik zu machen liegt im Auge des Betrachters, da haben wir keinen Einfluss drauf – das bedeutet aber nicht, dass man sich wie ein Arschloch aufführen darf.

Jetzt ist für die Consciousness im Interview auch schon gesorgt.

Ich find das aber auch wichtig. Gerade in der heutigen Zeit werden so viele Acts gefeiert, obwohl sie nachweislich Frauen misshandelt haben oder so. Sowas verstehen wir nicht. Es stellt sich ja immer die Frage: Trennt man Kunst von Künstler oder macht man’s nicht? Und wir sagen abhängig vom Vergehen, kann man das nicht. Musik von Arschlöchern hören wir uns nicht an.

Zum Abschluss: was ist der ultimative Leoniden-Tipp gegen Herbst- und Winterdepressionen?

Auf dumm: Tanzen geht eigentlich immer, am besten auf Konzerten. (zum Mikro hin) Leute, mein Tipp gegen Winterdepression: geht mal wieder auf ein Konzert! Gebt mal wieder 15 Euro für ein Ticket aus statt für zwei McMenüs und geht mal wieder auf ein Konzert! (lacht)

"Kids Will Unite"-Tour 2019:

05.02.2019 Köln, Gloria 
06.02.2019 Koblenz, Circus Maximus
07.02.2019 Saarbrücken, Kleiner Klub
08.02.2019 Tübingen, Sudhaus
09.02.2019 Offenbach, Hafen 2
11.02.2019 Würzburg, Cairo
14.02.2019 Berlin, SO36 
15.02.2019 Leipzig, Conne Island 
16.02.2019 Dresden, Beatpol 
20.02.2019 Regensburg, Alte Mälzerei
21.02.2019 Ulm, Cabaret Eden
22.02.2019 Innsbruck (AT), PMK
26.02.2019 Konstanz, Kulturladen
27.02.2019 Baden (CH), Werk
28.02.2019 Basel (CH), Sommercasino
01.03.2019 Karlsruhe, Substage
02.03.2019 Jena, Kassablanca 
05.03.2019 Dortmund, FZW
06.03.2019 Oldenburg, Amadeus
07.03.2019 Bielefeld, Forum
08.03.2019 Hamburg, Uebel &Gefährlich

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Mit ihrem Zweitling setzen sich die Leoniden an die Spitze der deutschen Indierock-Szene: Keine Band klingt momentan frischer, spannender, vielversprechender.