Lyric-Band von Rammstein-Sänger: Till Lindemann empört mit Vergewaltigungsgedicht

Buch "100 Gedichte" mit kritisiertem Gedicht "Wenn Du schläfst"

Dass Rammstein und Till Lindemann mit ihrer Kunst gezielt provozieren, ist nichts Neues: Doch ein lyrisches Stück aus dem Buch "100 Gedichte" des Frontmanns geht weit über diese kalkulierte Empörungsmaschinerie hinaus, manche wittern sogar einen Strafbestand, denn es handelt sich um eine Vergewaltigungsfantasie.

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch beschreibt die Lyric Lindemanns als “kurze, pointierte Gedichte", die den Leser "überraschen und erschüttern". Erschüttert kann man tatsächlich von dem Stück "Wenn Du schläfst" sein, in dem es wortwörtlich heißt:

“Ich schlafe gerne mit dir, wenn du schläfst. Wenn du dich überhaupt nicht regst. Mund ist offen, Augen zu. Der ganze Körper ist in Ruhe. Kann dich überall anfassen. Schlaf gerne mit dir, wenn du träumst. Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht es Spaß). Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas). Kannst dich gar nicht mehr bewegen. Und du schläfst, es ist ein Segen.”

Der Verlag KiWi hat nach zahlreichen empörten Meldungen reagiert und argumentiert mit dem "Lyrischen Ich", das von dem Autor zu trennen sei. Und es gibt auch genügend weitere Verteidiger der Kunstfreiheit, die auch Rammsteins Spiel mit Zweideutigkeiten und Provokationen als legitim betrachten. 

Angesichts von #MeToo und Fällen wie dem des Schauspielers Bill Cosby, der 2018 zu einer Haftstrafe von drei bis zu zehn Jahren verurteilt wurde, weil er unter anderem Frauen mit Drogen einschläferte und diese dann vergewaltigte, ist dieses Gedicht jedoch mehr als fragwürdig und frauenverachtend. Zudem: Im Gedicht ist keinerlei Kontextualisierung erkennbar wie in anderen Werken, in denen Gewalt oder Vergewaltigungen (auch aus Täterperspektive) verhandelt werden. Es ist eine Reise Poetisierung und damit leider auch Verherrlichung von Vergewaltigung. Das ist das Problematische daran.

Selbst wenn man unterstellt, dass Lindemann hier nur in die Rolle eines Vergewaltigers schlüpft und eine solche Tat selbst nicht gutheißt - ja, das Lyrische Ich ist ja in der Tat nicht unbedingt identisch mit dem Autor und dessen Anschauungen: Er heißt es offenbar zumindest gut, mit frauenverachtenden Rape-Texten zu provozieren und PR zu betreiben - oder für sich betreiben zu lassen, denn es wird ja zuverlässig über die ermüdende und ernüchternde Taktik geschrieben (hier auch - denn es ist dennoch notwendig die Problematik zu thematisieren).

Ob er jedoch enttäuscht darüber war, dass es immerhin über einen Monat dauerte bis das Gedicht in der Presse aufgegriffen wurde (der Band erschien am 05. März 2020)? Bei Goethe dauerte es jedenfalls noch viel länger bis man dessen Vergewaltigungsphantasien thematisierte.

Dass Lindemann ein solches Verbrechen als Vergewaltigungslyrik romantisiert, geht über die üblichen Provokationen auch in Sachen Sex hinaus, wie zum Beispiel in seinem letzten Album „F & M“ unter dem Namen Lindemann, wo er im "zensierten" Clip zum Sado-Maso-Song "Knebel" den "Joker" zwischen Kunstfigur und Killerfarce gab.

Video: Lindemann - Knebel

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