"Mehr Mut zur Authentizität"

Der Label- und Radiomacher Tim Renner im Gespräch

Von 2001 bis 2004 leitete Tim Renner das Label Universal Music Germany. In seinem Buch "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm" rechnete er später mit der Musikindustrie ab. Heute betreibt er das Label Motor und macht in Berlin und Stuttgart Radio. Mit dem Tonspion sprach er über junge Bands, das Ende der CD und das Radio der Zukunft.

Als Musikmanager verhalf Tim Renner den Bands Phillip Boa and the Vodoo Club, Element of Crime und Rammstein zum Durchbruch. Sein Label Motor Music, das er ebenso wie den Radiosender Motor FM von Berlin aus leitet, hat unter anderem den "digitalen Liedermacher" Peter Licht und die Bands Photonensurfer und Schrottgrenze, deren jüngste Veröffentlichungen er bei einem Pressegespräch in Wien kurz vorstellte, unter Vertrag.

Welchen Rat gibt der erfahrene Labelmanager jungen Bands? "Mehr Mut zur Authentizität. Man muss hören wo sie herkommen", sagt Tim Renner. Vor allem deutsche Musiker hätten jedoch häufig den Anspruch die besseren Briten oder Amerikaner zu sein. Junge Bands und Musiker sollten "zunächst einmal für sich selbst Sinn zu stiften", einen eigenen Weg zu gehen und vor allem den direkten Kontakt zu ihrem Publikum suchen: "Die persönliche Beziehung zu den Fans ist das Wichtigste", betont Renner.

Nach welchen Kriterien werden bei Motor Music Bands ausgesucht? Neben der Qualität der Musik und der Fähigkeit der Musiker überraschen zu können, sei für sein Label bei der Auswahl der Musiker vor allem die Frage nach einer langjährigen Zusammenarbeit entscheidend. Bands bräuchten eben drei bis fünf Platten um sich zu entwickeln, ist Renner überzeugt.

Das Musikgeschäft sieht er in einem Dilemma: "Alte Strukturen verschwinden nicht so schnell, wie Neue profitabel werden." Die CD, meint Renner, habe sich überlebt. Den großen Labels fehle jedoch der Mut, die neuen Marktchancen zu nutzen. Anstatt offensiv auf digitale Downloads zu setzen, klammere man sich an ein überholtes Format und behindere so die Entwicklung des Substituts.

Aber feiert nicht auch die gute alte Vinyl-Schallplatte gerade ein Comeback? Das sei nicht überraschend, sagt Renner. Allein in Berlin finden sich 32 Schallplatten-Läden, viele davon seien erst in den vergangenen Jahren entstanden. Schallplatten bieten Musikliebhabern ein sinnliches Erlebnis und einen wärmeren Klang. Damit könnten Downloads nicht mithalten. Mit der CD könnten sich Downloads jedoch in jeder Hinsicht "matchen" - darüber hinaus seien sie billiger. Vinyl und Downloads als die Musikformate der Zukunft? "Ja, hier verbinden sich die Großeltern mit den Enkeln - für die Eltern bleibt da kein Platz."

Während Renner für die Zukunft des Tonträger-Großhandels und des klassischen Vertriebs pessimistisch ist, sieht er die kleinen, spezialisierten Läden vor einer neuen Blüte. Denn diese würden eine Orientierungsfunktiion übernehmen, die angesichts des ausufernden Angebots dringend notwendig sei. Ähnlich wie der Tonspion, meint Renner, könnten doch auch sie ihre Tipps im Netz präsentieren. Eine ähnliche Aufgabe, ist Renner überzeugt, komme künftig auch auf das Radio zu.

Mit dem Übergang zum digitalen Radio und einer Vielzahl an neuen Sendern werde es auch hier zu einer Umorientierung kommen. Weil aber der Werbekuchen nicht größer wird, müssten sich die Radiostationen nach neuen Einnahmequellen umsehen. Renners Sender Motor FM ist dafür gerüstet. Der Verkauf von Musik, parallel zum Radioprogramm, soll künftig intensiviert werden. Ein hauseigener Online-Musikshop soll noch im März an den Start gehen - auch Downloads auf Mobiltelefone seien eine interessante Option: "Im Radio werden künftig auch Sachen gespielt werden, die noch nicht so bekannt sind. Nicht zuletzt darum, weil die Sender auch ein Interesse daran haben, neue Musik zu verkaufen." (dax)

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