Melanie C: "Wir können das Leben nicht einfach anhalten"

Das einstige Spice Girl über Selbstakzeptanz und Umorientierung

Auf ihrem achten Album feiert Ex-Spice-Girl Melanie C die Selbstliebe und ein positives Lebensgefühl.  

2016 erschien Melanie Chisholms letztes Studioalbum. 2019 ging es dann nach langem Hin und Her mal wieder mit den Kolleginnen von den Spice Girls auf große Reunion-Tour durch Großbritannien. Ein riesiger Erfolg, der die 46-Jährige trotzdem nicht davon abgehalten hat, auch solo weiterzuarbeiten. Und so erscheint nun ihr selbst betiteltes neues Album "Melanie C", auf dem sie vor allem gute Laune verbreitet. Wie viel davon gerade bei ihr selbst noch übrig ist, verrät sie im Interview. 

Credit: Conor Clinch

Melanie, dich hat die Pandemie mitten in der Promotion-Tour zu deinem Album erwischt. Zwar bist du jetzt da, aber es lief nicht alles wie geplant, richtig?

Allerdings. Das war eine große Herausforderung, wie eigentlich gerade alles an der Situation, in der wir uns befinden. Ich war in Australien und hatte einen sehr vollen Kalender. Und plötzlich war es in allen Zeitungen, die Diskussion um das Hamstern von Klopapier brach los. (lacht) Nach und nach hat man dann realisiert, dass es sehr ernst wird. Schließlich wurde das letzte Interview meiner Promo-Tour vor Ort gecancelt, weil jemand bei dem Radiosender mit Corona infiziert war.

Zeit, um heim zu fliegen?

Nein, erstmal ging es für uns nach Los Angeles. Aber als wir dort ankamen, war die Stadt wie ausgestorben. L.A. war quasi eine Geisterstadt. Das war völlig verrückt. Eigentlich hatte ich dort einige Termine mit Songschreibern und ebenfalls für die Promo, aber als Trump dann damit begann, die Grenzen zu schließen, sind wir besser zurück nach Großbritannien geflogen. Und dort angekommen, hatte ich keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. In diesem Moment ein Album zu promoten, fühlte sich seltsam an.

Und trotzdem hast du dich entschieden, das Releasedate nicht auszusetzen?!

Ich wusste, dass es da draußen Fans gibt, die darauf warten, dass was Neues kommt. Es war ja groß angekündigt. Also haben wir uns neue Wege und Möglichkeiten überlegt. So ging es ja vielen. Wir haben Frage-Antwort-Sessions live gestreamt bei YouTube sowie auch andere Social-Media-Plattformen genutzt. Das war auf der positiven Seite ein Segen, denn so war es möglich, Interviews mit Menschen an Orten zu machen, an die ich sonst nicht gekommen wäre, Neuseeland und Südamerika zum Beispiel.  

Social Media war bis dahin nicht so dein Thema. Nun konntest du plötzlich mit deinenFans direkt Kontakt aufnehmen beziehungsweise sie mit dir. War dieser neue Ansatz dein Versuch, wieder ein Stück Normalität zurückzugewinnen oder auch noch mehr Positives daraus zu ziehen?

Es hat geholfen, natürlich. Jeder Mensch auf der Welt erlebt in Sachen Corona gerade dasselbe zu exakt derselben Zeit. Zumindest ist das Leben, wie wir es zuvor kannten, plötzlich für niemanden mehr möglich, auch wenn die Umstände natürlich individuell sind. Und man fühlt sich auf eine seltsame Art anderen Menschen deswegen näher. Social Media habe ich vorher höchstens mal beruflich genutzt, fand es aber immer eher unangenehm – vielleicht durch meine Vorgeschichte und die lange Zeit, die ich in der Öffentlichkeit stand. Jetzt aber ist es wichtig geworden, der Kontakt zu den Fans. Es hat auch vielen von ihnen geholfen, weil sie sich auf einen Livestream, ein Gespräch oder was auch immer freuen konnten. Das Feedback war wiederum gut für mich. Ich fühlte mich plötzlich nicht mehr so isoliert.

Das ging sogar so weit, dass du sie zu dir nach Hause eingeladen hast – zumindest digital.

Tatsächlich habe ich ihnen etwas aus meinem Privatleben gezeigt, wie ich wohne, wie ich lebe. Und auch, wie ich mich fühle. Das ist für mich das Positive an der Situation.

Dass es in naher Zukunft wieder Konzerte geben wird, ist eher unwahrscheinlich. Wie schätzt du die Situation ein, und wie gehst du damit um?

Das ist tatsächlich das Schwierigste. Es ist nicht dasselbe, in einem Livestream zu singen. Es fühlt sich erstmal gut an, überhaupt Musik zu machen, aber du kommst dir dabei auch vor wie ein Idiot, vor einer Kameralinse und ohne Publikum zu performen. Ich vermisse die Energie und den direkten Kontakt zu den Leuten. Aber wir sind vorsichtig optimistisch und haben Tourdaten für April und Mai 2021 gebucht. Schauen wir, was passiert. Wir können das Leben nicht einfach anhalten, wir müssen nur einfach vorsichtiger sein.

Das Album war bereits fertig, als das Virus kam. Dadurch warst du noch in der Lage, mit verschiedenen Leuten zu arbeiten – und das persönlich, nicht nur digital. Du schreibst und produzierst zum einen gern mit jüngeren Künstlern, aber auch mit jenen, die du schon viele Jahre kennst. Macht es der Mix aus Alt und Neu?

Genau. Die jungen Musiker, mit denen ich zum ersten Mal zusammengearbeitet habe, haben in Form neuer Sounds den frischen Wind in das Album gebracht. Für mich ist es toll zu sehen, wie sie ihre eigenen Erfahrungen in die Musik einbringen und sich ausdrücken. Und dann geht es um die Balance. Ich wollte bei diesem Album besonders ehrlich und persönlich sein, und dafür ist es wichtig, sich in einem Umfeld zu bewegen, in dem man verletzlich sein kann. Und das funktioniert bei den Menschen, die ich schon lange kenne. 

Ein wichtiges Thema auf deinem neuen Album ist Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Wann hast du den Punkt in deinem Leben erreicht, von dem an du mit dir im Reinen warst?

Ich denke, es ist ein ständiger Prozess. Letztes Jahr war dabei wichtig für mich, als ich mit den Spice Girls wieder auf der Bühne stand. Es hat mir viele Erkenntnisse gebracht, zum Beispiel, welchen Einfluss wir auf viele Leute hatten. Außerdem habe mit Sink The Pink eng für die LGBTQ+-Community zusammengearbeitet, und auch das hat mir dabei geholfen, selbst meinen Wert zu erkennen. Als Kind sind wir die Essenz unseres Ichs, und dann werden wir immer mehr bombardiert – wie uns die Leute haben wollen, wie wir sein sollen, und wir versuchen, uns anzupassen. Ich war gerade mal 20 Jahre alt, als es mit den Spice Girls losging. Damals glaubte ich zu wissen, wer ich bin. Dann habe ich über diese Person, über Sporty Spice, in den Medien gelesen. Eine Person, die ich selbst gar nicht kannte. Ich habe Jahre damit zugebracht, mich selbst zu finden. Viele, sehr viele Jahre später erkennst du dann, dass du gar nichts suchen musst, denn du bist ja hier und du bist es die ganze Zeit gewesen. Es ist das Leben, es ist die Reise, die jeder machen muss. Die bringt dich zurück zu dir selbst.

Du hast eine Tochter, die jetzt elf Jahre alt ist. Welche Rolle hat sie bei dieser Entwicklung gespielt?

Mutter zu werden, hat mich extrem verändert. Mehr, als ich jemals erwartet hätte. Eine Performerin zu sein, ist schon sehr selbstbezogen. Und das ist okay, denn wenn du ein Künstler bist, bist du auch ein Produkt, viele Leute verdienen mit dir Geld. Manche fallen dem zum Opfer, wenn es niemand um sie herum gibt, der ein Auge darauf hat. Als meine Tochter da war, hat mich das total befreit, weil ich nicht mehr um sich selbst kreiste, sondern immer an sie gedacht habe. Sie war das Wichtigste in meinem Leben, nicht mehr ich selbst. Das hat mir den Druck genommen, was komisch klingt, aber es war befreiend. Es hat mich dazu gebracht, mich selbst besser zu behandeln, denn ich bin ja jetzt ihr Vorbild. Ich achte nun auch mehr darauf, wie mich andere behandeln und was ich zulasse, aber auch, wie ich mich selbst verhalte.

Wie bewertet sie die Dinge, die du in den 90ern mit den Spice Girls gemacht hast und das, was du jetzt tust?

Kinder sind ja sehr ehrliche Kritiker. Sie sagt mir immer die Wahrheit, und das kann brutal sein. Sie liebt die Spice Girls und war auch letztes Jahr mit auf Tour. Es hat sie sehr stolz gemacht zu sehen, wie die Leute auf uns reagiert haben. Meine neue Musik liebt sie auch: "Mom, das klingt wie Chartmusik!" sagt sie. Sie ist schon sehr cool. (lacht)

Einen Mann würde man das niemals fragen, aber du musst sicherlich öfter erklären, wie du Karriere und Kind unter einen Hut bekommst. Ärgert dich das auch schon mal?

Zunächst: Natürlich ist es nicht einfach, das unter einen Hut zu bekommen. Man will für das Kind da sein, aber auch ein Album aufnehmen. Allerdings will meine Tochter das gar nicht mehr so unbedingt. Sie ist jetzt elf Jahre alt und will unabhängiger sein. (lacht) Ihr Vater lebt nicht gerade in der Nähe, auch wenn sie jetzt gerade bei ihm ist. Aber er kann nicht meine Rolle übernehmen. Sie lebt bei mir, und so ist es meine Verantwortung. Klar wäre er immer für sie da, aber es ist mein Job. Es ist ein Unterschied, ob du die Mutter oder der Vater bist. Das mag nicht für jeden gelten, aber bei uns ist es eben so. Daher ist die Frage schon okay.

Am Donnerstag (01.10.) spielst du ein virtuelles Konzert hier in Berlin, für das man sich zuvor unter melaniec.net Tickets kaufen kann. Wie genau muss man sich das vorstellen?

Es ist ein Livestream, wir performen das Album. Das ist jetzt erstmal nichts Besonderes, das machen ja viele Künstler. Wir wollten aber was anders machen, und zwar nicht in einem leeren Venue stehen. Das ist mir zu traurig. Wir müssen aber eben neue Wege finden, um die Musik zu den Menschen zu bringen und sie zu unterhalten. Mit dem Livestream wollen wir etwas, das visuell spannend ist. Es wird toll aussehen und toll klingen. Sicher wird es sich trotzdem komisch anfühlen, aber ich verstehe es als ein komplett neues Medium, das macht es besser.  

Zum Schluss die Frage, die nicht fehlen darf. Was passiert nach der erfolgreichen Tour 2019 jetzt mit den Spice Girls?

(lacht) Wir stehen in regelmäßigem Kontakt, und die Shows waren toll. Also hoffe ich mal, dass es da eines Tages noch mehr von geben wird. Das wünsche ich mir, aber Pläne dahingehend gibt es noch nicht. Im Moment kann man ja ohnehin keine Pläne machen. Wenn wir von den Spice Girls sprechen, sprechen wir auch von größeren Events. Ich hoffe, dass insgesamt nächstes Jahr wieder mehr geht als dieses. Wir können also nur abwarten, was passiert.  

Melanie C Tour 2021

06.05.2021 MÜNCHEN, Technikum (im Werksviertel Mitte) Tickets
10.05.2021 BERLIN, Festsaal Kreuzberg Tickets
17.05.2021 KÖLN, Live Music Hall Tickets
MP3 Download: Tonspion präsentiert die besten Musik Downloads, die kostenlos und legal im Netz bereit gestellt werden. 

Empfohlene Themen