Miserable Monday: Playlist von AVA

Die Playlist zum schlimmsten Tag der Woche

Miserable Monday: Jeden Montag kuratiert ein Künstler oder eine Künstlerin eine Playlist mit melancholischer Musik, die uns den Tag versüßen soll. Die Playlist heute kommt von AVA.

AVA, Credit: Tim Boddy
AVA, Credit: Tim Boddy

AVA ist das cinematic-ambient Projekt der klassischen Musikerinnen Anna Phoebe und Aisling Brouwer. Beide besitzen den britischen Pass, sind in verschiedenen europäischen Ländern aufgewachsen und lebten 2016 in Großbritannien. Dort trafen sie in unsicheren Zeiten aufeinander. Das Brexit-Votum war gerade geschehen, als sie begannen zusammen zu schreiben.

„Als Aisling und ich begannen zusammen zu schreiben, geschah dies vor dem Hintergrund sozialer und politischer Turbulenzen - wir versuchten beide, unsere Identität in einem Land zu verstehen, in dem wir unser Leben aufgebaut hatten.“, erklärt Anna Phoebe.

Entsetzt und traurig über das Chaos in ihrem Land, wurde das gemeinsame Projekt AVA zu einer Insel, auf die die Musikerinnen flüchten konnten, um der Unsicherheit der Welt zu entgehen. Der Soundtrack zum Brexit Distaster aus den Augen zweier Musikerinnen, die sich als Europäerinnen sehen. 

“Die Sessions, die wir zusammen hatten, waren eine Flucht vor all dem Lärm. Wir machten Pausen vom Schreiben und gingen zum Strand, sahen über das Wasser auf die Umrisse der französischen Küste und diskutierten darüber, was es heißt, Europäer in einem Land zu sein, in dem die Menschen dafür gestimmt hatten, Europa abzulehnen. All diese Emotionen fanden ihren Weg in die Musik und wir erforschten die komplexen Ebenen der Identität, die wir alle haben - die Ebenen, wer wir sind und in die wir passen"

In diesen Sessions entstanden 10 Songs, die die beiden auf dem Album WAVES zusammengefasst haben. Am 12. Juli 2019 erschien diese wunderbare, düstere Platte auf One Little Indian. Eine Platte zum Eintauchen, die auch ohne jegliche Lyrics nachdenklich macht. Fragil, zerbrechlich. Das Zusammenspiel aus Piano, Geige und Elektronik erzählt die Geschichte. Das Album ist die wunderschöne Oase im alltäglichen Chaos.

Playlist

01. Cat Power - Lived In Bars

Ihre Stimme hebt dich auf und wärmt dich von innen. Gleichzeitig sind das aber alles Geschichten über eine schwierige Zeit in ihrer Kindheit... die Scheidung ihrer Eltern und die Abende, an denen sie von ihrer Mutter durch Kneipen geschleppt wurde.

02. Agnes Obel - It’s Happening Again

Fehler aus der Vergangenheit wiederholen sich in einer Schleife .... das sich wiederholende, einfache Piano-Riff und ihre Stimme entführen einen in eine innere hypnotische Melancholie.

03. Gary Jules , Michael Andrews - Mad World

Das Cover des Songs von Tears For Fears ... Es handelt von Depressionen und Gefühlen der Isolation von Teenagern, aber ich denke, es kann sich auch generell auf das Gefühl beziehen, sich von der Realität der Welt um dich herum zu lösen. Das heutige Klima ist doppelt relevant - wir leben in einer Welt, die durch soziale Medien mehr denn je verbunden ist, aber psychische Gesundheitsprobleme und Depressionen unter Menschen nehmen zu. Und politisch sind wir mehr denn je verbunden und engagiert, aber es gibt eine Flut von Politik, die auf Menschen abzielt, die sich ängstlich und vom wirtschaftlichen und politischen System entrechtet fühlen.

04. Jeff Buckley - Hallelujah 

Ein Klassiker. Bei jeder Trennung und jedem Herzschmerz würde ich mich an Jeff Buckley wenden. Seine Stimme klingt so voll von einem Leben, das niemals gelebt wurde ... und all das Potenzial, das niemals erfüllt wurde

05. Anna Calvi - Piece by Piece

Ich liebe die Dunkelheit des Songs. Es ist ein Lied über das Vergessen von jemandem und das Verblassen der Erinnerung ... was gut sein kann, wenn die Erinnerung schlecht ist! Ich finde es ein wirklich trauriges und düsteres Lied - es ist, als würde man nach einer Trennung den Kopf von jemandem leeren - seine Sachen einzeln loswerden und sie rauswerfen - Bilder löschen, Erinnerungen löschen.

06. The Fray - How To Save A Life 

Das ist immer so ein nostalgisches Lied. Ich habe The Fray oft gehört, als ich jünger war, und das ist für mich ein Lied, das zu der Zeit wirklich bei mir ankam. Es ist sehr schwer, aber so schön.

07. Johann Johannsen - Flight from the City

Das muss eines meiner Lieblingsstücke sein. Es ist so einfach, aber so unglaublich bewegend. Ich hatte das Glück, Johann im Barbican spielen zu sehen, bevor ich die herzzerreißende Nachricht hörte, dass er verstorben war, dass wir einen der talentiertesten Komponisten des 21. Jahrhunderts verloren haben.

08. Sia - Breathe Me

Ich liebe das Klavier. Es ist so zart und wunderschön. Und kombiniert mit Sias unglaublich rohen Einflüssen auf ihre Stimme, verleiht es mir immer eine Gäsenhaut.

09. Johnny Cash - Hurt

Dieses Lied ist ein Klassiker und so kraftvoll. Es erinnert mich daran, wie ich durch die südlichen Staaten Amerikas gereist bin. Da waren kilometerweit diese weiten Landschaften mit nichts als einer Straße und ich hatte Johnny Cash auf der alten Autostereoanlage und fuhr einfach - die Combo ist therapeutisch.

10. Lea Porcelain - I Am OK

Ist es in Ordnung, mit einer etwas hoffnungsvolleren, optimistischen Note zu enden? Dieses Lied fand ich durch unseren Mastering-Ingenieur Zino Mikorey. Ich war noch nicht mit Lea Porcelain vertraut, aber ich war total begeistert - dieses Lied ist so roh und hat so viel Emotion, dass ich es wochenlang gehört habe. Der Schmerz in dem Lied ist offensichtlich, aber es hebt die Stimmung und hilft dir, wieder aufzustehen. Ich denke, dieses Lied könnte vielen Menschen helfen. Und wenn es nicht darum geht, um was geht es in der Musik sonst?

Der Autor:

Martin Hommel ist freier Medienschaffender, Musiker und Musikliebhaber. Er betreibt den Blog Miserable Monday, auf dem es nur um traurige Indiemusik geht. Eine Idee, die er aus einem englischen Pub importiert hat, in dem jeden Montag ein DJ nur traurige Musik auflegte, niemand tanzte, keiner sprach und dennoch alle wahnsinnig erfrischt nach Hause gingen. 

Zu den regelmäßigen Künstlerfeatures produziert er zweimal im Monat einen Musikpodcast für Radio T (jeden 1. und 3. Montag um 21.00 Uhr), in dem er frisch-releaste, traurige Musik vorstellt. Den aktuellen Podcast findet ihr hier zum Nachhören: www.mixcloud.com/Miserable_Monday

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