Miserable Monday: Playlist von Jens Kuross

Die Playlist zum schlimmsten Tag der Woche

Der Miserable Monday ist zurück aus der Sommerpause. Wir beginnen mit den Lieblingssongs von Jens Kuross. Mit dabei: Josin, Radiohead und Jimi Hendrix.

Jens_Kuross_2020_Credit David Drake

Manchmal passiert es, dass mir zufällig ein Song über den Weg läuft, der mich aus dem Nichts komplett umhaut. Das fühlt sich auf der einen Seite natürlich toll an – eine Überraschung, die kurzerhand den Tag zu einem guten macht. Auf der anderen Seite denke ich dann immer - den hätte ich doch schon lang kennen müssen. Das ist doch mein Job. Warum kannte ich den nicht??

Das hält aber meist nur kurz an und ich gebe mich gern dem Titel hin – allzu oft in Dauerrotation.

Der letzte Song, bei dem es mir so ging, ist „Done With Dancing“ von Jens Kuross – eine wunderschön zerbrechliche Ballade über das Ende einer Liebe (nehme ich an). Der Titel war die erste Single vom Debütalbum „The Man Nobody Can Touch“ des aus LA stammenden Musikers, was diesen Freitag erscheinen wird.

Die Musik von Jens Kuross nimmt mit ihrer besonderen Art einen seltenen Platz in der Welt ein - beschwörende Texte und verträumte Arrangements mit introspektivem, aber dennoch erhabenem Songwriting zu verschmelzen, ist ein Markenzeichen des Musikers.

Nach seinem Abschluss als Jazz-Schlagzeuger am Berklee College of Music zog Jens mit der Hoffnung nach Los Angeles, eine feste Größe in der Jazzszene der Stadt zu werden. Doch innerhalb weniger Monate tourte der introvertierte Musiker als Schlagzeuger von RY X, des clubzerstörenden Elektronik-Duos Howling und der Supergroup The Acid, bestehend aus dem DJ/Produzenten Adam Freeland, dem kalifornischen Universalgelehrten Steve Nalepa und RY X, um die Welt.

Und irgendwann begann er selbst Songs zu schreiben, was, ehrlich gesagt, eine richtig gute Idee war. Vielleicht sogar seine beste!

DIE PLAYLIST

Randy Newman - I think it's going to rain today
Ich denke, das könnte Randy Newmans am meisten gecovertes Lied sein, obwohl er es selbst als zu weinerlich empfand. Das Nebeneinander zwischen den Zeilen "Human kindness is overflowing..." und dem Rest des Songs, sowie der Titelzeile: "...I think it's going to rain today" ist sehr mächtig ist, und ich fühle mich weder zu Pathos noch zu Optimismus hingezogen. Es wirkt eher wie eine schön objektive Beobachtung des Lebens.

Mark Hollis - The Colour of Spring
Mein beständiger Talk Talk-Fandom erstreckt sich ziemlich enthusiastisch auf die einsamen Solo-Bemühungen ihres Frontmanns. Dieses Lied hat tatsächlich eine ziemlich hoffnungsvolle Lyrik, aber es gibt einen Unterton der Tragödie. Zumindest in meinen Ohren ist Hollis 'Stimme permanent von einer Art poetischer Traurigkeit geprägt, und wieder ist es das Nebeneinander, das die Schönheit für mich erzeugt.  

Simon Dawes - Execution Song
Dieses Lied kanalisiert sowohl Dylan als auch Morricone mit einer Art jugendlicher Hingabe und einem Wagner-Build, das ich unglaublich befriedigend finde.

Soul Coughing - Lazybones
Ich bin selbst kein großer Drogenkonsument, aber die phonetisch betonte Erzählung dieses Songs über eine gescheiterte, Heroin-induzierte Romanze hat eine gewisse nostalgische Anziehungskraft auf mich. Ich hörte es mir zum ersten Mal an, als ich meinen eigenen Tornado jugendlicher, romantischer Verwirrung erlebte, und schaffte es, ein gewisses Maß an Komfort zu verlieren. Ich denke nicht, dass alles Nostalgie ist, diese Band, dieses Album und dieser Song sind wirklich wie kein anderer, den ich gehört habe.

Esbjörn Svensson Trio - Viaticum
Die Melodien dieser Band sind wirklich etwas anderes, brillant in ihrer Einfachheit. Und dieses Lied ist ein Beweis dafür, wie viel Emotion Sie aus einer einfachen, diatonischen Melodie herausholen können, die kunstvoll kontextualisiert wird. Allein mag es sogar ein wenig generisch klingen, aber in der richtigen Harmonie kann es wirklich an den Herzenssträngen ziehen.

Josin - Evaporation
Ich hatte das Glück, einmal ein paar Wochen mit Josin unterwegs zu sein. Sie spielte dieses Lied jeden Abend, um ihr Set zu schließen, und ich schwöre, es wurde mit jeder Aufführung schöner.

Radiohead - Motion Picture Soundtrack
Vielleicht sind unsere Leben nur kleine Filme, in denen wir die Hauptrolle spielen - was für eine Tragödie wäre es, wenn das der Fall wäre. -Ich weiß eigentlich nicht, was Thom Yorke mit den Texten genau erreicht, jenseits der üblichen existenziellen Angst, die normalerweise den meisten seiner Schriften zugeschrieben wird. Dieser Track nimmt jedoch einen besonderen Platz in meinem Herzen ein, weil er in gewisser Weise eine Synthese aus zwei meiner tiefsten Einflüsse ist. Yorke schrieb dieses Stück ursprünglich auf Klavier, aber im Bann von Tom Waits beschloss er, es stattdessen auf einer Pumporgel aufzunehmen. Diese Performance, kombiniert mit Johnny Greenwoods Harfen-Samples, schafft eine jenseitige Klangcollage, die sowohl schön als auch düster ist.

Harold Arlen, Johnny Mercer - Come Rain or Come Shine (Chet Baker Version)
Ein Liebeslied in Moll. Ich finde, dass diese Version besonders die Traurigkeit in der Liebe betont. Chets fügt mit Zeilen wie "happy together, unhappy together..." ein besonderes je ne sais quoi hinzu - was sie weiter von so vielen sentimentalen Klischees des amerikanischen Songbooks unterscheidet.


Bob Dylan - Not Dark Yet
Nur wenige Songwriter können eine so gottesfürchtig pessimistische Perspektive so verdammt edel klingen lassen.



Jimi Hendrix - The Wind Cries Mary
Es ist erstaunlich zu denken, dass dieser Song nachträglich in 20 Minuten am Ende einer Aufnahmesitzung ohne Probe aufgenommen wurde. Hendrix verarbeitete offenbar einem Streit mit seiner damaligen Freundin, als er ihn schrieb. Ich kann nicht genau sagen, warum ich davon angezogen bin. Aber was auch immer es ist, das im Chaos der Aufnahmesitzung und der Katharsis des Songwritings festgehalten wird, ist definitiv größer als die Summe seiner Teile.

Der Autor:

Der Miserable Monday ist die Erinnerung an verrauchte Pubnächte in Bristol, UK, in denen der DJ jeden Montagabend ausschließlich traurige Musik aufgelegt hat. Niemand hat getanzt, keiner gesprochen und alle gingen erfrischt nach Hause. Diese Erinnerung lebt hier weiter, wird neu entdeckt und erfunden. 

Ich bin Martin, 31 Jahre alt, wohne in Leipzig. Ich bin Musiker, Musiknerd, Radiomacher, ehemals Bookingagent und Tourmanager. Hier streue ich alles, was mich musikalisch beschäftigt. Alt und neu, Indie, Shoegaze, Folk, Dreampop, Electronica. Einzige Bedingung - traurig muss es sein. Warum? Weil der eine Song, den alle zu düster finden, genau der ist, der mein Leben erhellt.

Zu den regelmäßigen Künstlerfeatures produziere ich zweimal im Monat einen Musikpodcast für Radio T (jeden 1. und 3. Montag um 21.00 Uhr), in dem ich frisch-releaste, traurige Musik vorstellt. Den aktuellen Podcast findet ihr hier zum Nachhören: www.mixcloud.com/Miserable_Monday

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