Miserable Monday: Playlist von Josin

Die Playlist zum schlimmsten Tag der Woche

Miserable Monday: Jeden Montag kuratiert ein Künstler oder eine Künstlerin eine Playlist mit tieftrauriger Musik. Diese Woche hat die Kölner Durchstarterin Josin diese Aufgabe übernommen, uns irgendwie durch den Montag zu bringen.

Manchmal gibt es Songs, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen. Weil sie so wunderschön sind, weil sie auf einmal so viele Emotionen wecken, weil sie sich anfühlen, wie alte Vertraute. Sie zwingen einen, das eigene Leben kurz anzuhalten. Alles rundherum wird egal. Zeitlos. Da ist nur der Song und ich.

Genau das ist mir mit unserer heutigen Kuratorin passiert. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs, hörte Musik und plötzlich waren da diese vier Klavierakkorde und diese Stimme. Ich hielt an, hörte den Song zu Ende. Dann nochmal. Und nochmal, bevor ich überhaupt genau schaute, wer das da eigentlich ist. Josin mit Once Apart. Mittlerweile ist es nicht nur der Song, sondern das komplette Album „In The Blank Space“, was jede die Woche bei mir läuft.

Josin ist das musikalische Projekt von Arabella Rauch. Geboren in Köln als Tochter einer koreanischen Opernsängerin und eines deutschen Opernsängers, entschied sich Arabella zuerst für einen anderen Weg – Medizinstudium in Nizza. Doch schon nach dem ersten Jahr erkannte sie, was eigentlich schon die ganze Zeit vor ihr lag – die Musik.

Sie selber betitelt das mit den Worten: „Ich glaube, was mir die Entscheidung [für die Musik] erleichterte, war der Gedanke, dass ich nie wieder Musik hören kann, wenn ich sie nicht selber in diesem Leben mache oder es wenigstens versuche.“

„In The Blank Space“ ist ihr Debütalbum, erschienen am 25.01.19 auf Dumont Dumont.

Als ich das Album einem Freund in England geschickt habe, wollte der nicht glauben, dass Josin aus Deutschland kommt. „Das klingt viel zu kosmopolitisch.“ Und da ist eventuell was dran. „In The Blank Space“ ist eine große Platte. Düster und emotional nehmen sich die Songs viel Zeit. Synthies, Beats und die wunderschöne, klare, zerbrechliche Stimme von Arabella bilden das Gerüst.

Streicherarrangements, verhallte Satzgesänge, Arpeggio-Pianolines und Samples ziehen einen in die Songs hinein. Ähnlichkeiten mit Thom Yorke und Portishead kann man nicht von der Hand weisen. Aber Josin findet ihren eigenen Stil, dessen Mittelpunkt immer wieder ihr Gesang und ihre wunderschönen Lyrics sind.

Ich komme selten ins Schwärmen, aber diese Platte lässt mich nicht mehr los. Umso mehr freue ich mich, dass Arabella beim Miserable Monday dabei ist!

Josin Livedates:

06.10.19 Köln - Studio 672

07.10.19 Berlin - Auster Club

08.10.19 Hamburg - Mojo Jazz Café

21.10.19 Aarau - Kiff

22.10.19 München - Milla Club

23.10.19 Wien - TBC

28.10.19 Leipzig - Naumanns 

"Ist es befreiend zu weinen, Traurigkeit zuzulassen? Ist es reinigend? Ich glaube schon. Manchmal ist es sogar körperlich schmerzhaft, als würde man eine Wunde auereinigen - aber das ist ja im Nachhinein für die Heilung auch etwas Gutes. All die Musik aus der Liste hat zumindest in mir diese Wirkung gehabt bzw. hat sie immer noch. Als Musikerin inspiriert mich das Gefühl der Unvollkommenheit am meisten. Und ohne Traurigkeit und Melancholie wäre alles andere doch auch irgendwie austauschbar."

1. „Erik Satie - Gymnopédie No. 1-3“

"Einfach hören…"

2. „Beatles - While my guitar gently weeps“

"Wie sich die Harmonie hier zum Refrain hin windet, wird mich glaube ich für immer überraschen und ergreifen."

3. „Sigur Ros - Glosoli“

"Existentiell bewegend! Wenn man hier nur mit halber Aufmerksamkeit zuhört hört man nur Krach. Wenn man hingegen sein Herz öffnet, trägt einen diese Musik in unbeschreibliche Sphären fort."

4. „Ólafur Arnalds ft. Nanna Bryndís Hilmarsdóttir - Particles“ 

"Einfach pur und wunderschön. Ich liebe die beherrschte Komposition von Olafur und die so ehrlich, tiefe Interpretation von Nanna."

5. „Bon Iver - Re-Stacks“

"Mit diesem Song verbinde ich meine Zeit in einer einsamen schwedischen Hütte, in die ich mich mal mitten im Winter für 3 Monate zum Schreiben zurückgezogen hatte. In genau so einem Kontext ist ja auch die Platte von Bon Iver entstanden, und ich konnte es dort im Wald und Schnee voll nachempfinden. „All my love was down, in a frozen ground“"

6. „Loney Dear - Hulls“

Bach-inspiriert. Dieses Stück ist einerseits wahnsinnig beherrscht, andererseits verwandelt es sich fortschreitend in ein immer unausweichlicheres Gefühl von Aufgewühltheit. Hinter den bachähnlichen mathematischen Harmonien steckt für mich ein kleines Wunder. Vielleicht ist es auch genau das was elektronische/ rationale Musik doch mit einem machen kann. Als hätte der rationale Code eine Emotion.

7. „Ralph Heidel - Sweet Dark Moves“

Ralph Heidel kreiert irgendwo zwischen Kammermusik und Electronica unglaublich bewegende Stücke. Sein Album „Moments of Resonance“ erscheint am 5. April und ich bin sehr stolz bei einem der Stücke als Kollaboration mit dabei zu sein.

8. „Radiohead - Reckoner“

Jedes Mal, wenn ich diesen Song höre, frage ich mich wie man so etwas Geniales schreiben kann. Das ist vielleicht nicht der traurigste, aber einer der sehnsüchtigsten Radiohead Songs finde ich. Augenscheinlich erstmal klein, bis man am Ende plötzlich erkennt in was für ein Universum man eigentlich gerade gezogen wurde. 

9. „Björk - Black Lake“

Ich denke, dass es kein Lied von Björk gibt was mich nicht alle Facetten zwischen Traurigkeit und Hoffnung spüren lässt. Dieses hier ist recht aktuell und stammt von der Platte, auf der sie das Auseinanderbrechen ihrer Ehe/ Familie verarbeitet. Ich finde in den langen Pausen liegt hier vor allem die Kraft.

10. „Maria Callas - "Un Bel Di Vedremo“ 

Aus der Oper „Madame Butterfly“ von Puccini. Diese Arie ist für immer in mein Gedächtnis eingebrannt. Meine Eltern haben es damals oft während unserer Sommer in Frankreich abends gehört und obwohl ich noch ein Kind war, hat es mich so bewegt, dass ich dabei immer mit traurig glückseligen Tränen eingeschlafen bin. Maria Callas Stimme hat sich durch die vom Sommer getränkte Luft bis in mein Kinderzimmer durchgebohrt. Ich glaube in diesen Nächten wollte ich NIE erwachsen werden und das Leben anhalten können!

Über den Autor

Martin Hommel ist freier Medienschaffender, Musiker und Musikliebhaber. Er betreibt den Blog Miserable Monday, auf dem es nur um traurige Indiemusik geht. Eine Idee, die er aus einem englischen Pub importiert hat, in dem jeden Montag ein DJ nur traurige Musik auflegte, niemand tanzte, keiner sprach und dennoch alle wahnsinnig erfrischt nach Hause gingen.

Zu den regelmäßigen Künstlerfeatures produziert er zwei- bis dreimal im Monat einen Musikpodcast, in dem er frisch-releaste, traurige Musik vorstellt und ein paar Geschichten dazu erzählt. Den aktuellen Podcast findet ihr hier.

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