Miserable Monday: Playlist von Tiflis Transit

Die Playlist zum schlimmsten Tag der Woche

Heute schon an morgen denken - unsere Playlist für den schlimmsten Tag der Woche. Mit dabei unter anderem: Benjamin Clementine, Sophie Hunger und Voodoo Jürgens.  

Tiflis Transit, Credit: Thi Thuy Nhi Tran

Schon wieder Wuppertal. Wer hätte gedacht, dass wir musikalisch um diese Stadt nicht drum herumkommen werden. Tom Taschenmesser, Jonas David, Maria Basel und heute – der Mann mit DER Stimme – Fabian Till. Den jungen Herren kennt man unter anderem von der Band Darjeeling. Als Tiflis Transit macht er aber auch solo Musik, die man gehört haben sollte. 2018 erschien seine Debüt-EP Mondaene Dysfunction. Und jetzt legt er nach.

„A Dim Daze“ heißt die zweite EP von Tiflis Transit, die am 13. November bei Listenrecords erschien ist. 
Die fünf Songs - “Doze”, “Waver”, “Toil”, “Errantly Casual” und “Bazon’s Song” - wären auch mit dem Titel 'Instant Music' im besten Sinne zurechtgekommen, haben sie doch in ihrer Entstehung wenig Umschweife gemacht. Der Sound oszilliert zwischen Studioband-Motown Soul und angejazztem Analog-Pop, bleibt aber nach wie vor eines: Blue Soul, der sich mit großer Spielfreude zwischen Traurigkeit und Groovyness schlängelt. Blue Soul, so blau wie der Himmel, Ozean und sämtliche Onkels und Tanten beim letzten Familientreffen zusammen. 

Allgegenwärtig ist dieser Schleier, der die Songs durchweht – eine gewisse schummrige Benommenheit, a dim daze eben. Dieses Grundrauschen skandalisiert das Nicht-Durchdringen: Diskurse, die nicht geführt werden, weil sie zu bestimmten Entscheidern nicht durchdringen. Und deshalb nicht verstanden, geschweige denn gelöst werden, nach Jahrtausenden des Fehlverhaltens. Um das Schweigen zur falschen Zeit rotiert die Stimme von Fabian Till in allen irgend möglichen Stimmlagen. Frei nach dem Grundsatz Singen ist silber und besser geht immer.

DIE PLAYLIST

Nina Simone – Everyone‘s Gone to the Moon

Wahrscheinlich von einem der unbekanntesten Nina Simone-Alben, dafür aber auch vom Besten. Keines habe ich mehr gehört damals, immer in Gesellschaft, aufgelegt von Tom Taschenmesser. Dieser Song ist uplifting to the moon, somehow.

Benjamin Clementine – I Won’t Complain

Der Song ist glaube ich gar nicht auf der regulären Albumversion enthalten; er fasst eigentlich alles, was mensch an B.C. lieben kann, zusammen. Außerdem ist er schei*etraurig. Er steht in logischer Fortsetzung zum ersten Song der Playlist. Die Verbindung der beiden Künstler_innen (er)kennt glaube ich jede_r, der oder die schon einmal reingehört hat und wundert sich vielleicht auch jedes Mal wieder darüber, wie es sowas überhaupt geben kann?!

Rodríguez – Sandrevan Lullaby – Lifestyles

Rodríguez war gesetzt. Ich glaube es gibt kaum Musik, die ich so intensiv gehört und gefühlt habe, wie diese. Gleichermaßen schwer fiel mir die Auswahl eines Stückes, es hätte auch Cause sein können. Ich kannte Rodríguez‘ Musik, bevor ich den Film geschaut habe, dessen Meta-Entstehungsgeschichte ja auch schon wieder unglaublich ist…nicht abschweifen – wenn auch nur den Soundtrack. Im Sommer 2014 dann, als ich alle Songs schon 50 mal gehört hatte, spülte mich ein wirklich lauer Sommerabend ins Sputnik Kino am Südstern. Es waren vielleicht noch vier andere Menschen im Publikum und ab einem bestimmten Punkt im Film habe ich eigentlich nur noch geweint.

Sampha – (No one knows me) Like the Piano

Zu diesem Song habe ich gar nicht so eine starke Bindung, aber Du verstehst ihn einfach direkt und damit hat er gewonnen. Außerdem geht es um ein Klavier.

Sophie Hunger – Heicho

Sophie Weltis Musik begleitet mich auch schon sehr lange und ich habe sie ungefähr ein halbes Dutzend mal live gesehen. Das wurde nie langweilig, weil einfach jedes Mal anders und besser. Ich habe diesen Song auf Schwyzerdütsch ausgewählt, weil ich dieses multilinguale Moment an ihr schätze, nicht nur weil sie es kann, sondern, weil sie unterschiedliche Emotionen in unterschiedlichen Sprachen, verschieden transportieren kann.

Ich glaube sie ist gleichsam schwierig und herausragend und ich kann diese Musik auch nicht immer hören, sie fängt mich sofort ein und bringt mich an einen bestimmten Ort.

Marlene Dietrich – Wenn ich mir was wünschen dürfte

Es gibt einen sehr langen Film namens „Der Nachtportier“ aus den 70ern mit Charlotte Rampling, der ganz gut einfängt, warum dieser Song in meiner Playlist gelandet ist. Vielleicht gibt es sogar noch bessere Versionen, aber die hier ist sicherlich nicht verkehrt.

Tom Taschenmesser – Niemand kann alle sein

An meinem Freund Tom finde ich am besten, das er ein echter Mensch ist, und ungefähr so fühle ich auch dieses Lied: Er zählt ein paar Leute auf, gibt hier und da noch einen guten Rat im Refrain, und ganz gleich ob das zu Anfang des Schreibprozesses beabsichtigt gewesen ist: am Ende steht ein existenzielles Menschheitsproblem: Jeder ist viele / aber niemand kann alle sein.

Voodoo Jürgens – Ohrwaschlkräuler

Es ist nicht einmal so, dass ich jedes einzelne Wort direkt verstünde, das Voodoo in seiner wienerischen Schnoddrigkeit zum Besten gibt, aber dieses Lied ist (seit diesem Jahr) einfach für die Ewigkeit meine Hymne für den miserable Monday. Auch wenn es leider nicht immer stimmt, aber „‘s is ollas halb so wüd“

Nick Drake – Place To Be

An Nick Drake und besonders in Verbindung mit diesem Song, den ich früher oft beim nächtlichen Fahrradfahren eingeatmet und der in warmen Aerosolwolken wieder aus mir herausstob, mag ich besonders, dass ich immer das Gefühl habe er singt aus einer Art Zwischenwelt zu mir, es gibt diese Stimme auf der Erde gar nicht und dann will er einen „place to be“ haben? Wie abgefahren ist das denn? Macht traurig, ist vielleicht auch etwas kitschig, aber was soll’s.

Malena Zavala – Naturaleza

Eine meiner Entdeckungen dieses Jahres. Ich kann kein Spanisch, aber Musik beweist ja häufig, dass es das auch nicht braucht. Der Song hat irgendwie etwas kathartisches, er kann aber mehr als ein Begleiter am miserable Monday zu sein.

Der Autor:

Der Miserable Monday ist die Erinnerung an verrauchte Pubnächte in Bristol, UK, in denen der DJ jeden Montagabend ausschließlich traurige Musik aufgelegt hat. Niemand hat getanzt, keiner gesprochen und alle gingen erfrischt nach Hause. Diese Erinnerung lebt hier weiter, wird neu entdeckt und erfunden. 

Ich bin Martin, 31 Jahre alt, wohne in Leipzig. Ich bin Musiker, Musiknerd, Radiomacher, ehemals Bookingagent und Tourmanager. Hier streue ich alles, was mich musikalisch beschäftigt. Alt und neu, Indie, Shoegaze, Folk, Dreampop, Electronica. Einzige Bedingung - traurig muss es sein. Warum? Weil der eine Song, den alle zu düster finden, genau der ist, der mein Leben erhellt.

Zu den regelmäßigen Künstlerfeatures produziere ich zweimal im Monat einen Musikpodcast für Radio T (jeden 1. und 3. Montag um 21.00 Uhr), in dem ich frisch-releaste, traurige Musik vorstellt. Den aktuellen Podcast findet ihr hier zum Nachhören: www.mixcloud.com/Miserable_Monday

MP3 Download: Tonspion präsentiert die besten Musik Downloads, die kostenlos und legal im Netz bereit gestellt werden. 

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