Musical.ly: Ein soziales Netzwerk zwischen Jugendmagnet und Marketingtool

Kreatives Spielzeug oder Werkzeug der Industrie?

Welche Apps nutzen eigentlich unsere Kids den ganzen Tag? Diese Frage dürften sich viele Eltern stellen. Eine Plattform, die gerade Eltern besonders im Blick haben sollten ist Musical.ly. Ein Überblick über die App, ihre Gefahren und den massiven Nutzen für die Musikindustrie. 

Die App Musical.ly bezeichnet sich selbst als „Video-Social-Network“ und fasst im wesentlichen ein Konzept auf, welches sich mit Formaten wie der Mini Playback Show bereits in den 90er Jahren als durchaus erfolgsversprechend herausstellte: Der Nutzer wählt einen seiner aktuellen Lieblingssongs aus und „performt“ dieses in einem kurzen Videoclip.

Musical.ly ist eine Plattform, über die Plattenfirmen die Jüngsten erreichen.

Der Begriff des Performens meint in diesem Fall zumeist, dass das jeweilige Musikstück als Playback läuft und die Nutzer entweder durch lippensynchrones mitsingen oder eine, mehr oder weniger passende, Tanzeinlage ihre ganz eigene Interpretation des Songs liefern. Was dabei keine Rolle spielt ist das Musizieren, also ein Instrument oder Singen zu lernen ist hier nicht vorgesehen. 

Die sogenannten „Muser“ können dabei auf verschiedene Effekte und Bearbeitungstools wie Stop Motion, Zeitraffer oder Zeitlupen zurückgreifen, um ihr Video möglichst passend und kreativ zu gestalten, um es anschließend im Freundeskreis präsentieren zu können. Beinahe obligatorisch für eine Social-Media-App im Jahr 2017 bietet die App mit „live.ly" auch gleich das passende Live-Streaming-Pendant. 

Seit Anfang 2015 ist die App auf dem Markt und der Hype scheint kein wirkliches Ende nehmen zu wollen. Rund 70 Millionen Nutzer - überwiegend Kinder und Teenies - waren letztes Jahr bereits angemeldet und 10 Millionen nutzen die App jeden Tag. Musical.ly,  größtenteils von Kindern genutzt wird, bringt mittlerweile eine eigene Youtube-Community mit Best-Of-Zusammenschnitten und Reaktionen und sogar ganz eigene Superstars zum Vorschein.

Allen voran die deutschen Zwillingsschwestern Lisa & Lena, welche im Alter von 14 Jahren bereits internationalen Star-Status erreicht haben und auf eine Followerschaft von über 19 Millionen Nutzern blicken. 

Völlig ungeachtet der Diskussion, ob ein solcher „Ruhm“ in diesem Alter überhaupt gesund sein kann, bietet die Plattform natürlich immense Vorteile für die Musikindustrie: Bestimmte Songs entwickeln sich innerhalb der App zu Hits, was sich deutlich auf die tatsächlichen Verkaufszahlen auswirken dürfte. Musically fungiert schlichtweg als Werbeplattform der Musikindustrie für Kinder und Jugendliche. Folgerichtig platzieren die großen Labels ihre Aushängeschilder auch direkt gekonnt: Mittlerweile haben es dadurch verschiedene Größen der Popindustrie wie Selena Gomez, Maroon 5, Lady Gaga und Katy Perry auf das soziale Netzwerk geschafft. 

Unabhängig davon, ob man die Videoclips nun als eigene Kunstform ansieht oder als bloße Zeitverschwendung, besitzt die App einen gefestigten Status innerhalb der sozialen Netzwerke und erzeugt überraschend starke Künstler-Fan-Bindungen. 

Was für die Industrie natürlich sehr spannend ist, schließlich lassen sich Kinder vergleichsweise schnell begeistern und beeinflussen, kann sich besonders im jungen Alter auch als Gefahr erweisen: Anders als in Zeiten von Bravo & Co. sind die heißgeliebten Idole heutzutage keine entfernten Sternchen am Pop-Himmel, sondern durch eine durchgehende Präsenz auf verschiedensten Social-Media-Kanälen vermeintlich greifbarer denn je. Das junge Publikum neigt deshalb nur allzu leicht dazu, die Vorbilder als selbstverständlichen Teil ihres Alltags und persönliche Bezugsperson wahrzunehmen und somit schnell den Bezug zur Realität zu verlieren.

Gerade deshalb sollten sich besonders Eltern die Zeit nehmen und sich gemeinsam mit ihren Kindern mit der App beschäftigen. Nach außen hin mag sich Muscial.ly zwar als lustiger Sammelplatz für musikbegeisterte und kreative Jugendliche präsentieren, im Mittelpunkt stehen aber letztendlich wie bei so vielen dieser Plattformen Marketing und Selbstdarstellung.

Wer wirklich irgendwann Musik wie die großen Stars machen möchte, sollte sollte seine Zeit lieber dafür nutzen, ein Instrument oder Singen zu lernen. Denn um wirklich Musik machen zu können, muss man Jahre üben. Frag Justin Bieber oder Shawn Mendes.

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