Musikbusiness 2016: Das Ende einer Ära

Streaming kills the Schlagerstar

Statt Ed Sheeran, Adele oder Daft Punk verdiente eine deutsche Schlagersängerin in den letzten Jahren das meiste Geld an ihrer Musik. Das Fernsehstadl-Genre könnte seine Vorherschaft aber schon bald verlieren – dem Streaming sei Dank!

Welcher Musiker hat seit 2001 das meiste Geld mit seiner Musik in Deutschland verdient? Basierend auf Radioplays, Gold- und Platinauszeichnungen beantwortet diese Infografik von Smava die Frage. Nicht ganz so überraschend: Es ist eine Siegerin und sie treibt sich gern in der Nähe von Florian Silbereisen rum. Eher überraschend: Es ist nicht Helene Fischer.

Die Großverdiener der Musikbranche (Infografik: Kreditvergleich smava)

Nein, nicht die blonde Königin der deutschen Schlagerkultur, sondern Andrea Berg scheffelt seit 2001 das meiste Geld. Knapp 11 Millionen Euro machte die Schlager-Domina mit ihren Tonträgern. Fischer kommt auf eine knappe halbe Mille weniger. Das ist aber wohl hauptsächlich damit zu begründen, dass ihr erstes Album erst 2006 erschien und sie damit ein halbes Jahrzehnt Rückstand aufzuholen hat.

Hinter den beiden Schlager-Giganten kommt erstmal lange nichts. Dann Altmeister Herbert Grönemeyer, dessen Karriere auch schon ein paar Jahrzehnte anhält. Internationale Superstars wie Ed Sheeran, Adele oder Daft Punk liegen dagegen chancenlos zurück.

Warum ist das so?

Eine längere Begründung wäre eine komplizierte Abhandlung über die Grundlage der Infografik und den Zusammenhang von Radioplays und CD-Verkäufen. Außerdem müssten wir betrachten, dass junge Künstler immer weniger Geld durch Verkauf ihrer Musik und mehr Geld durch Vermarktung und Konzerte verdienen.

Eine kürzere und vereinfachtere Begründung ist: Streaming.

Zum einen sind Spotify und Co die Grundlage einer kompletten Umstrukturierung unseres Hörverhaltens. Sie dezentralisieren und sorgen für mehr Vielfalt in für sie relevanten Genres und Altersgruppen. Dank Streaming hören immer mehr Leute, immer mehr unterschiedliche Musik. 

So müssen sich dank Playlists, die von Algorithmen gebaut werden, unzählige Musiker die Einnahmen ihrer netzaffinen Fans teilen. Oma und Opa kaufen währenddessen weiter CDs der immer gleichen Künstler, die ihnen seit Ewigkeiten in diversen Stadln und Heimat-Radiosendern vorgeführt werden und von Labels in bequem verwaltbare Monopolpositionen promoted werden – Stichwort: Schlagerkönigin.

Zum anderen werden Künstler für Streams häufig noch miserabel bezahlt. Oft kommt nur ein Bruchteil der ohnehin schon geringen Einnahmen der Plattformen bei ihnen an – 25 Prozent von dem, was beim Label landet, sind normal. Es kann sich jeder leicht ausrechnen, dass hier niemand wirklich reich werden kann, wenn man nur zehn Euro im Monat für quasi alle Musik der Welt bezahlt. Sehr vereinfacht gesagt gilt also: Je jünger und streaminglastiger die Fanbase eines Künstler, desto dünner sein Portemonnaie.

Video: DJ Supermarkt über miese Verträge und Spotify

Wir befinden uns am Ende einer Ära

Um nochmal Zahlen zu bemühen: Laut BVMI (Bundesverband Musikindustrie) entstand 2016 etwa die Hälfte des Umsatzes der Musikindustrie durch CDs; knapp ein Viertel durch Streaming. Dabei haben die CDs zehn Prozent ihrer Relevanz zum Vorjahr eingebüßt. Streaming hat 73,1 % gewonnen. Setzt sich die Entwicklung so fort, verlieren die glänzenden Plastikscheiben schon in wenigen Jahren ihre Vorherschaft. Der Trend ist unverkennbar. Die CD stirbt – möchte man zynisch sein – mit ihrer Käuferschaft.

Sie hat in jüngeren Zielgruppen schlicht keine Daseinsberechtigung zwischen der Praktikabilität des Streamings und der Romantik einer Schallplatte (4,5% Marktanteil bei einem Plus von 1,2 Prozentpunkten zum Vorjahr).

Alles was wir noch erreichen müssen, damit die Entwicklung endgültig ins Rollen kommen kann, ist die faire Bezahlung von Künstlern bei der digitalen Vermarktung ihrer Musik. Ein kleine Revolution in diesem Bereich fand 2016 bereits statt: YouTube und die GEMA einigten sich und die Videoplattform zahlt nun für Videos mit kommerzieller Musik.

Wenn nun auch noch die Einnahmen der Streaminganbieter wachsen und Künstler Verträge aushandeln, die auf das Streamingzeitalter angepasst sind und sie angemessen beteiligen, dann wird Albumpromo schon bald nur noch klingen, wie bei Ed Sheeran:

“The new album is out. You don’t have to buy it to listen to it. You can go to any streaming site to listen to it.”  (Quelle)

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