My Last Sony - Von Un-CDs und anderen Erscheinungen der Neuzeit

Der Heavy-User und Branchenkenner Walter Gröbchen widmet sich in seiner Glosse bei Momag.net der Frage, warum es so schwierig ist, Futter für seinen digitalen iPod-Player zu bekommen. Ein Auszug.

Es ist eine fremde, seltsame Welt. Ich liebe Musik, ich kaufe im Jahr etwa siebzigmal soviele CDs wie die IFPI-Statistik im Schnitt jedem Bundesbürger zurechnet, und ich höre sie gerne unterwegs. Um nicht immer einen CD-Player mit mir rumschleppen zu müssen, gern via Notebook. Oder auch, wenn möglich, mittels meines neuen Lieblingsspielzeugs, Apples schickem MP3-Player iPod.

Wenn möglich? Nun: der iPod setzt voraus, daß die Musikstücke, die ich mir zu Gemüte führen will, als MP3-Files vorliegen.
Nun hat aber die Musikindustrie das Phänomen ?kopiergeschützte CD? erfunden. Klar, gegen Raubkopien, Schulhofbrennerei und Bootleg-Massenvervielfältigung soll und muß etwas getan werden. ?Ohne Geld ka Musi? ist ein Sinnspruch, den nicht erst Bill Gates erfunden hat. Wie gesagt: ich bin gerne bereit zu bezahlen. Für inhaltlich und audiotechnisch höchstwertige Tonträger, vorzugsweise in adäquater Verpackung (also möglichst anderes, besseres als diese öden Plastikschachteln mit zweiseitigem Booklet). Aber ich möchte auch die Freiheit besitzen, diese CDs bzw. den darauf enthaltenen Content so abzuspielen, wie es mir beliebt. Auf meiner älteren, exquisiten HiFi-Anlage, in der Playstation, im CD-Porti , auf dem neuen DVD-Player oder im Autoradio, auf meinem PC oder Laptop, oder aber via iPod.

Die kopiergeschützte CD aber, im engeren technischen Sinne eigentlich gar keine ?Compact Disc? mehr, spielt da nicht mit. In der HiFi-Anlage erzeugt sie seltsame Geräusche. Im portablen CD-Player neigt sie zu Aussetzern. Im Auto oder am PC gibt sie überhaupt keinen Mucks von sich. Das Computer-Fachmagazin ?c?t? hat diese Silberscheiben, die herkömmlichen CDs täuschend ähnlich sehen, ?Un-CDs? getauft. Und fordert seine Leser auf, ihre Probleme mit dieser neuen Spezies an widerspenstigen Tonträgern zu reportieren. Auch eine Möglichkeit, seinem Ärger Luft zu machen. Ich kenne allerdings Freunde und Kollegen, die tragen solche CD-Objekte gleich wieder schnurstracks zum Händler zurück. Der hat damit sicher auch ganz viel Freude.

Ja, ich weiß: es gibt - meist, nicht immer - unmißverständliche Hinweise und Logos, die darauf hinweisen, daß eine CD kopiergeschützt ist. ?Not playable on PC/Mac...? usw.usf. Wie bekomme ich aber nun die Musik, für die ich bezahlt habe, auf legalem Weg in meinen MP3-Player? Und zwar ohne nervtötende und klangmindernde Umwege über eine Analogaufnahme gehen zu müssen? Die stupende Antwort lautet: gar nicht. Ein iPod scheint für die Musikindustrie ein Apparat von und für Teufelsanbeter zu sein, damit kann, darf und will sie nichts zu tun haben. Und wenn irgendwelche Schlaumeier jetzt auf ?Popfile? & Co.verweisen, dann sei ihnen gesagt, daß dort gerne umständlichst andere Formate verkauft werden, nur keine leicht - für den vom Gesetzgeber ausdrücklich erlaubten Privatgebrauch! - portier- und kopierbaren MP3s.

Das ist, pardon, nicht nur arrogant und weltfremd, das ist in höchstem Maße kontraproduktiv.
Wie sagte doch der deutsche Sony-Hardware-Geschäftsführer Leo Bonengl unlängst in einem Interview mit ?Computerbild?? ?Das Recht auf Privatkopie muß erhalten bleiben. Es gibt da keine zwei Meinungen im Konzern.? Danke, Leo. Sony hat es mittlerweile angeblich auch aufgegeben, kopiergeschützte CDs im großen Stil zu vertreiben - die Proteste von Käuferseite waren zu lästig. Und schließlich möchte der Konzern ja auch weiterhin CD-Brenner, PCs, DVD- und MP3-Player verkaufen. Wenn ich eine Sony-CD erwerbe, möchte ich die mit Sony-Equipment jederzeit und überall abspielen können, no na. ?My First Sony? könnte andernfalls rasch ?My Last Sony? sein. Zumindest auf Software-Seite.

Bei allem Verständnis für vom in rasanter Talfahrt befindlichen Markt gebeutelte Managing Directors: wann versteht man endlich, daß man nicht sturköpfig gegen den Konsumenten agieren kann? Der Kunde ist König, hieß die Leitregel. Ist lange her. Der Kunde ist ein Kleinkrimineller, dem man präventiv Fußfesseln anlegen muß- so lautet der Wappenspruch der Musikindustrie anno 2003.

Ich warte also auf den Tag, da mir Sony das Lebenswerk von Bruce Springsteen als wohlfeiles MP3-Bündel zugänglich macht. Eventuell mit einer Surround-?Greatest Hits?-DVD als Zugabe. Würd? ich glatt ein einige Euro abdrücken für solch ein Angebot. Denn die Zeit und die Lust, meine Vinyl-Sammlung in MP3s umzuwandeln, die fehlt mir. Doch mein iPod braucht Futter, Futter, Futter.

Der Autor Walter Gröbchen ist A&R Consultant bei Universal Music Publishing (Berlin) und eastwest/Warner Music (Hamburg). In Wien betreibt er unter anderem die Kommunikationsagentur monkey.

Den kompletten Artikel gibt`s beim Branchenmagazin momag.net.

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