Nathan Gray: "Habe die Dinge lange tief in mir vergraben"

Boysetsfire-Frontman verarbeitet solo die schwerste Zeit seines Lebens

Mit "Working Title" veröffentlicht Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray gerade sein neues Solo-Album. Im Interview erzählt er von seinen Kämpfen der letzten Jahre und wie sehr ihm das Schreiben von Songs bei der Verarbeitung seiner Traumata geholfen hat. 

Nathan Gray - Refrain (Neue Single 2020)

Hi Nathan, “Working Title” erscheint fast auf den Tag genau zwei Jahre nach “Feral Hymns”. War das so geplant?

Nein, das ist Zufall. Als “Feral Hymns” fertig war, habe ich direkt damit begonnen, Songs fürs neue Album zu schreiben. Und da ist es. 

Schreibst du auch, wenn du auf Tour bist?

Ich schreibe quasi die ganze Zeit, bis ich etwa 15 Songs für ein neues Album zusammen habe. Mein Schreibprozess ist sehr chaotisch und manisch. Ich setze mich nie dafür hin, sondern mache immer gerade irgendwas anderes, wenn mir eine Idee kommt. Dann schnappe ich mir meine Gitarre und versuche, diese Idee sofort irgendwie festzuhalten. Oft habe ich dann nur irgendwelche Geräusche auf meinem Telefon und keine Ahnung, was ich mir in diesem Moment dabei gedacht habe. 

Genießt du die Freiheit, als Solokünstler dein Ding machen zu können?

Ja klar, ich kann schreiben, worüber ich auch immer schreiben möchte und muss mich nicht an anderen orientieren. Und ich kann mit dem Ergebnis machen, was immer ich damit machen will.

Deine Texte sind sehr persönlich …

Mein Thema ist der richtige Umgang mit Emotionen, weil ich glaube, dass es darum geht, das Leben lebbarer zu machen. Die Dinge von einer positiveren Seite zu betrachten und sich trotzdem der dunklen Seiten bewusst zu sein. Die Gedanken und Themen, die wir eben alle haben. Und damit versuche ich, auch in Sachen Politik bei den Menschen etwas anzustoßen. 

Wie meinst du das?

Es geht darum, an den Dingen zu arbeiten, die jemanden überhaupt erst dazu bringen, andere anzugehen und laut zu werden. Politik wird von Menschen gemacht. Wenn wir deren Herz und Verstand ändern können, ihre Zerbrochenheit heilen oder ihnen zumindest einen Weg aufzeigen können, ihre Probleme und Schmerzen offen anzusprechen, anstatt sie an anderen auszulassen, dann kann das viel verändern. Doch so machen sie Politik und kreieren einen Lifestyle, der andere verletzt. Sie sind grundlos gemein zu anderen Menschen. 

Den Schmerz herauszulassen könnte also die Weltpolitik verändern?

Genau. Ich habe in meinem Leben viel durchgemacht und die Dinge lange tief in mir vergraben. Ich wurde wütend und bin auf andere losgegangen. Das hat mir gezeigt, worum es bei Politik eigentlich geht. Es gäbe sie nicht ohne die Menschen, die sie machen. Also müssen wir weiter vorne ansetzen. Wenn wir die Leute anschreien, schreien sie zurück, und es geht immer nur hin und her. Aber wenn du sie auf einer persönlichen Ebene kriegst und hier schon etwas verändern kannst, vcwerden sie bessere Entscheidungen treffen. 

Doch warum geschieht das deiner Meinung nach nicht?

Ich glaube, das größte Problem ist, dass die Leute ihren Schmerz nicht formulieren dürfen. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen für ihre negativen Gefühle runtergemacht werden. Man sagt ihnen, sie sollen sich zusammenreißen und drüber hinweg kommen.Das Thema der mentalen Gesundheit wird nicht ernst genommen. 

Glaubst du nicht, dass das schon besser geworden ist? Menschen sprechen doch heute offener über ihre Depressionen als noch vor einigen Jahren. Jeder zweite hat inzwischen einen Therapeuten …

Ja ein bisschen, aber guck dir die Welt an. Das spricht doch eine andere Sprache. Solange wir die Dinge, die da draußen passieren zulassen, ist es offenbar noch nicht wirklich besser geworden. Es reicht einfach nicht. Erst am Ende sehen wir, was wir kreieren, und das ist derzeit eine beängstigende Dunkelheit. Sobald dich traust, die Dinge auszusprechen, musst du mit einem Shitstorm rechnen, mit einer harschen Gegenreaktion. Deswegen haben die Menschen Angst, und haben sie Angst, sind sie leicht zu kontrollieren. Aus diesem Grund gibt es so viele Politiker, die den Leuten sagen, wer ihr Feind ist und vor wem sie Angst haben sollen. Und es funktioniert. Wenn wir die Leute auf einem anderen Level und ihre Herzen erreichen können, ihnen erlauben, sich zu öffnen, hält es sie womöglich davon ab, andere verletzen zu wollen. Glückliche Menschen sind nicht gemein zu anderen.

Nathan Gray feat. Chuck Ragan "Working Title"

Allzu glückliche Menschen machen aber auch keine gute Musik. Ein bisschen Schmerz gehört doch dazu? Allein, um ein Gefühl von Glück überhaupt spüren zu können?!

Ja, da hast du natürlich recht. Wir müssen neu definieren, was glücklich überhaupt heißt. Es bedeutet ja nicht, dass man die ganze Zeit über gut gelaunt durch die Gegend rennt, sondern dass man weiß, dass es Hochs und Tiefs im Leben gibt und dass, wenn du mal fällst, es auch wieder bergauf geht. Ich habe durch meine eigenen Themen und Depressionen gelernt, dass glücklich zu sein auch bedeutet, damit umgehen zu können, wenn man mal traurig ist. Glücklich ist nicht Abwesenheit von Traurigkeit, Fehlern und Dunkelheit. 

Was sind denn die Dinge, vor denen du persönlich Angst verspürst, und wie hilft dir deine Musik dabei weiter?

Ich habe eine Menge Ängste, die meine eigenen geistige Gesundheit betreffen. Und die Angst, nicht gut genug zu sein. Mich musikalisch immer weiter voranzutreiben, war hierfür eine gute Übung. Musik zu schreiben, Gitarre und Klavier zu spielen, eben mich zu Dingen zu zwingen, die ich mir selbst nie zugetraut habe. Und ich hoffe, dass das andere Leute inspiriert, was auszuprobieren. Dich deinen Ängsten zu stellen, ist das Wichtigste, das du für dich selbst tun kannst. 

Wie sehr hat dir der Schritt geholfen, allein Musik zu machen? Was hast du dabei über dich gelernt?

Eine Menge, zweifelsohne. Kurz vor dem Release des Albums war ich in einem schlimmen Zustand. Ich erkenne mich auf Fotos aus dieser Zeit kaum wieder. Ich habe 50 Pfund mehr gewogen als jetzt, meine Augen waren eingesunken, und ich bin kaum vom Sofa hochgekommen. Ich habe damals alles tief in mir vergraben. Ich war dabei, mich langsam umzubringen. Der erste Song, den ich für “Feral Hymns” geschrieben habe, war “Echoes”, ein Lied über den sexuellen Missbrauch, den ich als Kind erlebt habe. Danach musste ich damit auftreten, nur ich und die Gitarre. Ich saß völlig allein im Backstage herum, dann ging ich auf die Bühne und kotzte alles raus, um danach wieder allein im Hotelzimmer zu sitzen. Ich habe mich furchtbar gefühlt. Aber es hat mich dazu gebracht, mich mit den Themen auseinanderzusetzen, anstatt mich nach dem Konzert mit meinen Freunden zu besaufen und nicht weiter darüber nachzudenken. Es war brutal, aber notwendig. Danach hat sich alles um 180 Grad gedreht.

Und das ist gerade einmal zwei Jahre her?

Genau. In der Zeit ist eine Menge passiert. Das ist verrückt. Ich wollte wieder in Form kommen, aber noch wichtiger als die Physis war es, mental auf die Reihe zu kommen. Positiver zu werden, und erst dann habe ich begonnen, andere Musiker in mein Projekt zu involvieren. Ich musste da erst allein durch. Aber bei “Working Title” war ich nun bereit, eine Band dazuzuholen und den Prozess zu leiten. Die Projekte davor habe ich immer ruiniert, weil ich einfach noch nicht so weit war. 

Du hast mit Boysetsfire die großen Bühnen bespielt, solo bist du eher in den kleinen Clubs unterwegs. Was favorisierst du?

Es macht keinen Unterschied, ob du vor fünf oder 5000 Leuten spielst. Beides habe ich schon getan, und ich gebe immer alles. Sonst kannst du es auch gleich lassen. Ich liebe es, Musik zu machen. Vor Leuten zu spielen, ist immer eine Freude und eine Ehre. Die großen Bühnen haben oft den besseren Sound, aber im Club ist die Verbindung zu den Leuten eine andere. Das kannst du schon auch auf ein Festival übertragen, und das ist auch wichtig. Bei manchen Bands fragt man sich aber schon, ob sie überhaupt mitbekommen, dass da Leute vor ihnen stehen. 

Nathan Gray - Never Alone

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