Nick Cave: Kultureller Boykott Israels ist "feige und beschämend"

"Boykott ist der Grund, warum ich Israel spiele"

Nick Cave hat seine Haltung bezüglich des Konflikts zwischen Israel und Palästina näher erläutert und den kulturellen Boykott Israels in einem Brief an Brian Eno als "feige und beschämend" bezeichnet.

Nick Cave in der Berliner Waldbühne 2018 (Foto: Andreas Budtke)

Nick Cave spielte im November 2017 in Tel Aviv mit seiner Band The Bad Seeds ein Konzert und bekam - wie viele Künstler vor ihm - massive Kritik von Anhängern der BDS-Bewegung, die sich für einen radikalen kulturellen Boykott Israels wegen der Besetzung palästinensischer Gebiete aussprechen.

Vor allem in England zieht die BDS-Bewegung immer weitere Kreise und setzt Künstler, die in Israel auftreten öffentlich unter Druck und bombardiert sie mit Briefen. Man könnte auch von Rufmord sprechen. Viele Künstler haben ihre Konzerte in der Folge abgesagt, ohne sich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen, schließlich ist der israelische Markt vergleichsweise klein und unbedeutend. Nick Cave hingegen ließ das Thema auch einem Jahr nach dem umstrittenen Konzert keine Ruhe.

Auf Frage eines Fans zu diesem Thema veröffentlichte Cave auf seiner Website eine E-Mail, die er damals an Brian Eno, neben Roger Waters einer der prominentesten Befürworter eines kulturellen Boykotts, geschickt hatte.

Lieber Brian,

offensichtlich ist die Entscheidung von The Bad Seeds, in Israel zu spielen, für einige Leute umstritten. Um es klar zu sagen: Ich unterstütze die derzeitige Regierung in Israel nicht, aber ich akzeptiere auch nicht, dass meine Entscheidung, im Land zu spielen, eine Art stillschweigende Unterstützung für die Politik dieser Regierung darstellen soll. Die Grausamkeiten, die du beschrieben hast sind inakzeptabel und ich ignoriere sie auch nicht. Ich bin mir der Ungerechtigkeiten gegen die palästinensische Bevölkerung bewusst und wünsche allen Menschen von Herzen, dass ihr Leiden durch eine umfassende und gerechte Lösung beendet wird, was auf beiden Seiten einen enormen politischen Willen benötigt. Wie du weißt, habe ich durch die Hoping Foundation beträchtliche Arbeit für Palästina geleistet und persönlich rund 150.000 Pfund für die Kinder Palästinas eingesammelt. In gewissem Sinne habe ich bereits auf der anderen Seite gespielt.

Aber ich bin ein Gegner der Bewegung 'Boycott, Divestments and Sanctions' (BDS), wie du weißt. Ich denke, der kulturelle Boykott Israels ist feige und beschämend. Tatsächlich ist dies zum Teil der Grund, warum ich Israel spiele - nicht als Unterstützung für eine bestimmte politische Einheit, sondern als eine grundsätzliche Haltung gegen diejenigen, die Musiker schikanieren, öffentlich anprangern und zum Schweigen bringen wollen.

Ich habe nicht die Absicht, darüber zu diskutieren, warum ein Boykott Israels im Kern antisemitisch ist und außerdem nicht funktioniert (vielmehr besteht die Gefahr, dass sich die Positionen in Israel weiter gegen diejenigen, die du unterstützt, verfestigen), aber selbst der geschätzte Noam Chomsky hält BDS für unzulänglich und heuchlerisch. Um was es hier geht, ist vielmehr eine grundlegende Meinungsverschiedenheit darüber, was der Zweck von Musik ist.

Es fiel mir beim Schreiben auf, wie viel kraftvollere Aussagen du machen könntest, wenn du nach Israel gehen und der Presse und dem israelischen Volk mitteilen würdest, wie du über ihr derzeitiges Regime denkst. Und dann ein Konzert geben würdest mit dem Ziel, zu den besseren Kräften ("Angels") des israelischen Volkes zu sprechen. Das hätte eine viel größere Wirkung als ein Boykott. Stelle dir nur vor, dass die 1200 britischen Künstler, die deine Liste unterschrieben haben, dasselbe getan hätten. Vielleicht würden die Israelis auf eine ganz andere Art und Weise reagieren, als auf diesen altmodischen 'Ablehnungismus'. Unabhängig von den offiziellen israelischen Aktionen in den umstrittenen Gebieten ist Israel eine echte, lebendige, funktionierende Demokratie - ja, mit arabischen Parlamentsmitgliedern - und daher kann es hilfreich sein, mit Israelis, die wählen, zu sprechen, anstatt nur Künstler abzuhalten, sich in Israel zu engagieren.

Alles Gute für dich,

Nick

***
Ich möchte nur hinzufügen, dass Brian Eno mehr als alle anderen Musiker meinen Freunden und mir beigebracht hat, wie man Musik macht. Die Aufnahmen, die er gemacht hat, gehören zu den allerwichtigsten Aufnahmen, die ich je gehört habe. Wenn es also einen Anflug von Angst gibt, der sich durch diesen Brief zieht, ist dies tatsächlich der Fall. Ich schreibe an meinen Helden.

Trotzdem müssen bestimmte Fragen gestellt werden. Wie weit müssen wir uns von der transformativen Natur der Musik abgewandt haben, um uns dazu berechtigt zu fühlen, Musik als Waffe zu benutzen, um normale israelische Bürger für die Handlungen ihrer Regierung zu bestrafen? Was hat uns an diesen Punkt gebracht, an dem bestimmte Musiker es für ethisch einwandfrei halten, Formen von Zwang und Einschüchterung in Form von „offenen“ Briefen gegen Mitmusiker auszuüben, die mit ihrem Standpunkt nicht einverstanden sind?

Gelegentlich frage ich mich, ob The Bad Seeds das Richtige getan haben, in Israel zu spielen. Ich kann diese Frage nicht beantworten. Ich verstehe und akzeptiere die Gültigkeit vieler der mir vorgebrachten Argumente. Einige meiner besten Freunde in der Musikbranche fanden meine Entscheidung sehr schwer zu akzeptieren, aber nach langer Überlegung wurde die Entscheidung getroffen: Ich konnte meine israelischen Fans einfach nicht mit der nötigen Verachtung strafen, um auf Enos Ansage einzugehen.

Viel Liebe, Nick

Caves Haltung wird unter anderem von Thom Yorke von Radiohead geteilt, der seinen Auftritt in Israel verteidigte, indem er sagte: "In einem Land zu spielen ist nicht das Gleiche wie die Unterstützung seiner Regierung".

Andere Musiker haben dieses Jahr Konzerte abgesagt, nachdem sie über den Boykott und den Konflikt zwischen Israel und Palästina gesprochen hatten. Die Neuseeländerin Lorde strich ein Konzert in Tel Aviv, das für Juni dieses Jahres geplant war, nachdem es „mit vielen Leuten darüber gesprochen und alle Optionen in Betracht gezogen hatte“. US-Popstar Lana Del Rey verteidigte zwar ein geplantes Konzert und sagte, dass sie "mit liebevoller Energie und thematischer Betonung des Friedens" auftreten würde. Später wurde es dennoch abgesagt, weil sie nicht in der Lage war, kurzfristig ein ähnliches Konzert in Palästina zu spielen.

Die BDS-Bewegung ist auch in Deutschland aktiv. So musste das Pop-Kultur Festival in Berlin Absagen von mehreren Künstlern hinnehmen, weil israelische Künstler gebucht wurden, deren Flüge zum Teil von der Kulturförderung der israelischen Botschaft bezahlt wurden, wie es in der Branche so üblich ist. Das Festival bedauerte die Absagen, positionierte sich aber klar gegen antisemitische Tendenzen in der Musikszene. Anne Haffmans von Caves ehemaligem Label Mute Records sprach angesichts der Methoden von BDS sogar von "kulturellem Terror" und legte in einem Interview mit der Spex dessen Methoden offen. Auch einige britische DJs schlossen sich inzwischen der umstrittenen Bewegung an, deren Ziel in der Konsequenz die Auflösung des Staates Israel ist.

Brian Eno, in den frühen 70er Jahren Keyboarder von Roxy Music, gilt als weithin respektierter Innovator der Musikszene und hat als Produzent für zahlreiche Superstars gearbeitet. Unter anderem stammt der unverwechselbare Sound von David Bowies "Heroes" von ihm, genauso wie die sphärischen Keyboard-Sounds der beiden wegweisenden U2-Alben "The Unforgettable Fire" und "The Joshua Tree" oder "Viva La Vida..." von Coldplay. Außerdem gilt er als Erfinder der Ambient Musik.

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