Oehl im Interview: "Island ist für mich eine Projektsfläche"

Über Sehnsuchtsorte und das Hochdeutsch Wiens

Der österreichische Liedermacher Ari Ohel und der isländische Multiinstrumentalist Hjörtur Hjörleifsson veröffentlichen ihr erstes Album "Über Nacht". Wir haben mit den beiden in Wien beheimateten Musikern über Jack-Wolfskin-Jacken auf Island, die deutsche Sprache in der Popmusik und offene musikalische Beziehungen gesprochen. 

Wie habt ihr als Salzburger Ari Ohel und Isländer Hjörtur Hjörleifsson zueinander gefunden?

Ari: So, wie es heute fast immer passiert. Man schreibt jemanden über Social Media an. So habe ich eigentlich alle wichtigen Menschen in meinem Leben gefunden. Und so auch Hjörtur, den ich vorher bloß als den Isländer in Salzburg kannte, wo ich auch herkomme. Ich wusste, dass er und sein Zwillingsbruder Musik machen und dachte, es wäre doch vielleicht interessant, etwas zusammen zu machen. Ich habe ihm dann eine Message geschickt. 

Hjörtur: Und die kam sogar an und landete nicht nur in dem versteckten Ordner bei Facebook.

Ari: Richtig, wir reden da von einer Zeit, in der wir beide noch kein Instagram hatten. So vor vier Jahren war das in etwa. 

Hjörtür, hat Ari bei dir mit der Idee offene Türen eingerannt?

Hjörtur: Ja, es hat ganz gut gepasst. Das war mitten im Sommer, und es war sehr, sehr heiß draußen. Ari hat angeboten, dass wir in seinem Keller proben. 

Ali: Dort ist es kühl, ich habe einen Kühlschrank, es ist der angenehmste Ort Wiens. Und wenn wir keine Musik machen, essen wir Sportgummi und Manner-Schnitten und das passt auch. 

Hjörtur: Und dadurch, dass ich ihn ein wenig kannte, habe ich mir bei der Einladung in den Keller erstmal nichts gedacht. (lacht)

Richtig, da muss man in Österreich ja vorsichtig sein. War euch von Beginn an klar, dass das Ganze ein Duo sein beziehungsweise bleiben sollte?

Ari: Wir haben zu zweit angefangen, Musik zu machen. Ich wollte immer eine Frau dabei haben, die mitsingen und mitschreiben kann. Dann hatten wir eine Sängerin für unsere erste Single rekrutiert, es hat sich aber für sie wie für uns herausgestellt, dass es besser ist, wenn wir immer wieder andere Leute dazuholen. 

Die Idee eines Kollektivs. Eine offene Beziehung quasi?

Ari: Genau. Mit uns als Kern. Hjörtur und ich sind die Basis von Oehl, und bei jedem Song gibt es einen anderen oder eine andere, die mitsingt oder mitschreibt. 

Es ist ein Kommen und Gehen, mit One Song Stands, aber auch mit längeren Affären. 

Ari: (lacht) Und es sind alles so modern, dass es für jeden immer jederzeit passt. Oehl ist praktisch so etwas wie die Swinger-Szene und recht offen.

Hjörtür, fühlst du dich nach all den Jahren in Österreich noch immer wie ein Isländer, oder würdest du dich schon eher als Österreicher bezeichnen inzwischen?

Hjörtür: Man wird auf jeden Fall als Isländer wahrgenommen und es ist ein Thema. Der Name macht es ziemlich klar und für die meisten Leute ist es interessant. 

Ari: Egal wo wir hinkommen, finden es die Leute spannend. Ich bleib einfach Ari…

Und dann kommt meist der Satz: “Ach, da wollte ich auch schon immer mal hin”, richtig?

Ari: Genau. Das war ich oder meine Schwester, meine Cousine - jeder hat eine Beziehung zu Island, völlig wurscht, ob er schon mal da war oder nicht. 

Hjörtür: Er hat eine Fahrradtour dort gemacht oder war beim Iceland Airwaves Festival. Ein bisschen peinlich wird es, wenn die Leute jemanden aus der isländischen Musikszene kennen und ich dann zugeben muss, dass das mein Cousin oder meine Cousine ist. Das passiert öfter. Vielleicht liegt das aber auch einfach daran, dass es in meiner Familie sehr viele Künstler und Künstlerinnen gibt... 

...und nicht daran, dass auf Island jeder mit jedem verwandt ist, meinst du?

Hjörtür: Genau. 

Ari: Wenn jetzt jemand dem Namen eines Minenarbeiters für die Endlagerung von Atommüll oder eines Atomkraftexperten zu dir kommen würde, würdest du den vermutlich nicht kennen, obwohl es von denen auf Island fast genauso viele gibt wie Musiker. (lacht)

Oehl - Tausend Formen

Kann man sagen, wieviel Island und wieviel Österreich in eurer Musik steckt? 80 Prozent Island, 20 Prozent Österreich, wäre ja mein Tipp.

Hjörtür: Damit liegst du ziemlich richtig, würde ich sagen. 

Ari: Island ist für mich eine Projektionsfläche, und meine Texte passieren an diesem Ort. Island ist ein Ort, an dem solche Geschichten spielen können und schafft sehr schöne Bilder. Ich war zwar noch nie dort, aber Hjörtür erinnert mich ständig daran, dass die Musik, die wir machen, diesen Raum hat und es diesen Sehnsuchtsort sehr präsent gibt. Wenn er jetzt aus Ostdeutschland wäre, würden direkt andere Assoziationsketten losgetreten im Kopf. 

Aber wenn Island so ein Sehnsuchtsort ist, warum warst du noch nie da? Ganz bewusst?

Ari: Auf den Fotos ist es ein leeres Land und unendlich schön. Überall sind Polarlichter und heiße Quellen, es gibt keine Touristen und kein Verkehr. Das ist eine sehr reizvolle Vorstellung. 

Hjörtür: Das ist ein Bild, das sehr gerne weiterverkauft wird. Die Menschen dort wollen ja die Anzahl an Jack-Wolfskin-Jacken minimieren und lieber den Papageientaucher erleben. Das sind die Souvenirläden dort. 

Ari: Wir reden oft über die Jack-Wolfskin-Jacken, für mich ist es trotzdem ein leeres Land, in dem keine Menschen sind. (lacht) Es kommt bei mir nicht an. Wie der Christ an Gott glaubt, glaube ich an Island. 

Hjörtür: Da bin ich eher atheistisch unterwegs und kläre auch sehr gerne auf. 

Ihr textet aber nicht nicht auf Isländisch, sondern auf Deutsch beziehungsweise der Sprache, die der Österreicher deutsch nennt. Englisch könnte eure Musik sicherlich auf ein internationales Level heben …

Ari: Wienerisch ein bayrischer Dialekt, wenn man es ganz genau nimmt. Das Bayrische ist dem Norddeutschen vermutlich eh fremder, als das Österreichische. Wir haben vielleicht mehr Eier, uns in unserer Sprache, dem Wienerischen, hervorzutun. Im deutschen Pop passiert das seltener, dass Dialekte verarbeitet werden. Es wird eine Sprache verwendet, die mehr nach Plastik klingt.  

Hjörtür: Im Englischen gibt es so viele Vorbilder und Klischees, die sich etabliert haben im Kontext von Popmusik. Wenn man auf Englisch schreibt, fällt man leicht darauf herein, sich dem zu bedienen. Auf Deutsch muss man neue Wege gehen. Wenn wir englischsprachige Musik machen würde, würde viel an Charakter verlieren.

Ari: Es ist schwierig, einen deutschen Text so zu schreiben, dass er nicht aufgesetzt klingt. Der Weg bis zum fertigen Text ist so mühsam, und das zahlt sich am Ende aus, glaube ich. Es ist der härtere Weg. Es ist wie von Wien nach Berlin mit dem Zug zu fahren statt zu fliegen. Ich bin zwar länger unterwegs, habe aber unterwegs so viel Landschaft gesehen, dass ich weiß, warum ich da bin. Die Kraft der Reise ist mit an Bord. 

Oehl - Wolken

Ein sehr schönes Bild, du solltest Texte schreiben. Irgendwas mit “Wolken” und “Himmel”.

Ari: Wir Österreicher wachsen ja in dem Glauben auf, dass das, was wir sprechen, Hochdeutsch ist. 

Wann und wie stellt man dann fest, dass das gar nicht stimmt?

Ari: Ich behaupte, niemand spricht Hochdeutsch. Die Wahrheit liegt doch immer in der Mitte. 

Hjörtür: Hochdeutsch ist ein Konstrukt, da würden dir Sprachwissenschaftler sicher zustimmen.

Ari: Die bei der Tagesschau sprechen Hochdeutsch, aber ich würde es nicht als mein Deutsch empfinden. Einigen wir uns darauf. 

Die Presseinfo zum Album sagt, eure Musik speise sich aus Kunst und Literatur …

Ari: Die Kunst ist die Musik, sie wirkt schnell emotional, du musst sie nicht erklären. Die Literatur ist die Komponente, die Bildung erfordert. Kein Kind reagiert darauf. Einerseits das Intuitive, andererseits das, was etwas Vorerfahrung braucht. Die Musik fühlt sich oft leicht an und schwebt, der Text hat oft eine gewisse Schwere, wie beim Lied “Wolken” beispielsweise.

Hjörtür: Das findet sich auch in der Musik wieder. Wir haben Arrangements, die sehr viel Leichtigkeit haben, aber auch immer den stetigen elektronischen Beat und Bass, die das Ganze erden. 

Ari: Die Dinge, die am leichtesten klingen, machen oft die meiste Arbeit. 

Wie sehr hat euch die musikalische Zusammenarbeit auch privat und persönlich näher gebracht? 

Ari: Wir sind schon sehr gegensätzlich.

Hjörtür: Ja, von unseren Persönlichkeiten her sind wir sehr unterschiedlich, aber wir haben ähnliche Interessen. Musik zum Beispiel. 

Ari: Ich glaube, das einzige Interesse, das wir wirklich teilen, sind Spiele. Brettspiele. Bei der Musik, die wir hören, teilen wir gar nicht so viel, nur wenn wir selbst Musik machen. 

Hjörtür: Und wir lieben Filme, wir gehen gerne ins Kino.

Gemeinsam oder jeder für sich aufgrund unterschiedlichen Geschmacks?

Ari: Ja doch, wir waren auf der Grönemeyer-Tour in Lübeck im Kino und uns “Glory Bell” angeschaut, mit unserem Schlagzeuger David zusammen. Wir sind rausgekommen und haben uns angestrahlt, wir konnten uns voll darauf einlassen. David hat sich umgedreht und gesagt: “Boah, das war eine Zeitverschwendung.” Irgendwas zwischen uns hat bei dem Film geklickt und David konnte nicht verstehen, wie wir das langweilige Ding genießen konnten. 

Ihr habt in Deutschland bislang “nur” im Vorprogramm von Herbert Grönemeyer und mal beim Reeperbahn Festival gespielt, jetzt kommt ihr mit einer Clubtour zurück. Was können wir erwarten?

Ari: Ja, wir spielen im Februar zu fünft eine komplette Tour in Deutschland - wir haben eine Harfinistin, eine E-Gitarristin und einen Schlagzeuger dabei. Die bringen wahnsinnig viel Energie und Laune mit, dass wir uns konzentrieren können auf das, was wir inhaltlich machen. Ich tanze wahnsinnig gern auf der Bühne, deswegen die E-Gitarristin.

Hjörtür: Ich war eigentlich dafür, dass wir stattdessen einen Tänzer oder eine Tänzerin engagieren und Ari selbst die Gitarre spielt. (lacht)

Tanzt du so schlecht?

Ari: Nein, aber wenn du an Thom Yorke denkst, und seine komischen Bewegungen ... Oder an Ian Curtis von Joy Division. Bei jeder Band, bei der der Sänger Gitarre spielt, ist der Auftritt doch 100 Mal fader, als wenn er sich frei bewegen kann.

Anschauen kann man sich das auf der bald startenden Tour von Oehl.