TONSPION TIPP

PEOPLE Festival in Berlin: Es geht um die Musik

2-Tage Sessions im Funkhaus Berlin

Zum zweiten Mal lud das Künstlerhotel Michelberger zum PEOPLE Festival und 160 Musiker aus aller Welt folgten der Einladung ins Funkhaus. Eine Woche lang jammten und improvisierten sie in unterschiedlichen Besetzungen und öffneten ihre Studiotüren am Wochenende für die Öffentlichkeit. 

Künstler wie Justin Vernon (Bon Iver), The National, Feist, Mouse On Mars, Boys Noize oder Erlend Oye folgten der Einladung, in den Räumen des ehemaligen Funkhauses an der Nalepastraße gemeinsam zu musizieren und die Ergebnisse der Sessions am Wochenende zu präsentieren.

Neben den bekannteren und allseits geschätzten Künstlern gab es auch viel Neues, bisher Unbekanntes zu entdecken. Zum Beispiel die zwei Elektronik-Nerds, die mit ihren spontan improvisierten Soundscapes Frequenzen ausloteten, die man bisher noch gar nicht kannte. Oder das ältere, vermutlich tschechische Paar, das in Studio 2 am Cello und Klavier improvisierte und den gesamten Saal mit seinem Können faszinierte. Oder der Chor, der sich plötzlich mitten aus dem Publikum im Studio 1 erhob. Kaum einer der Künstler stellte sich vor, es sollte schließlich nur um den Moment gehen, um das Live-Erlebnis. Ohne Erwartungen oder Vorurteile. Und dazu braucht es nicht viele Worte.

Die Zuschauer wurden am Eingang in sieben Gruppen eingeteilt und dann zu bestimmten Uhrzeiten in eines der vielen Studios geführt, wo ein oder mehrere Künstler warteten und ein Konzert von rund 45 Minuten Länge spielten. Die Namen wurden vorab nicht bekannt gegeben, man musste sich einfach drauf einlassen, was man geboten bekam. So erlebte fast jeder der rund 5000 Besucher ein anderes Festival und andere Künstler. Und manchmal auch die großen Namen.

Grammy-Preisträger Justin Vernon sorgte mit dem fantastischen stargaze Orchestra für Gänsehaut und feuchte Augen und der irische Songwriter Damien Rice stellte inmitten seines Sets einen blinden italienischen Sänger vor, der eine napolitanisches Volkslied zum besten gab. Einfach weil er ihn im Urlaub entdeckt hatte und ihn gut fand, war Grund genug, ihn zum Festival einzuladen. Von Rap bis Klassik, von elektronischer Musik bis Folk gab es alles querbeet und auch oft kombiniert zu hören. Genregrenzen wurden teilweise spielend überwunden. Das hier ist die neue E-Musik! 

Ein Festival ohne festes Programm, ohne Sponsoren, ohne Gagen, das sich nur um Musik dreht 

Auch wenn es bei der Koordination von 160 einzelnen Künstlern, die in verschiedenen Kombinationen und Räumen zusammen spielen sollten, zwangsläufig zu organisatorischen Problemen kommen muss und man zwischendurch viel Geduld in einer der vielen Warteschlangen aufbringen musste, ist das PEOPLE Festival das aussergewöhnlichste und mutigste Musik-Experiment des Jahres 2018. Nirgendwo sonst kann man Musik noch so ursprünglich im Entstehungsprozess erleben. Dass dabei das Niveau konstant hoch blieb, dafür sorgte alleine schon die gelungene Auswahl der Künstler selbst. Ich habe an beiden Tagen kein einziges schwaches oder enttäuschendes Konzert gesehen. 

Videos und Fotoaufnahmen waren während der Sessions nicht gestattet, deshalb können wir hier nur Aufnahmen der Proben zeigen. Überhaupt war das Publikum respektvoll und interessiert, wie es bei Festivals nur ganz selten der Fall ist. Selbst längeres Warten nahm es ohne großes Murren hin. Smartphones waren so gut wie keine zu sehen und während der Konzerte herrschte andächtige Stille. Eine fast schon spirituelle Erfahrung.

Ein Gegenentwurf zur kommerziellen Festivalszene

Auf der Forest Stage vor dem Funkhaus gaben sich die Künstler das Mikrofon in die Hand, um auch zwischen den Studiosessions miteinander zu musizieren und die Wartezeiten zwischen den Sessions zu verkürzen. Und man hatte vor allem dort den Eindruck, dass wirklich jeder Künstler auch Spaß an diesem Event hatte, statt nur das immer wieder die gleichen Songs abzuspulen. 

Einige der Kollaborationen werden wir im kommenden Jahr sicher auch in Form eines Albums zu hören bekommen. Aus der letzten Ausgabe im Jahr 2016 entstanden Platten wie die von This Is The Kit oder Poliça. Aber auch die Live-Sessions dieser Woche kann man zuhause nachhören. Das Festival stellt eine umfangreiche Audiothek zur Verfügung, in der einige der musikalischen Momente der vergangenen Woche festgehalten wurden. 

Wem die zunehmende Kommerzialisierung der Festivalszene mit den immer gleichen Headlinern nicht zusagt, findet im PEOPLE Festival den gelungenen Gegenentwurf. Hier geht es nicht ums Geschäft, hier geht es ausschließlich um die Kunst. Wir hoffen auf eine Fortsetzung im nächsten Jahr!

Empfohlene Themen

BVG macht "My Way" in abgefahrenem Clip zu ihrem Ding
ANZEIGE

BVG macht "My Way" in abgefahrenem Clip zu ihrem Ding

Imagefilm der Berliner Verkehrsbetriebe mit Stargast
Ein derart cooles Cover des etwas angestaubten Frank-Sinatra-Klassikers hinzubekommen, ist schon 1. Klasse: Mit viel Selbstironie und Star-Kollaboration zeigt die BVG einmal wieder – they do it their way. Seht hier den Clip und entdeckt den Cameo-Auftritt von Cro.
10 Tipps: Wie man garantiert ins Berliner Berghain kommt
TONSPION TIPP

10 Tipps: Wie man garantiert ins Berliner Berghain kommt

Und wann du dir die längste Schlange Deutschlands sparen kannst
Jedes Wochenende verharren Hunderte Touristen und Berliner manchmal stundenlang in der Schlange vor dem berühmtesten Club Deutschlands. Alle reinlassen geht längst nicht mehr. Wie man ganz sicher reinkommt, wissen nur die Türsteher. Wie du garantiert nicht ins Berghain kommst, erfährst du in unserer Top 10.
Verti Music Hall: Neue Konzerthalle in Berlin

Verti Music Hall: Neue Konzerthalle in Berlin

Erste Konzerte von Jack White, George Ezra und Hozier
Heute öffnete mit der Verti Music Hall eine neue Konzerthalle in Berlin ihre Pforten mit einer Show von Jack White. Direkt neben der Mercedes Benz Arena auf der neuen Ausgehmeile an der East Side Gallery gibt es nun eine Musik-Location für 4350 Besucher.

Aktuelles Album

Bon Iver - 22, A Millon

Bon Iver - 22, A Million

Artist: 
Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
mittelmäßig
gut
sehr schön
herausragend
Die Grenzen des Pop
Fünf Jahre liegt das letzte Album von Bon Iver in der Vergangenheit. Die Welt liebte ihn für seinen lieblichen Folk. Auf der neuen Platte "22, A Million" will er davon nichts mehr wissen.