Popkomm 2004: The future is bright!

Trefflicher hätte die Popkomm 2004 kaum abgeschlossen werden können: auf dem begleitenden Businesskongress PremiuMusic, hielt der ehemalige Grateful Dead Songwriter John Perry Barlow eine flammende Rede für die Freiheit der Musik. Und erklärte, warum der Niedergang der Musikindustrie für die Musik eigentlich gar nicht schlimm, sondern ein Segen sein könnte.

Die Musikindustrie ist explodiert in hunderte von Teilchen. Selten herrschte so eine chaotische Vielstimmigkeit auf einer Popkomm. "Die Musikindustrie" gibt es so längst nicht mehr. Die großen Stars werden von den Markenartiklern aufgekauft, meinen die einen. Apple wird das Rennen um Downloads machen, meinen die anderen. Wieder andere sehen die kleinen Labels florieren und die großen untergehen. Jeder hat irgendeine Idee, aber keiner zieht mit am gleichen Strang. So bewegt man nichts.

Unter dem Titel "The Future is bright! Is it?", sprach John Perry Barlow, Songwriter und Internetvisionär, zum Abschluss des Branchentreffens in Berlin passenderweise über sein großes Thema: das Ende der Musikindustrie und das Internet als Zukunftschance für die Kreativen und die gesamte Menschheit.

Zunächst machte John Perry Barlow deutlich, dass er der erste Redner auf der Veranstaltung sei, der Musik nicht nur verkaufe, sondern auch sein ganzes Leben lang Musik gemacht habe. Deshalb habe er naturgemäß eine etwas andere Sicht auf die Dinge.
Die Musikbranche stehe momentan an einer Kreuzung. Er vergleicht die Musikbranche mit der Flaschenindustrie. Sie verkaufe Wein in Flaschen, doch dank der heutigen Technologie brauche man nun keine Flaschen mehr. Man könne den Wein auch ohne irgendwelche Verpackungen verkaufen. "Heute können Musik und Ideen dank Internet frei fließen", so Barlow. Das sei eine große Chance.

"Die Piraten aus der Musikindustrie sind in existenzieller Gefahr", so Barlow. Piraten deshalb, weil sie jahrelang Musiker ausgebeutet und sie mit nichts oder sogar mit Schulden zurückgelassen hätten.
Nach Berechnungen von Barlow verdient ein Künstler im Schnitt nicht einmal 4% der Einnahmen am Verkauf seiner Aufnahmen, wenn überhaupt.
Im Vergleich dazu erhält er aber immerhin rund 30% der Einnahmen aus Live-Auftritten.

Deshalb sei es von existenziellem Interesse für einen Künstler, seine Sachen auch zu Gehör zu bringen, um die Leute zu Konzertbesuchen zu bewegen. "Wir haben erstmals die Möglichkeit, dass theoretisch jeder Song auf der Welt von jedem Menschen gehört werden kann und dann kommt die Musikindustrie daher und will die Musik wieder verschließen. Musik, die nicht gehört werden kann, ist aber vollkommen wertlos".

Durch die Digital Rights Management Verfahren, die von den großen Plattenfirmen derzeit lauthals gefordert werden, laufe die Menschheit Gefahr das kulturelle Erbe einer ganzen Epoche zu verlieren.
"Geschützte Musik wird für unsere Nachkommen für immer verloren sein", so Barlow. Die künstliche Verknappung, die die Musikindustrie anstrebe, möge für physische Produkte funktionieren, nicht aber für Musik.

Die Technologie zum Schutz von so genanntem "Content" sei in Wahrheit die perfideste Form für ein "Political Rights Management", was man sich vorstellen könne. Man dürfe diesen Firmen unter keinen Umständen so ein mächtiges Überwachungsinstrument an die Hand geben. Microsoft plant derzeit in Zusammenarbeit mit Chip-Hersteller Intel, Kopierschutzmechanismen in seinem kommendes Betriebssystem Longhorn fest zu verankern.

"Wenn ich einen Toaster habe und ich gebe ihn dir, dann hast du einen Toaster und ich habe keinen mehr. Wenn ich dir einen Song gebe, dann hast du den Song, aber ich habe ihn auch noch. Und das schönste daran: wir können ihn beide gemeinsam singen. Oder uns von ihm zu einem neuen Song insprieren lassen. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied." Mitarbeiter der Plattenbranche, die sich partout nicht mit diesem Gedanken anfreunden wollen, dass die Menschen offen und frei mit Musik umgehen dürfen, empfiehlt Barlow kurzerhand, doch einfach die Branche zu wechseln, z.B. zur Automobilbranche. Damit machten sie sich ihr Leben wesentlich leichter, schließlich sei es relativ unwahrscheinlich, dass plötzlich alle ihren Mercedes tauschen wollten.

Alle anderen Vertreter der Musikndustrie rief er dazu auf, das Geschäft mit der Musik neu zu erfinden. "Hey, ihr habt es bisher glänzend verstanden, den Leuten das Geld aus den Taschen zu ziehen. Warum sollte sich das ändern? Ihr müsst es einfach nur ein bisschen anders machen als bisher." Als eine Möglichkeit sieht Perry die Umstrukturierung von sinnlos gewordenen Tonträgerunternehmen klassischen Zuschnitts, hin zum Künstlermanagement, das ganz im Sinne seiner Künstler handelt und von deren Erfolg profitieren könne.

Als Beispiel für eine äußerst ungewöhnliche Vermarktungsstrategie gilt auch seine eigene Band Grateful Dead. Auch die habe sich am Anfang dagegen gewehrt, als die Fans damit angefangen hatten, massenhaft Live-Mitschnitte seiner Songs zu tauschen. Aber dann sei etwas ganz Merkwürdiges passiert. "Das Publikum wurde für die Band zum erfolgreichsten Marketing-Instrument. Die Mund-zu-Mund-Propaganda und das Tauschen der Bootlegs hatte zur Folge, dass unsere Platten später mit Platin ausgezeichnet wurden und wir am Ende unserer Karriere mit Leichtigkeit jedes Stadion der USA füllen konnten."
Etwas ähnliches sei geschehen, als Napster plötzlich aufgekommen sei, die Musikbranche habe einen Schub erfahren. Die große Krise habe dagegen erst mit der Schließung Napsters auf Betreiben der Industrie begonnen.

"The future is bright", gab sich Barlow am Ende seiner Rede zuversichtlich, "wir haben nur eine sehr schwierige, häßliche Phase vor uns. Aber es wird geschehen."

John Perry Barlow, Songwriter und Internetvisionär, hatte bereits vor zehn Jahren den Untergang der Musikindustrie wie wir sie kennen vorhergesagt. Mit seiner Organisation Electronic Frontier Foundation (EFF) vertritt er in den USA die Bürgerrechte gegen die Interessen diverser Konzerne und Lobbyverbände. Zuletzt gewann die EFF einen Prozess gegen die Musikindustrie, bei dem die Tauschbörse Grokster freigesprochen wurde. Außerdem unterstützt der EFF die Creative Commons Lizenz, mit der Künstler ihre Werke für die Verbreitung in Tauschbörsen freigegeben können. (ur)

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