Radiohead-Konzert in Israel: Warum die Proteste die Falschen treffen

Roger Waters bedrängt Radiohead, ihr Konzert in Tel Aviv abzusagen

In deutschen Medien wird bisher kaum darüber berichtet, in England ist es ein riesiges Thema: Radiohead spielen heute ein Konzert in Tel Aviv und über 1200 (mehr oder weniger bekannte) britische Künstler angeführt von Roger Waters und Regisseur Ken Loach protestieren öffentlichkeitswirksam dagegen. Und fördern damit antisemitische Tendenzen.

Wir sind kein Politik-Magazin und um den seit Jahrzehnten andauernden Nahostkonflikt annähernd zu verstehen, muss man mindestens Politik studiert und sich Jahre damit beschäftigt haben. Deshalb verbieten sich einfache Antworten auf so komplexe Themen. Doch es gibt ein paar Gründe, warum man die Boykottaufrufe von Künstlern gegen Israel sehr ernst nehmen und widersprechen muss.

Ex-Pink Floyd Roger Waters und Regisseur Ken Loach stehen an der Speerspitze der Künstler, die sich derzeit lautstark gegen den Auftritt von Radiohead im einzigen demokratischen Land im nahen Osten aussprechen. Die Begründung: Radiohead sollen ein Zeichen gegen die israelische Besatzung Palästinas setzen und Israel boykottieren.

Dabei unterschlagen sie ein paar wichtige Fakten: 

1. Israel ist das einzige demokratische Land im Nahen Osten. Die Regierung ist gewählt und wird keineswegs von allen Israelis unterstützt. Tatsächlich ist der aktuelle Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im eigenen Land stark umstritten. Wenn Bands ernsthaft mit Boykotten gegen eine Regierung Politik machen wollen, dürften sie derzeit nicht mehr in den USA (Trump!) und nicht mehr in England spielen (das den Nahostkonflikt mit seinem Irak-Krieg massiv befeuert und den IS damit erst möglich gemacht hat). Und auch nicht mehr in Deutschland, wo gerade wieder von der Regierung unter Angela Merkel ein Waffendeal mit der Diktatur Saudi Arabien lautlos durchgewunken wurde. Doch solche Boykotte wären kommerzieller Selbstmord. Das kleine Israel zu boykottieren tut nicht weh.

"In einem Land aufzutreten heißt nicht, dass man die Regierung unterstützt. In den letzten 20 Jahren haben wir in Israel unter den verschiedensten Regierungen gespielt, manche waren liberaler als andere. Genau wie in Amerika. Wir unterstützen Netanyahu nicht mehr als Trump, trotzdem treten wir immer noch in Amerika auf. Bei Musik, Kunst und akademischer Wissensvermittlung geht es darum, Grenzen zu überwinden, unvoreingenommen zu sein. Es geht um Menschlichkeit, Dialog und freie Meinungsäußerung." (Thom Yorke im Rolling Stone)

2. Eine kulturelle Ausgrenzung Israels ist ein Angriff auf die Menschen in Israel. Die Kommentare auf ein Facebook-Post der Australier Dead Can Dance, die die britische Organsiation "Artists for Palestine" und damit einen kulturellen Boykott Israels unterstützen, zeigen auf erschreckende Weise, welche Gruppierungen sich durch diese Form des politischen Aktionismus bestätigt fühlen: solche, die voller Hass auf Israel oder Juden sind und schlimmste Klisches bedienen. Das hatten wir in Deutschland auch mal. Und es ist nicht gut ausgegangen.

3. Durch einen kulturellen Boykott Israels wird sich nichts ändern. Radiohead werden ihr Konzert spielen und viele Menschen damit glücklich machen. Der Konflikt wird dadurch nicht beendet werden. Würden sie nicht spielen, würde sich auch nichts geändert haben. Radiohead wissen genau, dass ihre Möglichkeiten als Künstler jenseits ihrer Musik etwas zu bewirken durchaus begrenzt sind. Roger Waters und andere, die ihn unterstützen, wissen das anscheinend nicht. Der latente Größenwahn von Roger Waters hat bereits seine eigene Band zerstört. Offenbar reicht ihm das noch nicht.

4. Die  umstrittene Organisation BDS (Boycott, Divestment and Sanctions), die von Roger Waters, aber auch von honorigen Künstlern wie Brian Eno, Ken Loach oder Jean-Luc Godard unterstützt wird, setzt die Gaza-Politik Israels mit der Apartheid in Südafrika gleich und hat neben harter Sanktionen nichts weniger als die Abschaffung des Staates Israels zum Ziel. Gezielte Kampagnen gegen Künstler, die in Israel auftreten gab es bereits mehrfach: In der Vergangenheit hat die BDS durch massiven öffentlichen Druck auf Twitter bereits Konzerte von Elvis Costello, Lauryn Hill, Thurston Moore, Sinéad O’Connor, Tommy Sands oder Carlos Santana in Israel verhindert. Zahlreiche Künstler sind trotz öffentlicher Drohungen und Schmähungen durch BDS-Unterstützer in Israel aufgetreten, darunter Leonard Cohen, Rihanna, Red Hot Chili Peppers, Bob Dylan, Lady Gaga, Elton John, Jon Bon Jovi, Alicia Keys, Cyndi Lauper, Madonna, Justin Timberlake, Kanye West, Paul McCartney oder The Rolling Stones. 

Bands, die demnächst in Israel auftreten werden und als nächstes auf der Abschussliste der BDS stehen dürften: Pixies, Black Lips, Slowdive, Nick Cave oder Bryan Adams.

5. Israel ist seit Jahrzehnten von Ländern umzingelt, die dem Land die Existenz absprechen und es vernichten wollen. Es gab in der Vergangenheit unzählige Raketen-Angriffe von palästinensischer Seite auf die gesamte israelische Bevölkerung. So zu tun, als existierte die reale Bedrohung nicht und in der sicheren Londoner Villa Israel als einzig Schuldigen anzuprangern, ist naiv und realitätsfern. Eine schnelle Friedenslösung ist laut Israel-Experte Volker Beck nicht in Sicht, ganz egal welche Partei oder welcher Präsident an die Macht kommt. Einfache Lösungen gibt es nicht, egal welche Petition man unterschreibt. Man kann, darf und muss die israelische Siedlungspolitik deutlich kritisieren, aber israelische Bürger und Fans deshalb in Sippenhaft nehmen und kulturell ausgrenzen zu wollen, ist einem Friedensprozess wohl kaum dienlich.

"Wer über Jahrzehnte hinweg erzählt bekommt, dass die Israelis nur schießen und die Palästinenser nur beschossen werden, wird ein verzerrtes Bild bekommen – auch ohne Antisemit zu sein." (Volker Beck im Tagesspiegel)

Weil viele Künstler sich aus dieser schwierigen politischen Debatte lieber raushalten, hat sich bisher einzig der Rock-Frührentner Michael Stipe von R.E.M. an die Seite von Radiohead gestellt und in einem kurzen Statement seine Solidarität mit Radiohead bekundet.

Die Band selbst reagierte bisher eher wortkarg auf die massiven, seit Monaten andauernden öffentlichen Angriffe. Im einzigen Interview zum Thema sagte Thom Yorke, dass die Situation in der Region zwar "bestürzend" sei, wirft aber seinen Kritikern schwarz-weiß Denken vor: "Es ist sehr peinlich, dass sie (die betreffenden Künstler) sich dem anschließen und sich nicht persönlich mit uns auseinandersetzen. Stattdessen bewerfen sie uns öffentlich mit Schmutz." 

Warum man ausgerechnet eine der rechten Propaganda völlig unverdächtige Band als Zielscheibe für Israel-Kritik ausgesucht hat? Vermutlich weil es dadurch die größten Schlagzeilen gibt. 

Die Aktion "Artists for Palestine" und der BDS rufen zu einem "kulturellen Boykott" eines ganzen Landes auf und berufen sich dabei auf "eine moralische Verpflichtung". Roger Waters wurde auf Grund seiner anhaltenden verbalen Attacken auf Israel immer wieder mit dem Vorwurf des Antisemitsmus konfrontiert und hat sich immer klar davon distanziert. Er habe solche Belehrungen nicht nötig, schließlich sei sein Vater von Nazis im Krieg getötet worden.

Ein ganzes Land und seine Bevölkerung aufgrund der Politik seiner Regierung und seiner schwierigen Geschichte kulturell und wirtschaftlich ausgrenzen und in letzter Konsequenz sogar abschaffen zu wollen, löst kein einziges Problem. Ganz im Gegenteil. 

“Once he sees a confrontation as necessary he is so grimly committed to winning that he throws everything into the fray – and his everything can be pretty scary.” (Nick Mason über Roger Waters)

► Die israelische Künstlerin Noga Erez setzt sich kritisch mit der Politik ihres Landes auseinander 

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