Rap in Ostdeutschland

Die bunte Rapszene im Osten der Republik

Berliner Schnauze oder Hamburger Weltoffenheit, vom brav-studentischen München bis zur Malocher-Metropole Ruhrgebiet – jede größere Stadt oder Region Deutschlands hat über die Jahre ihren eigenen Deutschrap-Sound hervorgebracht. Doch was ist eigentlich mit den "neuen" Bundesländern?

Ostdeutschland scheint ein weißer Fleck auf der HipHop-Landkarte zu sein. Doch dabei haben nicht nur gestandene Größen des Genres ihre Wurzeln in den „neuen Bundesländern“ – auch im Untergrund gibt es hier einiges zu entdecken. Wir zeigen euch Rap-Entdeckungen aus Ostdeutschland, von wütendem Polit-Rap bis zu zeitlos entspanntem Boom-Bap.

Marteria-Mein Rostock

Mit „Zum König geboren“, Mecklenburg-Vorpommerns Beitrag zum Bundesvision Song-Contest 2009, nahm Marten Lacinys Mainstream-Karriere ihren Anfang. Kennern der HipHop-Szene war Marteria aber schon vorher ein Begriff: als Mitglied der Rostocker Underdog Cru („Boombastisch“), spätestens aber seit dem Debut-Album seines Alter Egos Marsimoto (Halloziehnation, 2006).

Auf „Zum Glück in die Zukunft II“ widmete er seiner Heimatstadt die liebevolle Hymne „Mein Rostock“. Irgendwo dort, in der Abgeschiedenheit der Ostseeküsten, soll der sympathische Weltenbummler übrigens heute ein ruhiges, beschauliches Leben führen.

Waving the Guns – Endlich wird wieder getreten

Von Ruhe und Beschaulichkeit hält der Nachwuchs aus der Hansestadt wenig bis nichts: Waving the Guns verbinden rotzige Battlerap-Attitüde mit klarer politischer Haltung. Homophobie und Rassismus haben hier genau so wenig zu suchen wie Enthaltsamkeit, Arbeitsmoral oder gar Staatstreue; frei nach dem Motto: „Leg‘ die Arbeit nieder, leg dich hin oder leg dir ´ne Line.“

Bei ihrem Label Audiolith, die unter Anderem Feine Sahne Fischfilet oder die linke Kult-Band Egotronic unter Vertrag haben, sind sie damit in guter Gesellschaft. „Eine Hand bricht die Andere“ ist die Album gewordene Antwort auf den Rechtsruck heutiger Tage. Eine Antwort, die längst überfällig war: Denn seit einigen Jahren machen sich, gerade auch in Ostdeutschland, Rapper breit, die im Namen von rechtsradikalen Gruppen wie der Identitären Bewegung Pegida-Parolen skandieren. Wie das klingt? Als ob Bernd Höcke Reden auf mittelmäßige Gangstarap-Beats schreiben würde. Kann man sich getrost sparen.

Pyranja – Overkill

Die politischen Umstände haben allerdings auch ihren Einfluss auf HipHop: Pyranja, ebenfalls Rostockerin, hat sich nach zehn Jahren Schweigen dieses Jahr mit „Overkill“ zurück gemeldet. Gemeinsam mit Joe Rilla, Dra-Q und Anderen bildete sie Anfang der 2000er die Crew Ostblokk.

Dra-Q verschwand kurz nach seinem McDonalds-Song „Ich liebe es“ von der Bildfläche. Dieses Jahr tauchte er wieder auf – als Bundestagskandidat der HipHop-Partei „Die Urbane“. Joe Rilla singt heute unter seinem bürgerlichen Namen Hagen Stoll bei Haudegen.

Ob nach der Gesellschaftskritik „Overkill“ jetzt auch ein Album von Pyranja folgen wird? Fans der stark unterschätzten Rapperin können es sich nur wünschen.

Tefla und Jaleel – Rhythmus Mafiosis

Beim Thema Ostblock-Oldschool kommt man an diesen beiden Chemnitzern nicht vorbei: Anfang der 2000er landeten sie mit ihrem Debut-Album „Interview“ einen Achtungserfolg mit Platz 40 in den deutschen Albumcharts.

Nach ihrem letzten Splash-Auftritt 2010 haben sich die beiden aus dem aktiven Rap-Geschäft zurück gezogen.    

Trettmann: Grossvater

Der Leipziger Trettmann hat mit #DIY das Comeback-Album des Jahres geliefert. Lange bevor er gemeinsam mit dem Kreuzberger Produzententeam KitschKrieg bewies, dass Trap in Deutschland auch Tiefgang haben kann, galt „Ronny Trettmann“ als „Erfinder des sächsischen Reggae“.

Songs wie „Sommer ist für alle da“, auf dem er in breitem Dialekt über einen heiteren Riddim sächselt, haben heute nur noch historischen Wert. Stücke wie „Großvater“ berühren aber noch heute – und zeigen, dass Trettmann auch ohne Autotune zu den ganz Großen gehört.

Morlockk Dilemma - Cognac

Wenn’s um Leipzig geht, kommt man nicht an diesem Meister vorbei: Mit unverwechselbarem Stimmeinsatz, schier unendlich langen Reimketten und dem wohl größten Wortschatz der Rap-Szene mauserte sich Morlock Dilemma in Windeseile vom Geheimtipp zur Untergrund-Legende.

Mit brutal rohen Beats und technisch anspruchsvollem Battlerap lieferte der ehemalige Musikjournalist eine Blaupause für HipHop jenseits des Mainstreams und begeisterte technikbesessene Savas-Fans ebenso wie die Realkeeper aus der Huss&Hodn-Fraktion – und prägte auch den Sound seiner Stadt nachhaltig.

Dude26&Phaeb

Wenn man den Staub auf den Vinyls fast hören kann, sitzt vermutlich Dude26 an den Reglern. Aus warmen Jazz-Samples zaubert der Leipziger wahre Lo-Fi-Perlen, die er allein oder mit seinem Partner Phaeb in entspannt zurück gelehnter Oldschool-Manier berappt.

Zeitlos schöner HipHop, unbeeindruckt von jeglichen Trends und Modeerscheinungen – dabei ebenso genial wie zurückhaltend produziert. Sein aktuelles Album „2026“ ist auch auf Spotify zu hören, ältere Releases wie „26 Sonnen“ oder „Gravitation“, die Kollabo mit Phaeb, hat das Label Daily Concept netterweise auf Youtube gestellt.

Jahmika – Deine Bitch

Zeitlos ist Jahmikas Musik (noch) nicht. Dafür trifft die androgyne Gestalt aus Leipzig den Zeitgeist von morgen: Der Style der Hipster-Szeneviertel trifft auf klassisch gute Rap-Skills. Jahmika ist das, was Cro hätte werden sollen. Sein diesjähriges Quasi-Debut klingt zwar noch ein wenig zu sehr nach Selbstfindung. Aber wenn der junge Mann seine Experimentierphase überwunden hat, hat er gute Chancen darauf, das nächste große Ding im Pop-Rap-Kosmos zu werden. Auch, weil Jahmika bereits bewiesen hat, dass er sich als Künstler stetig weiterentwickeln: Auf älteren Songs wie „Das Ende der Stra$$e“ (https://youtu.be/8UOWWlJSKOg) verfolgt er noch einen ganz anderen Sound – und der war damals schon hörenswert.

Hollywood Hank – Anti Alles

Zu schlechter Letzt ist da noch Hollywoods Finest Ted Bundy aka Bak Ta Ehli aka Hollywood Hank. Wem ostdeutsche Provinznester schon immer ein wenig gruselig vorgekommen sind, findet in dem soziopathischen Horrorclown seine Bestätigung: Fernab von Moral- und Geschmacksgrenzen hat der Mann aus Oderwitz einen Battlerap-Stil gefunden, neben dem Trailerpark wie ein lehrreiches Sozialpädagogik-Projekt wirken.

Nach Kollabo-Alben mit Favorite und JAW verschwand Hank nicht nur von der Bildfläche des Rap-Geschäfts, sondern gleich aus dem Land. Auch das Re-Release seines Debut-Albums „Soziopath“ bei Selfmade Records vermochte den Menschenfeind nicht zur Rückkehr zu bewegen.

Stattdessen tauchte er vor einigen Jahren wieder als Bak Ta Ehli auf, um für die Liebe zu rappen, alte Weggefährten zu dissen und dann wieder in der Versenkung zu verschwinden. Selbst ein Twitter-Gesuch von Kool Savas höchstpersönlich konnte den Rapper nicht aus seiner Höhle locken. Eine bemerkenswert seltsame Gestalt mit einem einzigartigen, eben weil so fragwürdigem Stil.

Dominik Lenze

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Neuer Name, neuer Stil, neues Movement - nachdem Trettmann und KitschKrieg mit ihrer EP-Trilogie bereits den interessantesten Rap-Sound 2017 hervorgebracht haben, wird dieser Prozess auf den 10 Tracks von "#DIY" auf die Spitze gebracht.