Singing in the rain: U2 im Berliner Olympiastadion

U2 spielen ihr bestes Album "The Joshua Tree" in voller Länge

In strömendem Regen und ohne überdachte Bühne spielten U2 gestern ein sehenswertes Konzert in Berlin anlässlich des 30. Geburtstags ihres erfolgreichsten Albums "The Joshua Tree". Und zeigten, warum sie nach wie vor die beste Stadionband der Welt sind.

Höchststrafe für Noel Gallagher: unter einem Campingzelt bei strömenden Regen eröffnete der ehemalige Oasis-Chef das Konzert im Berliner Olympiastadion mit einer Hälfte neuer Songs, die niemanden interessierten und einer Hälfte Oasis-Songs, die er zusammen mit seinem Bruder in der Vergangenheit schon viel besser dargeboten hatte. Einzig "sein" Song "Don't Look Back in Anger" konnte das ausverkaufte Stadion ein wenig in Stimmung für den Hauptact des Abends bringen. 

U2 eröffneten ihre Show mit Songs ihrer frühen Alben "Boy", "War" und "The Unforgettable Fire", der ersten kongenialen Zusammenarbeit mit Brian Eno, der die Musik von U2 aufs Breitwandformat brachte. Vom ersten Takt an, hatte die wahrscheinlich älteste Schülerband der Welt, die 40 Jahre später immer noch in in Originalbesetzung spielt, das Stadion fest im Griff. 

U2 - Heroes (live in Berlin)

Was auch immer man von Bono halten mag: er ist - neben Mick Jagger - der Inbegriff des charismatischen Frontmanns. Ohne große Lightshow oder Video-Projektion spielten sie ihre ersten Songs von "Sunday Bloody Sunday", "New Years Day", "Bad" bis "Pride (In The Name Of Love)" auf einem Podest mitten im Stadion. Obwohl von meiner Position nur stecknadelgroß zu sehen, genügt schon die kurze Ansage "Spotlights off, let the stars shine", um das gesamte Stadion innerhalb von 3 Sekunden mit Handy-Kameras hell zu erleuchten. 

Nach diesem starken Intro stellt sich die Band auf der Hauptbühne vor die riesige Video-Leinwand mit Filmseqzenzen des ikonischen Joshua Tree Nationalparks und spielt ihr bestes Album "The Joshua Tree" erstmals in voller Länge. 

U2 - Where The Streets Have No Name (live in Berlin)

Trotz seines ernormen Erfolges und 18 Millionen verkauften Einheiten war es unter Musikjournalisten damals schon verpönt, U2 zu mögen. Und so ist es heute noch. Die einen sind zu alt für U2. Sie hängen ihrer Punk-Jugend nach. Eine zweifellos wilde und aufregende Zeit, die auch für die Post-Punks von U2 erst den Boden bereitete. U2 ernteten Mitte der 80er, was vor ihnen die Ramones, die Sex Pistols oder Suicide säten. Die anderen sind schlicht zu jung, weil sie nur die späteren U2 kennen, als die Band längst eine etablierte und saturierte Stadionband war, wie so viele andere in die Jahre gekommenen Bands auch. Und das in einer Zeit, als Techno oder Indierock der heiße Scheiß war.

Cool war es tatsächlich noch nie, U2-Fan zu sein. Und Bono machte es einem über die Jahre auch wirklich nicht leicht mit seinem Drang, die Welt öffentlichkeitswirksam vom privaten Jumbo-Jet aus retten zu wollen.

Die erste Hälfte des Konzerts brachte Hit auf Hit - ein kompaktes Best-Of von U2 - und riss das Publikum von den Stühlen der Ränge des Olympiastadions. Niemand blieb sitzen. Es war schlicht überwältigend. Dann kündigte Bono "die zweite Seite der Joshua Tree Kassette an" und tatsächlich hatte man plötzlich das Gefühl, U2 spielten nur noch B-Seiten.

Doch genau das machte ihre "Joshua Tree" Show so besonders und hörenswert. Statt nur die "Greatest Hits", boten sie ihren 70.000 Fans auch leise und unspektakuläre Songs, die zwar nicht vergessen, aber eben nicht so überdimensional groß sind wie "Still Haven't Found What I'm Looking For".  Und erstaunlicherweise klangen - ganz ähnlich wie bei The Cure - die 30 Jahre alten Songs kein bisschen angestaubt und nostalgisch. 

Fast schon zärtlich sang Bono über einen verstorbenen Freund der Band in "One Tree Hill". Zum letzten Song "Mothers Of The Disappeared" waren schließlich eindrucksvolle Bilder aus einem riesigen syrischen Flüchtlingslager zu sehen, die das ganze Ausmaß der Folgen von Krieg und Flucht zeigten. Mehr musste er dazu gar nicht sagen, um seine politische Botschaft unter die Menge bringen.

Überhaupt hielt sich Bono mit großen Reden zur Lage der Welt zunächst angenehm zurück und konzentrierte sich voll auf die Musik, mischte immer wieder Ausschnitte anderer Songs in die eigenen. "Heroes" von David Bowie in der deutschen Version durfte in Berlin ebenso wenig fehlen, wie "The Passenger" von Iggy Pop.

Als Zugaben spielten U2 dann ausschließlich Material, das sie nach "The Joshua Tree" aufgenommen hatten, einer Zeit in der sie längst weltweit Stadien füllten. Entsprechend aufgeblasener wurde auch ihre Musik. "Beautiful Day", "Vertigo", "Elevation", auch diese Songs sind Klassiker, doch die spezielle Magie der ersten fünf Alben wollte sich danach nicht mehr so recht einstellen. 

"One" sollte schließlich das Berliner Konzert beenden, einer dieser Songs, die Johnny Cash mit einem Cover zum Klassiker adelte. Doch nach über zwei Stunden im kalten Dauerregen holten U2 nochmal einen Beatles-Song raus und entließen ihr Publikum mit "Rain" in die Berliner Nacht. 

Die komplette Setlist von U2 im Olympiastadion Berlin am 12.7.2017

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