Sophie Hunger: Wir müssen uns neu erfinden

Der Coronavirus wird die Musikbranche für immer verändern

Während die ganze Welt zuhause sitzt und darauf wartet, dass ein Mittel gegen die Ausbreitung des Coronavirus gefunden wird, kämpft die Musikbranche ums nackte Überleben. Sophie Hunger ruft dazu auf, nicht zu lange auf eine Änderung dieser Situation zu warten, sondern zu handeln.

Täglich lesen wir Aufrufe von Künstlern, Kreativen, Verlagen, Agenturen, Veranstaltern, Labels, Verbänden - also dem gesamten Musikbusiness - dass jetzt schnell Geld fließen müsse. Menschen, die finanziell davon abhängen, an öffentlichen Orten zu arbeiten, wissen nicht, wie sie die nächste Zeit überleben sollen. 

Doch egal, wie die Finanzspritzen der Regierung aussehen und wieviel auch gespendet wird: es wird nicht reichen, um einfach weiterzumachen wie bisher. Sophie Hunger fordert ihre Kollegen deshalb zum radikalen Umdenken auf:

"Musiker, wir waren die ersten die schließen mussten und wir werden die letzten sein, die wieder spielen dürfen - nach einiger Überlegung ist es ziemlich wahrscheinlich, dass Shows und Performances jeglicher Art nicht mehr möglich sein werden, bis ein Impfstoff gefunden wurde. Nur dann werden die Regierungen die Möglichkeit haben, öffentliche Versammlungen wieder zu erlauben... Wenn wir akzeptieren, dass wir uns neu erfinden müssen, lasst uns nicht lange warten, das hier ist keine Pause, es ist ein Systemwechsel."

Sophie Hunger auf Instagram

Später ergänzte sie, dass es hier nicht um die erfolgreichen Künstler gehe, die von ihren Songrechten leben können z.B. über Streaming oder Radio, sondern um die vielen Leute hinter den Kulissen: Studiomusiker, Techniker, Stage Hands, Thekenpersonal, Security. All diese Menschen hätten jetzt keine Arbeit und null Einkommen. Sie forderte ihre KollegInnen auf, sich jetzt solidarisch zu zeigen und sich gegenseitig zu unterstützen. Staatliche Hilfen würden nicht ausreichen.

Auch der DJ und Produzent Mark Reeder veröffentlichte ein Statement, in dem er das 20. Jahrhundert für immer verabschiedet und uns darauf vorbereitet, dass wir nach dieser Krise in einer neuen Zeitrechnung aufwachen werden, die aber auch viele Chancen für Kreative mit sich bringt. Schließlich sei die Zeit nach dem 1. Weltkrieg das kreativste Jahrzehnt gewesen.

"Willkommen, das 21, Jahrhundert beginnt hier! Machen wir es also zu einem Jahrhundert, auf das wir stolz sein können. Unsere Kreativität wurde gestoppt - aber nur vorübergehend. Und vielleicht ist es die Zeit für Menschen, um zu reflektieren, was Unterhaltung für sie bedeutet. Was es bedeutet, Künstler zu sein und wie sehr wir von der Gesellschaft unterschätzt werden. Denn es werden Musik, Literatur und Film sein, die Ihnen auch helfen, diese Krise zu überwinden. Ich bin sicher, wir werden ein kreatives Jahrhundert sein."

Mark Reeder auf Facebook

Doch wie konkret soll die Musikbranche diese erzwungene Pause finanziell überstehen? Vielleicht so wie Künstler es schon immer gemacht haben: mit Improvisationstalent und Kreativität.

Derzeit werden an vielen Fronten der Krise helfende Hände gesucht. Wer Geld braucht oder einfach helfen möchte, sollte sofort aktiv werden. Der Berliner Sternekoch Max Strohe hat nach der Schließung seines Restaurants kurzerhand seine Küche umfunktioniert und kocht jetzt Eintopf für die Helfer in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Die Lebensmittel dafür bekommt er als Spenden von zahlreichen Unterstützern und Geschäftspartnern.

Wir werden in nächster Zeit viele Initiativen sehen, die Menschen vermitteln, um anderen in dieser Krisenzeit zu helfen und viele dieser Initativen werden auch neue Möglichkeiten eröffnen, sich zumindest einen Teil seines Lebensunterhalts zu sichern bis wir wieder ein Licht am Ende des Tunnels sehen. 

Jeder braucht heute ein zweites Standbein

Wer also noch kein Finanzpolster aufgebaut hat von dem er zehren kann und nur von einem einzigen Geschäftsmodell abhängt, dem wird nichts anderes übrig bleiben, als entweder sein Geschäftsmodell auf mehrere Standbeine zu stellen oder einfach etwas anderes zu machen. Etwas, das nicht von öffentlichen Auftritten abhängt und auch mit Homeoffice weiter funktioniert. Mit anderen Worten: ein Online-Business.

Uns stehen heute dank Internet Werkzeuge zur Verfügung, von denen die Nachkriegsgeneration nur träumen konnte. Trotzdem hat sie es geschafft, ein Land aus Schutt und Asche neu aufzubauen und in ein neues Wirtschaftswunder zu führen.

Mit unseren heutigen Möglichkeiten, uns online weiterzubilden und Geld zu verdienen, sollte das viel leichter sein als damals. Vielleicht sollten wir also aufhören zu jammern und einfach mal machen?

hashtag.business - Digital Marketing Konferenz

Datum: 2. und 3. April 2020 - 9 bis 19 Uhr
Ort: Online

Du willst dein eigenes Online-Business gründen und möchtest dich weiterbilden? Die hashtag.business Konferenz am 2. und 3. April liefert Vorträge und Präsentationen rund ums Thema Online Marketing und bietet 18 Vorträge zu den Themen Online Marketing, Content Marketing und Social Media Marketing. Damit möglichst viele teilnehmen können, wurde der Ticketpreis auf 89 Euro für beide Tage reduziert. Die Online Konferenz ist live und keine Konserve, das heißt ihr könnt den Referenten per Chat Fragen stellen.

TICKET

Für Künstler ist so ein Perspektivwechsel auch eine Chance 

Die meisten Künstler müssen am Anfang ihrer Karriere in mehreren Jobs arbeiten, um überhaupt eine Karriere starten zu können. Die romantische Vorstellung, dass Musiker alleine von ein paar kleinen Club-Konzerten oder Schauspieler von einem Film im Jahr ihr Leben bestreiten können, war schon immer falsch. Also sind sie gleichzeitig Grafik-Designer, Drehbuch-Autoren oder Software-Entwickler. 

Fehlfarben-Sänger und Punk-Legende Peter Hein hat Zeit seiner Karriere seine sichere Festanstellung bei Xerox nicht verlassen, selbst als ihn die Musikindustrie mit viel Geld locken wollte. Er wollte künstlerisch unabhängig bleiben und sein Job ermöglichte ihm genau das. Viele Jobs lassen sich heute viel einfacher mit einer Musikerkarriere verbinden als früher und sind derzeit auch im Homeoffice oder sogar auf Tour möglich. Schließlich steht man da nur abends zwei Stunden auf der Bühne und hat ansonsten extrem viel Zeit totzuschlagen.

Und viele Künstler haben sich nach ihrer Karriere aus dem Nichts ein eigenes Unternehmen aufgebaut, wie zum Beispiel Matze Hielscher, früherer Bassist von Virginia Jetzt! und heute erfolgreicher Digital-Unternehmer und Podcaster oder Kim Frank, der ehemalige Sänger der Teenie-Band Echt, der heute Filme und Musikvideos schreibt und dreht. Die Welt verändert sich heute rasant und wir müssen uns ständig mit ihr verändern und den neuen Gegebenheiten anpassen.

Hilfspaket für Selbstständige ist nur ein Überbrückungsgeld

Die Regierung schnürt gerade ein Hilfspaket für Solo-Selbstständige und Kleinstunternehmer (bis 5 Personen) im Volumen von 40 Milliarden Euro. 10 Milliarden Euro sollen als direkte Zuschüsse an Ein-Personen-Betriebe und Kleinstunternehmen vergeben werden, der Rest von 30 Milliarden Euro als Darlehen. Die genauen Details sind noch nicht veröffentlicht, aber es muss jetzt für viele schnell gehen, um Mieten und Rechnungen bezahlen zu können und sich was zum Essen kaufen zu können.

Doch das kann allenfalls beim Übergang in eine neue Phase helfen. Machen wir uns nichts vor: auf Dauer kann kein Hilfspaket ein Einkommen ersetzen. Man kann sich also auf kurzfristigen Geldern nicht ausruhen, sondern sollte es als eine Art Überbrückungsgeld verstehen. Keine Regierung kann die Gehälter von allen über ein ganzes Jahr bezahlen. Und so lange wird es wohl mindestens dauern, bis wir uns draußen wieder frei versammeln dürfen.

Wer jetzt gerade nichts zu tun hat und kein Einkommen, der sollte sich also spätestens heute und für die Zukunft ein zweites Standbein aufbauen. Kreativen dürfte das nicht so schwer fallen.

Geld wird jetzt an sehr vielen Stellen gebraucht, viele Menschen haben nicht die Chance, einfach etwas anderes zu machen. Taxifahrer, Küchenhilfen, Veranstaltungstechniker, die Liste von Berufszweigen, die derzeit ohne Arbeit und ohne jede Perspektive da steht ist lang. Jeder, der die Chance hat, das System zu entlasten, sollte davon Gebrauch machen und sich neu orientieren.

Corona Update: Was kommt als Nächstes?

Wer den Experten in seriösen Medien zuhört, kann sich bereits ein Bild ausmalen, wie es in nächster Zeit weiter gehen wird: 

  • Bis Ende März werden laut Prof. Streeck, Direktor der Virologie Bonn erste wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, was die bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie in Deutschland gebracht haben. Erst dann wird über neue Maßnahmen beraten.
  • Sind zu viele neue Fälle aufgetreten, werden wir im April bundesweit eine Ausgehsperre bekommen und gar nicht mehr auf die Straße dürfen. 
  • Der Höhepunkt der Pandemie wird laut Prof. Drosten von der Berliner Charité von Juni bis August erwartet, dann könnten die Krankenhäuser am Limit sein und nicht mehr alle Patienten können versorgt werden, sofern die getroffenen Maßnahmen nicht ausreichen. Das betrifft übrigens nicht nur die viel zitierten älteren Risikopatienten, sondern uns alle, da nicht mehr ausreichend Personal zur Verfügung stehen würde, um andere Krankheiten oder Unfälle zu versorgen. 
  • Die vage Hoffnung, dass der Coronavirus ähnlich wie die Grippe bei höheren Temperaturen im Sommer einfach komplett verschwinden könnte, haben sich einer US-Studie zufolge nicht bestätigt.
  • Erst nach erfolgreicher Eindämmung der Pandemie werden auch einzelne lokale Geschäfte wieder nach klaren gesetzlichen Vorgaben öffnen können, wie Prof. Drosten bei Maybrit Illner skizzierte. Dabei werde es für jede Branche detaillierte Vorschriften geben und wir werden weiterhin Abstand voneinander halten müssen.
  • Großveranstaltungen, also Festivals und Konzerte werden deshalb weiterhin nicht erlaubt sein. Solange es keine Impfung gibt, die vor Ansteckung schützt, besteht jederzeit die Gefahr eines erneuten Ausbruchs. Wie lange man nach der Krankheit immun ist, ist - wie so vieles - noch nicht hinreichend erforscht.
  • Mit einem zugelassenen Impfstoff wird nach den bisherigen Prognosen des Robert-Koch-Instituts nicht vor Frühjahr 2021 zu rechnen sein.
  • Konzerte und Festivals können also erst danach wieder mit ihren Planungen beginnen, da mit Reisefreiheit vorher wohl auch nicht wieder rechnen kann. Das heißt, auch die Festivalsaison 2021 könnte nur extrem stark eingeschränkt stattfinden, da die Festivals einen verlässlichen Planungsvorlauf brauchen. Viele Festivals und Veranstaltungsorte werden diese Krise also voraussichtlich nicht überleben oder neu erfinden.
  • Die ganze Welt wird in der Folge in eine massive Wirtschaftskrise schlittern, die Arbeitslosigkeit nimmt drastisch zu, der soziale Unfrieden wächst.
  • Die Populisten und Faschisten werden genau dann aus ihren Löchern kommen, in denen sie sich jetzt verstecken und der zutiefst verunsicherten Gesellschaft vermeintlich einfache Lösungen anbieten ("WIR statt die!") und Menschen gegeneinander aufhetzen. Vor allem dafür sollten wir gewappnet sein! 
  • Der Klimawandel bekommt eine kurze Atempause und die Natur erholt sich von uns. Es gibt also immerhin auch eine gute Nachricht zur Zeit.
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