Zukunftsmodell: Spotify will Labels überflüssig machen

Augen auf, Musikindustrie!

Spotify will offenbar den nächsten Schritt machen. Mit einem neuen Lizensierungskonzept sollen Labels umgangen werden. Hier erfahrt ihr, welche Vor- und Nachteile auf Künstler zukommen und welche Ziele Spotify damit eigentlich verfolgt. 

Spotify sorgt erneut für Schlagzeilen. Nachdem das schwedische Unternhemen in den vergangenen Wochen insbesondere durch Entwicklungen des Börsenkurses und das vorübergehende Entfernen von Künstlern wie R. Kelly in Erscheinung getreten ist, kursieren nun Gerüchte, welche besonders der Musikindustrie nicht gefallen dürften.

Spotify soll Pläne haben, verschiedenen Indiekünstlern eine Direktlizensierung beim Streamingdienst anzubieten. Damit würden Musiklabels als "Vermittler" wegfallen. Zwar kann Spotify keine derartigen Lizenzverträge mit Künstlern aushandeln, welche bereits bei einem Label unter Vertrag stehen und fokussiert sich deshalb aktuell auf kleine Indie-Acts, mit Blick auf die Zukunft dürfte dieses Vorhaben aber für Unruhe bei Labels und unabhängigen Distributionsanbietern sorgen.

Egal ob Indie oder Major - in unserer Spotify-Playlist findet ihr immer die beste neue Musik. (Bild: Jean / @dotgrid)

Welche Vor- und Nachteile gibt es für die Künstler?

Bisher erhalten die Labels ca. 54% der Streamingeinnahmen ihrer Künstler von Spotify. Bei den Direktlizensierungen soll dieser Anteil zwar auf 50% abgesenkt werden, dadurch, dass diese Einnahmen jedoch nicht mehr mit einem etwaigen Label geteilt werden müssen, dürfte sich dies für die meisten Künstler dennoch lohnen.

Desweiteren besteht Spotify nicht auf Exklusivverträge. Dem Künstler steht damit frei, ähnliche Verträge auch mit anderen Streaminganbietern abzuschließen. 

Da Spotify als aktueller Marktführer jedoch einen gewaltigen Anteil der Streamingeinnahmen eines Künstlers ausmachen, dürfte jedoch schnell der Fall eintreten, dass Künstler, welche einen Direktvertrag mit Spotify abgeschlossen haben, kein Interesse bei Labels wecken. Daher sollte sich jeder Künstler bewusst sein, dass er durch eine direkte Kooperation mit Spotify vermutlich auch auf alle anderen Vorteile, welche die Zusammenarbeit mit einem herkömmlichen Label mit sich bringt, verzichten muss. 

Welches Ziel verfolgt Spotify?

Im Mittelpunkt des Vorhabens steht die Kostensenkung. Zwar mag der Unterschied von 4% auf den ersten Blick nichtig wirken, betrachtet man Spotifys Umsätze und Nutzerzahlen, sollte man dieser Zahl jedoch einiges an Tragkraft bemessen. Insbesondere mit Blick auf auf die schwankenden Börsenkurse des Unternehmens, wird eine geplante Kostensenkung schnell nachvollziehbar.

Für den Moment wird diese Umstellung der Lizenzverträge keine allzu großen Auswirkungen mit sich bringen. Die infragekommenden Künstler sind schlichtweg nicht relevant genug und machen nur einen minimalen Prozentsatz der Streams aus. Jedoch etabliert Spotify damit bereits jetzt sein Zukunftsmodell. So könnte es in einigen Jahren bereits als völlig normal gelten, seinen Vertrag bei Spotify, anstatt bei einem Major-Label zu unterschreiben.

Und dieses Zukunftsmodell wird auch die Investoren an der Börse ansprechen. Eine bevorstehende, potentielle Veränderung eines gesamten Mediums, wie es beispielsweise bei Netflix und dem herkömmlichen Fernsehen der Fall war, führt stehts zu erhöhter Investitonsbereitschaft. Die Investoren erwarten diesen Schritt von Spotify. 

Im Zentrum steht die Kosteneinsparung, ob man damit die aktuellen Geschäftspartner verärgert, scheint eine untergeordnete Rolle zu spielen. 

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Wird Spotify zum Label?

Die Herangehensweise kommt der von klassischen Major-Labels sehr nahe, werden wir also in Zukunft vom marktführenden Label "Spotify" sprechen? Fürs erste nicht. Zwar könnten die neuen Lizenzverträge durch Aspekte wie Vorschusszahlungen bereits einige Ähnlichkeiten zu Labelverträgen mit sich bringen, dennoch sorgt eine Reihe an Gründen dafür, dass Spotify zunächst nicht den Sprung zum tatsächlichen Label machen wird.

Hauptsächlich dürften dafür die bisherigen Verträge mit den großen Labels verantwortlich sein, welche deutlich unterbinden, dass Spotify in direkte, relevante Konkurrenz zu seinen Geschäftspartnern tritt. Fraglich bleibt jedoch, inwiefern die Auslegung des Begriffs der "relevanten Konkurrenz" in diesem Fall erfolgt. 

Desweiteren wird Spotify keine Copyrights ankaufen und folglich auch keine Exklusivverträge mit den Künstlern abschließen. Anders als bei Labels und vielen unabhängigen Distributionsanbietern, steht es den Künstlern damit völlig frei, ähnliche Verträge auch mit anderen Streaminganbietern abzuschließen. 

Die Zahlen von Spotify werden immer beeindruckender, dennoch sollte man sich von diesem Umstand nicht blenden lassen. Spotify steht im Machtverhältnis weiterhin weit unter den großen Major-Labels und könnte sich einen ernstzunehmenden "Angriff" auf die Strukturen im Moment schlichtweg nicht leisten.

Spotify lebt vom gesamten Backkatalog, welchen Labels wie Universal, Sony & Co. auf der Plattform zur Verfügung stellen. Würde Spotify ernsthaft in direkte Konkurrenz zu den Labels treten, würden diese ihre Musik vom Dienst entfernen lassen und damit Spotify die Geschäftsgrundlage entziehen.

Um mit solch einer Strategie tatsächlich Erfolg zu haben, müsste Spotify mit einem großen "Knall" gleich mehrere hochkarätige Künstler für ihre Direkt-Deals an Land ziehen. Solange dies jedoch Stück für Stück und exakt nachvollziehbar geschieht, werden die Labels immer eine geeignete Methode finden, um effektiv gegen dieses Vorhaben zu arbeiten. 

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