Terroranschlag in Manchester: Warum Morrissey uns maßlos enttäuscht

Der ehemalige Vorzeige-Intellektuelle der Popkultur mutiert zum Rechtspopulisten

Wie viele andere Künstler hat auch Morrissey ein Statement zum Terroranschlag von Manchester auf sozialen Netzwerken geteilt. Über die Opfer verliert er kein Wort. Stattdessen ruft er zur Islamophobie auf.

Nach dem schrecklichen Selbstmordanschlag in Manchester am 22. Mai 2017, bei dem 22 Menschen, darunter viele Kinder ums Leben kamen, postete Morrissey dieses Statement via Facebook. 

Darin äußert er seine berechtigte Wut darüber, dass so etwas überhaupt geschehen kann und richtet diese Wut - wie so oft - nicht gegen den Täter, sondern gegen Politik, Medien und natürlich die Queen. Der Politik wirft er vor, den islamischen Staat, der sich zu dem Anschlag bekannt hatte, nicht ausreichend für die Tat verurteilt zu haben. 

"Sadiq Khan says "London is united with Manchester", but he does not condemn Islamic State - who have claimed responsibility for the bomb."

Es ist erstens schlicht eine glatte Lüge zu behaupten, dass man den IS nicht ausreichend für die Terroranschläge der letzten Jahre verantwortlich macht. Und ganz nebenbei möchte der IS genau das erreichen: Angst und Schrecken verbreiten.

Deshalb - und aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen - vermeiden viele Politiker in so einer Situation über den IS zu sprechen statt über die Opfer. Das ist kein Fehler, sondern absolut richtig. Auch die Bilder der Täter sollten grundsätzlich nicht mehr gezeigt werden, doch leider gieren viele Medien nach solchen Bildern und Geschichten. 

"The Queen receives absurd praise for her 'strong words' against the attack, yet she does not cancel today's garden party at Buckingham Palace - for which no criticism is allowed in the Britain of free press."

Zweitens greift er die Queen an, dass ihre jährliche Gartenparty trotz des Anschlags stattgefunden habe. Die Queen bleibt dabei nur dem bewährten britischen Motto treu "keep calm and carry on", das bereits seit dem zweiten Weltkrieg die Bevölkerung dazu animieren sollte, ruhig und besonnen zu bleiben und weiterzuleben, auch in sehr schwierigen Zeiten.

Ihre "Party" eröffnete die Queen mit einer Schweigeminute für die Opfer. Warum auch sollte man den Terroristen den Erfolg gönnen, dass sämtliche Veranstaltungen abgesagt werden und die Menschen sich vor lauter Angst zuhause verkrümeln?

"Manchester mayor Andy Burnham says the attack is the work of an "extremist". An extreme what? An extreme rabbit?"

Drittens greift Morrissey auch den Bürgermeister von Manchester an, dass dieser den Terroristen einen Extremisten nannte, aber nicht das Wort "Islam" benutzte. Damit stachelt der ehemalige Sänger der Kultband The Smiths ganz direkt zur Islamophobie an und das obwohl die überwältigende Mehrzahl Muslime absolut friedliebend sind und die Tat selbstverständlich ebenso verurteilen, wie Morrissey und wir alle.

Die Frage ob auch Muslime unter den Opfern sind, ist nicht einmal geklärt. Und das oberste Ziel des IS ist nicht etwa die Vernichtung des Christentums, sondern die Vernichtung der ihrer Meinung nach ungläubigen Muslime.

Morrissey steht es frei, seine Gedanken zu jeder Zeit zu äußern und seine teilweise recht radikalen Ansichten werden auch in weiten Teilen der britischen Medien kolportiert. So viel zum Thema freie Meinungsäußerung. Trotzdem kann der Brexit-Befürworter es nicht lassen, permanent gegen die Grundfeste der demokratischen Gesellschaft zu geifern: die Medien und die Politik.

Darüber hinaus schießt er immer wieder gegen eine gesellschaftliche Minderheit in der westlichen Gesellschaft, nämlich Muslime. Und bläst damit ins gleiche Horn, wie die Rechtspopulisten Europas oder Donald Trump in den USA.

Wer außerdem immer wieder gegen die freie Presse ("Lügenpresse", "Mainstream Media" etc.) hetzt, untergräbt das Vertrauen der Menschen in die demokratische Kultur und sät nichts als Hass, Misstrauen und Angst.

Und wer die Politik für jeden terroristischen Anschlag verantwortlich macht, hat das Problem nicht erkannt: feige Anschläge einzelner Täter lassen sich in einer freien Gesellschaft niemals völlig verhindern. Und sie gehen nicht nur von radikalen Muslimen aus, sondern auch von radikalen Christen wie Anders Breivik in Norwegen.

Das Problem ist nicht die Religion, das Problem ist der religiöse oder nationale Fanatismus für den besonders die gesellschaftlich Ausgegrenzten, die nichts mehr zu verlieren haben, offen sind. Weitere Ausgrenzungen verschiedener Bevölkerungsgruppen nach Hautfarbe, Religion oder Herkunft werden das Problem nicht lösen, sondern massiv verschlimmern. Und unsere Gesellschaft spalten.

Was Morrisseys Beitrag letztlich völlig disqualifiziert ist, dass der für seine vielen klugen Songtexte verehrte Morrissey selbst keine Antworten hat. Noch nicht mal ein Wort des Bedauerns für die Angehörigen der Opfer am Tag des Anschlags. Keine Empathie. Kein konkreter Vorschlag, wie man unsere Gesellschaft vor Einzeltätern denn besser schützen könnte, ohne unsere Freiheit massiv einzuschränken. Nichts! Was bleibt ist blanker Hass. Und das ist die falsche Antwort auf die Bedrohung durch den religiösen Fanatismus.

"There is a light and it never goes out" (Morrissey)

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