TikTok - Das umstrittene soziale Netzwerk aus China

Musikmedium zwischen Selbstdarstellung und Zensur

Die Video-App TikTok gehört aktuell zu den erfolgreichsten Smartphone-Anwendungen überhaupt. Wir zeigen Chancen und Probleme der App und erzählen eine Geschichte über massives wirtschaftliches Wachstum, verändertes Songwriting und chinesische Zensur.

Was ist TikTok?

TikTok ist ähnlich wie Youtube eine Videoplattformen mit Social-Media-Funktionen, deren Clips jedoch meist deutlich kurzweiliger sind. Im Schnitt ist ein Beitrag nur 15 Sekunden lang, obwohl technisch auch umfangreichere Formate möglich sind.

TikTok

Anstatt der bisweilen durchaus aufwendigen Produktionen auf Youtube werden TikTok-Videos meistens simpel mit dem Smartphone aufgenommen. Wenngleich einige erfolgreiche TikTok-Influencer auch beeindruckende Schnittkunstwerke produzieren, zeichnen sich die Videos dort doch eher durch einen unmittelbareren Charakter aus.

TikTok-Content ist schnelllebig und unkompliziert zugänglich. Ähnlich wie bei Instagram scrollen die Nutzer durch einen Feed und gelangen so von einem Beitrag direkt zum nächsten.

Wie funktioniert TikTok?

Eine sehr zentrale Funktion TikToks ist die Möglichkeit, ein Video zu einem in der Musikdatenbank der App hinterlegten Song zu drehen. So finden sich auf der Plattform zahlreiche Clips, in denen Nutzer zu einem Musikausschnitt tanzen, kurze Szenen darstellen oder einfach nur die Lippen zum Text bewegen. Auf TikTok werden so regelmäßig Songs zu Hits. Der US-amerikanische Rapper Kyle wurde vor allem via TikTok mit seinem Hit „Hey Julie!“ erfolgreich. Auch eigentlich schon aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwundene Songs können in dem sozialen Netzwerk eine Eigendynamik entwickeln. „Payphone“ von Maroon 5 stammt so etwa aus dem Jahr 2012 und war damit für den Charts-Markt eigentlich schon lange bevor dem Erscheinen von TikTok nicht mehr relevant. 2018 benutzten aber zahlreiche Nutzer den Song für ihre Videos, wodurch die Single eine zweite Welle kommerziellen Erfolgs feiern konnte.

Wo kommt TikTok her?

TikTok wurde 2016 von Zhang Yiming ins Leben gerufen. Yiming ist der Gründer des milliardenschweren chinesischen Technologiekonzerns ByteDance, das neben seinen Aktivitäten mit TikTok auch für seine Vorreiterrolle im Einsatz künstlicher Intelligenz und die Informationsplattform Toutiao bekannt ist. ByteDance vermarktete die App zunächst vor allem im asiatischen Raum.

Hierzulande war in dieser Zeit vor allem der ebenfalls chinesische Konkurrent Musical.ly bekannt, der bereits 2014 entstand und bei dem die Nutzer ausschließlich Videos zu Song-Ausschnitten erstellen konnten.

Im August 2016 hatte die App weltweit 140 Millionen Nutzer und war auch mit 4 Millionen Nutzern in Deutschland ein enormer Erfolg.

Das Image von Musical.ly war allerdings fragwürdig. Die oberflächlichen und wenig aussagenden Tanz-Videos der durchschnittlichen Nutzerschaft bargen nicht nur ein gewisses Trash-Image, sondern lockten obendrein Pädophile auf den Plan. Sie brachten junge Nutzer auf der Plattform dazu, möglichst knapp bekleidet in aufreizenden Posen zu performen.

2017 wurde Musical.ly von ByteDance für einen Betrag zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Dollar aufgekauft. Ein Jahr später wurde die Nutzerschaft der App in TikTok integriert, der alte Name war Geschichte. Die Übernahme bedeutete für Musical.ly nicht nur eine Verbreiterung der Funktionen und eine deutliche Erhöhung des Kundenstamms, sondern auch eine Image-Korrektur.

Der kommerzielle Siegeszug von TikTok ist seitdem nicht mehr aufzuhalten: Im August 2019 überholte die App sogar WhatsApp in den Download-Charts, im November 2019 hatte TikTok sage und schreibe eine Milliarde aktive Nutzer.

TikTok und die Zensur in China

Ein wichtiger Grund für den Erfolg von TikTok ist dessen Ursprung auf dem chinesischen Markt. Die meisten US-amerikanischen sozialen Netzwerke wie Facebook und Instagram werden durch die chinesische Regierung blockiert. Auch TikTok ist im bevölkerungsreichsten Land der Welt nicht frei verfügbar, ihr chinesisches Äquivalent "Douyin" allerdings schon. Die Communities der beiden Apps sind nicht zusammengelegt, trotzdem lässt sich die zweiteilige Verbreitung unter einem Dach einfach für globales Marketing nutzen.

Die Verbindung zum chinesischen Raum führt naturgemäß zu Problemen. Die duale Teilung der App legt nahe, dass dem Douyin-Nutzer automatisch die Inhalte der internationalen Version vorenthalten werden sollen. Und auch die Moderation von TikTok steht in Verdacht, China-kritische Inhalte innerhalb der eigenen App zu zensieren.

Dieses Vorgehen ist im Medienbereich nicht neu. Die US-amerikanische Entertainment-Industrie konzipiert etwa Filme seit Jahren so, dass sie auch auf dem chinesischen Markt ungestört erscheinen dürfen.

Diese Problematik erlangte erst kürzlich wieder Aufmerksamkeit, als die Serie South Park in der Episode „Band in China“ genau diese Vorgehensweise kritisierte. Ironischerweise wurde die gesamte Serie in China danach verboten.

Parental Advisory: TikTok schränkt Reichweite von unerwünschten Inhalten ein

TikToks Zensurmechanismen blockieren aber nicht nur Kritik an der chinesischen Regierung, sondern zielen auch auf ganz andere Bereiche ab.

Ende 2019 wurde bekannt, dass die TikTok-Moderation Beiträge behinderter Nutzer in ihrer Reichweite eingrenzt – angeblich mit dem Ziel, sie vor Mobbing-Angriffen zu schützen. Auch bei Videos von queeren oder übergewichtigen Nutzern soll auf diese Weise eingegriffen worden sein.

Im November 2019 gelang es der Influencerin Feroza Aziz, die Moderationsmechanismen von TikTok zu umgehen. Sie veröffentlichte auf der Plattform ein Video, in dem sie auf den Umgang der chinesischen Regierung mit den muslimischen Uiguren im Land aufmerksam machte. Kurz zuvor waren Berichte über die Internierungslager in Xinjiang an die Öffentlichkeit geraten, in denen das Regime nach den Worten der US-Amerikanerin einen „weiteren Holocaust“ betreibe.

Der Clip rutschte durch die TikTok-Moderation, weil Aziz in den ersten Sekunden des Videos nur über Schminktipps redet und so den Anschein eines völlig harmlosen Alltags-Beitrags erweckt. Erst nach wenigen Sekunden wechselt die 17-jährige plötzlich das Thema, was der Moderation aber offenbar entgangen ist.

Nachdem der Clip ein großes Publikum erreicht, sperrt TikTok das Video nachträglich, um es nur 50 Minuten später – wohl aufgrund des öffentlichen Drucks – wieder zu entsperren. Offiziell behauptet ByteDance, dass die Sperrung des Videos nichts mit dessen Inhalt zu tun habe.

TikTok und sein Einfluss auf die Popmusik

TikToks Zensurmaßnahmen werden in der Öffentlichkeit zurecht kritisch betrachtet. Eine gleichzeitige Marginalisierung der Vorgänge geschieht aber eben auch, weil hinter der App mittlerweile ein riesiger Industriezweig steckt.

Besonders die Musikindustrie hat mittlerweile das Potential der App zur Vermarktung erkannt und nutzt sie als wirkungsvolles Marketing-Tool. Seit 2018 ermöglicht TikTok die Monetarisierung von Musik auf seiner Plattform. TikTok-Hits können so nicht nur einen hohen Bekanntheitsgrad erlangen, sondern sogar direkt Einnahmen generieren.

Damit ein Song auf TikTok erfolgreich wird, ist es von Vorteil, wenn er den Maßgaben der Plattform angepasst ist. Hatte der Aufstieg von Spotify vor einigen Jahren dafür gesorgt, dass neue Musik tendenziell eher im Single-Format erscheint und zum Niedrighalten der Skip-Rate auf lange Intros verzichtet, konzipieren Pop-Kreateure mittlerweile immer mehr Songs für TikTok.

Die Macht der App ist also mittlerweile so groß, dass sie sogar den Entstehungsprozess von Musik direkt beeinflusst. Ein Umstand, der belegt, dass der Status von TikTok definitiv nicht mehr belächelt werden kann.

Das oben bereits erwähnte „Hey Julie!“ von Kyle erfüllt so etwa äußerst präzise sämtliche Maßgaben an einen viralen TikTok-Hit. Da die meisten Songs auf TikTok innerhalb von 15-sekündigen Clips erscheinen, enthält der Track eine Passage, die sich gut für einen solchen Zeitraum verwenden lässt.

Da Nutzer auf der Plattform Songs außerdem vor allem in Form von kleinen Tänzen darstellen, eignen sich besonders Tracks mit Texten, die sich gut in Bilder übersetzen lassen. TikTok-Hits arbeiten deswegen oft mit eingängigen Schlüsselworten, die bestimmte Tätigkeiten, Lautmalereien oder Gemütszustände beschreiben.

In „Hey Julie!“ heißt es so etwa: „Paparazzi sound like flick, flick, flick, flick“ – eine Wortwahl, die förmlich dazu einlädt, Bewegungen mit einer imaginären Kamera darzustellen. Auf TikTok angepasstes Songwriting ist mittlerweile fester Bestandteil der Pop-Industrie. Auch etwa Justin Biebers neue Single „Yummy“ dreht sich im Refrain sehr deutlich um das titelgebende Zentralwort und lädt zur bildlichen Umsetzung desselben ein.

Wie muss man mit TikTok umgehen?

Dass TikTok einen derartigen Einfluss auf die Popmusik hat, belegt die Macht der App. Man kann in dieser Entwicklung die Entromantisierung künstlerischer Gedanken sehen, aber eigentlich war Popmusik schon immer nur das Kind des jeweils zeitgeistigen Mediums. Dass Alben früher nach A- und B-Seiten entworfen wurden, liegt schließlich auch nur daran, dass es auf Schallplatten nicht anders möglich war.

Der Einfluss von TikTok wird aber vor allem durch die Zensurvorgänge der App zum Problem und kann für die überwiegend jungen Nutzer der App durchaus Gefahren in der Entwicklung eines Weltbilds bergen.

Bei der Nutzung von TikTok muss deswegen – wie generell im Umgang mit Medien – eine kritische Haltung an den Tag gelegt werden. Anders wird man kaum gegen die markttechnische Übermacht der App ankommen.

Eltern, deren Kinder TikTok nutzen, sollten das zum Anlass nehmen, mit ihren Kindern über Zensur und Datenschutz zu sprechen. Man muss sich im Klaren darüber sein, dass im Überwachungsstaat China Datenschutz vollkommen anders interpretiert wird als bei uns in Deutschland.

TikTok hat uns eine Stellungnahme geschickt, deren Richtigkeit wir nicht überprüfen können. Darin werden Fehler in der Vergangenheit eingeräumt und auf die aktuellen Community-Richtlinien hingewiesen. Was mit den Daten aber tatsächlich passiert, weiß nur der Anbieter selbst. Das gilt selbstverständlich auch für andere Apps wie Facebook oder Instagram. Letztlich sollte man als Nutzer vielleicht grundsätzlich davon ausgehen, dass sämtliche Daten, die man in Apps freigibt, dort auch ausgewertet werden (können).

“Wir moderieren keine Inhalte aufgrund ihrer politischen Ausrichtung. Unsere Moderationsentscheidungen werden von keiner Regierung beeinflusst, auch nicht von der chinesischen. Wir entfernen oder reduzieren weder die Reichweite von LGBTIQ*-Inhalten noch schränken wir Menschen aufgrund ihres Körpergewichts auf TikTok ein. Wir sind uns bewusst, dass wir in der Vergangenheit Fehler gemacht haben. In unseren Anfangszeiten haben wir einen restriktiven Ansatz verfolgt, um Konflikte auf der Plattform zu minimieren. Deswegen haben wir kürzlich unsere Community-Richtlinien überarbeitet und unseren lokalen Teams eine größere Rolle in der Moderation unserer Inhalte gegeben.”

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