Tonspion Jahresrückblick 2008: Florian Schneider

Die Jahresendabrechnung mit Cool Kids, Hauschka, Carl Craig und MGMT

Ein Jahr in sechs Songs und ein Album zu pressen, grenzt an Folter. Besonders wenn man an Entscheidungsschwäche leidet. Florian Schneiders Versuch ein Jahr in Worte zu fassen, in dem die Breite an der Spitze dichter wurde.

Bester Song 2008:

MGMT - Time To Pretend
MGMT machen das längst fällige "Live fast, die young"-Update und stricken daraus eine wunderbare Hymne, die ihren Gegenstand mit einer umwerfenden Melodie reflektiert. Mehr braucht Pop nicht, mehr Pop war dieses Jahr auch nicht.

Bestes Album 2008:

Carl Craig & Moritz von Oswald - Recomposed
Der Schulterschluss zwischen Klassik und Techno. Vorgeführt von zwei Extrakönnern, deren Backkatalog man blind kaufen kann. Craig und von Oswald schaffen es sogar Ravels "Bolero" ungehörte Seiten abzugewinnen. Mangels echter Singles und wegen klassischer Konventionen sollte man das am besten auf Vinyl genießen.

Die besten MP3s im Tonspion 2008:

Quiet Village - Circus Of Horror
Stellvertretend für den kompletten Wahsinn, den Matt Edwards alias Radioslave dieses Jahr veröffentlicht hat, muss diese MP3 zwingend in die Liste. Dabei zeigt sich der Remixking von der Insel von seiner zarten, aber nicht weniger verdrogten Seite.

Hauschka - Freibad
Musikalische Jugenderinnerungen, für die Hauschka sogar das präparierte Piano einmottet. Neben der gigantischen Rekomposition von Ravel und Mussorsky (siehe oben) der zweitschönste Clash zwischen Klassik und Pop, den es dieses Jahr gab.

Cool Kids - 88
Wie kann man mit Zwanzig schon so verdammt abgeklärt klingen. Die coolste Boygroup des Jahres haucht Hip-Hop mit der Oldschool neues Leben ein. Im Windschatten läuft selbst Q-Tip wieder zu Form auf.

Santogold - Creator
Der erste Kontakt mit Santi White hallt am längsten nach. Macht da weiter, wo M.I.A. im Vorjahr mit "Paper Planes" aufgehört hat und katapultiert Producer Switch endgültig in die allererste Liga.

Radioclit feat Esau Mwamwaya - The Very Best
Ein Mixtape in der Jahresbestenliste? Ja, denn das kosmopolite Trio sorgt dafür, dass man bei Weltmusik nicht mehr zwangsläufig an Manu Chao denken muss. Digitales Zeugnis dafür, wie rasant die Welt zusammenwächst.

Bester Musikmoment:
Skream dabei zu zu sehen, wie er einen Club in der schwäbischen Provinz in Stücke legt, sorgt für Glücksgefühle wie elf Jahre zuvor bei Ed Rush. Dubstep kann die verschiedensten Szenen verbinden, wie der schmale Brite ein paar Monate später in Novi Sad auf der Hauptbühne des Exit Festivals mit einem Grinsen im Gesicht bewies.

Schlimmster Musikmoment:
Fehlender Mut in der Musikindustrie, der analog zum Kino zu diversen hochgradig überflüssigen Comebacks/Remakes führt: Portishead, Prodigy, B-52s, The Verve. Jemanden vergessen? Bestimmt! Fällt wohl unter Selbstreinigungsprozesses des Gehirns.

Wunsch für 2009:
Dass Pop antiproportional zum allgemeinen Untergangsstimmungsgerede noch überkandidelter, euphorischer und bunter wird. Die Chancen dafür stehen ausgesprochen gut.

Florian Schneider / Tonspion.de

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