Tonspion Jahresrückblick 2008: Harald Reiter

Mit Peter Fox, Händel, Verdi, Schönberg, Schubert und Brahms

Viel Licht und ein bisschen Schatten. Das musikalische Jahr 2008 aus der Sicht unseres Klassik- und Hörbuchexperten Harald Reiter.

Bester Song 2008:

Peter Fox - Stadtaffe
Erstklassige, selbstironische, sehr witzige und gnadenlos ehrliche Reime. Peter Fox schafft hier die Quadratur des Kreises, seine Rezeptur ist opulent und absolut stimmig. Angeblich hat er für dieses Album viel riskiert, einschließlich des in den letzten zehn Jahren mit Seeed zusammengespielten Vermögens. Das scheint noch immer eine gute Voraussetzung für echte Kreativität zu sein.

Bestes Album 2008:

Georg Friedrich Händel: "Alcina" mit Joan Sutherland und Fritz Wunderlich

Normalerweise ist Händel nicht so mein Fall - und die Oper auch nicht. Aber hier paßt von der ersten bis zur letzten Note einfach alles. Echtes Zusammenwirken aller Beteiligten wie man es nur sehr selten erlebt. Reine Poesie.

Die besten MP3 im Tonspion 2008:

Verdis "Requiem" bäumt sich auf, da ist nichts von entrückter Akzeptanz des Unvermeidlichen: Existenzialistische Musik, drastische, bisweilen brutale Klangmittel, eingesetzt als philosophischer Widerstand gegen Leid und Tod. Das kann in der Ausführung schnell mißlingen, nur allzuoft gleiten die operatischen Elemente des "Requiem" statt in himmlische Sphären ins Triviale, ins pure Melodrama ab. Aber nicht in dieser grandios gelungenen Liveaufführung.

Faszinierend als End- und Wendepunkt der Spätromantik in der Musik. Größer denken, größer disponieren als den Schlußchor der "Gurrelieder" läßt sich Musik eigentlich nicht mehr. Von dem 80-jährigen Dirigenten Michael Gielen wurde das Riesenwerk exemplarisch gestaltet.

Evgeni Koroliov ist ein absoluter Ausnahmepianist, dabei ist er, jedenfalls im Verhältnis zu einigen "Stars", fast unbekannt. Dasselbe gilt für Händels Klaviermusik (die ursprünglich natürlich für das Cembalo komponiert worden ist). Kühne, kristallklare Klangmeditationen, denen nicht starres oder formalistisches anhaftet.
Majestätisch und düster, eines der schönsten unter den todesnahen Spätwerken Schuberts, von Gerhard Oppitz erlesen und ohne Furcht vor der großen Geste vorgetragen.
Eineinhalb zarte Minuten, die mich immer wieder zum träumen bringen und mir manchmal auch ein wenig die Tränen in die Augen treiben.

Bester Musikmoment:

Als ich die lange vergriffene Aufnahme von Brahms` 2. Klavierkonzert mit Hans Richter-Haaser unter Herbert von Karajan (EMI) endlich antiquarisch zu einem vernünftigen Preis bekommen konnte. Seit den Teenagerjahren stand eigentlich meine Lieblingsaufnahme dieses Stückes (Geza Anda + Karajan, DG) fest, aber schon vor Jahren sagte mir der Pianist des Fauré-Quartetts: Warte, bis du Richter-Haaser hörst. Er hatte recht: Ein neuer Favorit, der umso süßer schmeckt, weil so schwer dranzukommen ist.

Schlimmster Musikmoment:

Zu viele, um einen rauszugreifen! Dass mich in der Klassik in dieser Herbstsaison eigentlich nur eine einzige neue Veröffentlichung (eben "Alcina") so richtig vom Hocker gehauen hat.

Wunsch für 2009:

Dass die anstehenden Jahrestage (Händel: 250. Todestag, Haydn: 200. Todestag, Mendelssohn: 200. Geburtstag) die Klassikindustrie zu ein paar aufregenden Neu- und Wiederveröffentlichungen inspirieren.

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