Und sie kann doch singen: Lana Del Rey live in Barcelona

Erster Festivalauftritt in Europa beim Sonar Festival

Lana Del Rey spielte gestern beim Sonar Festival das erste Konzert ihrer Europa-Festivaltournee. Ein schöner, athmosphärischer Auftritt des umstrittenen US-Popstars.

Erst im Frühjahr sagte sie alle Termine ihrer geplanten Tour ab. Ein verpatzter Auftritt in der "Saturday Night Life" Show im amerikanischen Fernsehen führte zu Hohn und Spott der Medien und vor allem im Internet, wo sich nach dem großen Hype des letzten Jahres ebenso viele Feinde der unnahbaren Sängerin versammelten und eine Art Anti-Hype auslösten. In dieser vergifteten Stimmung wollte sich Lana Del Rey nicht auf eine Tour begeben, wo alle nur auf Fehler gewartet hätten. 

Wie auch immer man zu der Sängerin und ihrer Musik steht, dass sie nicht live singen kann, kann man ihr nach dem Konzert auf dem Sonar Festival nicht mehr ernsthaft vorwerfen. Mit ihrer für sie typischen Schlafzimmer-Stimme sang sie als Opener "Blue Jeans", einen ihrer ersten und schönsten Songs. Begleitet nur von Streichquartett, Gitarre und Piano verzichtete sie während des gesamten Konzerts auf jegliche technische Hilfsmittel oder Backgroundstimmen, wie es bei Popstars eigentlich heute üblich ist. Bereits als zweites Stück brachte sie mit "Body Electric" einen ganz neuen Song, der sich nahtlos in ihr Set vom Debütalbum "Born To Die" einreihte, wenn auch nicht viel Neues hinzufügte.

Im weißen Marylin-Monroe-Kleid und mit Perlen in den Haaren, präsentierte sich Del Rey einmal mehr als klassischer Hollywood-Vamp, eine Kunstfigur an der sich die Geister scheiden. Dabei kann sie ihre Schüchternheit auch auf der Bühne kaum verbergen. Trotzdem flirtete sie offensiv und ausgiebig mit ihren Fans in den vorderen Reihen und machte mitten in ihrem Set sogar eine 5-minütige Pause, um Küsschen zu verteilen und Fotos mit ihr machen zu lassen. Nicht zuletzt ihr unnahbares, unterkühltes Auftreten war ihr von vielen vorgeworfen worden, dieses Image scheint sie nun endgültig ablegen zu wollen. 

So spielte sich Lana Del Rey gestern charmant und souverän durch die Songs ihres Debütalbums und zeigte insbesondere bei "Million Dollar Man" die stimmlichen Qualitäten einer Jazzsängerin, der man liebend gerne in einer verrauchten Bar zu vorgerückter Stunde zuhören würde. Lediglich die vergilbten Super-8-Schnipsel, die während des gesamten Konzertes im Hintergrund liefen, erinnerten immer wieder daran, dass man es mit einem Popstar und einem ausgedachten Image zu tun hat. Ständig wurden "die guten alten Zeiten" heraufbeschworen, Privatvideoschnipsel mit Bildern von John John Kennedy, über Jessica Rabbit bis Marilyn Monroe gemischt. Also genau das, was "Video Games" im letzten Jahr zu einem der meistgespielten Videos auf Youtube machten. Dabei wäre auch hier weniger mehr gewesen, schließlich verfügt Lana Del Rey selbst über unbestreitbare Starqualitäten. Anders wäre der riesige Rummel um ihre Person auch gar nicht zu erklären.

Bemerkenswert ist jedenfalls, dass eine derart ruhige und eigentlich völlig unspektakuläre Musik die Massen so in Wallung versetzen kann, hin zum einen oder anderen Extrem. Natürlich kann man es langweilig finden, wenn eine hauchige Stimme zu Piano und Streichquartett singt, so wie man jede andere Art von Musik auch langweilig finden kann. So what? Als Gegenpol zum ansonsten überwiegend elektronischen Line-Up des ehemaligen Avantgarde-Festivals sorgte Lana Del Rey mit ihrem Konzert immerhin für etwas Glamour und einen schönen Sonar-Auftakt.

In Deutschland ist Lana Del Rey dieses Jahr auf dem Melt! Festival bei Dessau am 15. Juli 2012 sehen. Allerdings zur ganz und gar unglamourösen Tageszeit um 16:30 Uhr.

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