Urheberrecht: Abmahnungen wegen Bildern gefährden Blogs und Magazine

Big Brother is watching you: Software durchsucht Webseiten nach Bildern

Wer einen Blog oder ein Magazin betreibt, hat sehr wahrscheinlich schon einmal Post vom Anwalt bekommen. Darin werden nicht lizenzierte Bilder abgemahnt. Das "Geschäftsmodell" mit der Abmahnung wurde durch Überwachungssoftware in den letzten Jahren optimiert. Wir zeigen, wie es funktioniert.

Eins vorweg: das deutsche Urheberrecht ermöglicht Kreativen, mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen. Dieses Recht ist wichtig für alle Musiker, Schreiber oder Fotografen und eine Errungenschaft. Doch seit jeder Zugang zum Netz hat und jeder Bloggen und Fotos veröffentlichen kann, wird das Urheberrecht natürlich auch häufig verletzt. Meistens aus Unwissenheit, dass auch ein Bandfoto oder ein Foto aus der Google Bildersuche von jemandem gemacht wurde, der Rechte daran besitzt.

Das lukrative Geschäft mit den Abmahnungen

Die für ihre zahlreichen Abmahnungen bekannte Anwaltskanzlei Waldorf & Frommer greift nach eigenen Angaben auf die Software Picscout zurück, um urheberrechtlich geschützte Bilder zu finden. Diese durchsucht das Internet systematisch nach Bildern von Stockfoto-Archiven wie z.B. Cobis Images oder Getty Images und meldet diese an die Kanzlei. 

Diese erstellt dann, soweit die Bilder nicht sauber lizenziert wurden, einen rechtsverwertbaren Screenshot vom betreffenden Bild und schickt eine seitenlange, vorgefertigte Unterlassunserklärung an den Publisher. Erst in einem zweiten Brief folgt die Berechnung des Schadensersatzes plus Anwaltskosten, was sich - je nach Bild - auch schnell auf vierstellige Beträge belaufen kann

Abmahnungen behinhalten Maximalforderungen 

Je länger ein Bild online ist, desto höher fällt der Betrag aus. Abmahnungen können sich also auf jahrelange illegale Nutzung beziehen und dadurch extrem teuer werden. Die goldene Regel "wo kein Kläger, da kein Richter", mit der man im Netz lange Zeit operieren konnte, ist heute vorbei. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob es sich um ein Versehen handelt oder pure Unwissenheit. Im Urheberrechtsgesetz gibt es keine Ausnahmen.

Selbst winzig kleine Bilder werden von dieser Tracking-Software erfasst und ziehen mit recht hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später eine Abmahnung nach sich.

Es gibt zwar viele Kanzleien, die gegen Serienabmahnungen vorgehen und bei Verstößen kompetent beraten können, doch auch diese kosten viel Geld.  Was man auf der einen Seite bei den Abmahnkosten spart, gibt man auf der anderen Seite wieder für seinen Anwalt aus. Gewonnen ist dabei nur selten etwas, denn auch diese Anwälte versenden nur Standard-Briefe. 

Hier ist in den letzten Jahren eine regelrechte Abmahnindustrie entstanden, die vom strengen deutschen Urheberrecht letztlich mehr profitiert als die Urheber selbst.

Und das ist ein Problem. Denn es gefährdet die Bloggerszene in Deutschland. Kürzlich wurde die erste Abmahnung wegen der Verwendung eines Bildes auf Facebook verschickt. Auch Facebook gilt das Urheberrecht. Und so könnte uns das Problem bald alle betreffen.

Für die Bildagenturen ist das Geschäftsmodell Abmahnung weitgehend risikofrei und extrem lukrativ, denn häufig werden für Bilder nachträglich Preise angesetzt, wie man sie etwa für exklusive Hochglanz-Printmagazine kalkulieren würde. Ob ein Bild nur in 200 Pixel Größe, niedriger Auflösung und einem Artikel mit 200 Aufrufen gepostet wurde, spielt für die Abmahnpraxis derzeit offenbar kaum eine Rolle.

Die Preise, die dafür in den von Gerichten anerkannten Preisisten von mediafon oder VK Bild und Kunst angesetzt werden, sind in der Online-Welt weit jenseits der Realität angesiedelt. Vor allem jenseits der Realität kleiner Blogs und unabhängiger Medien.

Geahndet wird außerdem jeder einzelne Verstoß: hat man mehrere Bilder von Google genommen und sorglos auf seinem Blog veröffentlicht, dann kann das schnell auch in fünfstellige Beträge ausarten und einen Blogger mit einem Schlag in den Ruin treiben. Und hat man die Nennung des Urhebers vergessen (was bei einem aus dem Netz kopierten Bild mit Sicherheit der Fall ist) zahlt man sogar den doppelten Aufschlag auf die geforderte Lizenzsumme! 

Was tun bei Abmahnungen wegen einer Urheberrechtsverletzung?

1. Löscht alle Bilder aus eurem Archiv, bei denen ihr euch nicht sicher seid, ob ihr alle Credits angegeben habt oder ob sie tatsächlich lizenzfrei sind. Im Zweifelsfall: seid konsequent und löscht alle Bilder, die ihr nicht selbst gemacht habt. 

2. Wenn ihr keinen Fotoblog habt, nehmt eure Bilder aus dem Google Index. Das unterbindet, dass Crawler eure Bilder auf Google finden können. Das macht man durch zwei Zeile in der Datei robots.txt: 
User-Agent: Googlebot-Image
Disallow: /

3. Für neue Bilder: verwendet nur Bilder, die lizenzfrei im Internet bereit stehen, zum Beispiel offizielle Pressebilder. Diese kann man in der Regel anfragen bei den Pressestellen der Firmen und Institutionen. Auch Wikipedia hält Bilder bereit, die per CC-Lizenz verwendet werden dürfen, allerdings sollte man sich die Lizenz in jedem Einzelfall genau anschauen, denn auch hier hat der Urheber immer noch Rechte.

4. Nennt den Urheber: selbst wenn Bilder kostenlos im Netz bereit stehen, hat der Urheber ein Recht darauf, genannt zu werden. Das gilt insbesondere auch für Bilder aus Wikipedia. Es gibt auch Fotografen, die wegen einer fehlenden Namensnennung zum Anwalt rennen und Geld eintreiben wollen, obwohl sie ihre Bilder kostenlos im Netz veröffentlichen. Zwar wurde das von Gerichten bereits negativ beschieden, schließlich kann man keinen Aufschlag für etwas fordern, was man kostenlos anbietet, aber die wenigsten Blogger wollen und können es auf ein Gerichtsverfahren mit erheblichen Risiken ankommen lassen.

5. Wenn ihr abgemahnt wurdet, googlet unbedingt den Begriff "modifizierte Unterlassungserklärung" und unterschreibt nichts, was euch zugesendet wird! Dort macht ihr nur unnötige Zugeständnisse. Ist eine Abmahnung nachweisbar unbegründet, sendet zwar eine modifizierte Unterlassungserklärung innerhalb der Frist, aber zahlt kein Geld! Erbringt stattdessen den (wasserdichten) Nachweis, warum die Abmahnung nicht gerechtfertigt ist. Ist die Abmahnung gerechtfertigt (siehe oben), verhandelt im nächsten Schritt über den Preis.

6. Für die nicht lizenzierte Nutzung eines Bildes sollte nicht mehr als die übliche Nutzungsgebühr bezahlt werden, sofern ihr es lizensiert hättet (Laufzeit und Größe spielen dabei eine Rolle, aber auch nachweisbar niedrige Abrufzahlen können ein Argument sein), natürlich muss man die Anwaltskosten in jedem Fall zahlen, hier gibt es keinen Verhandlungsspielraum. Wenn ihr dieses Geld (marktübliche Honorare plus Anwaltskosten und Pauschalen) überweist, melden sich die meisten Abmahner nicht mehr. Zeigt mit der Zahlung des "marktüblichen Honorars" euren guten Willen, aber lasst euch nicht auf die Maximalforderung des Abmahners ein.

Diese Tipps sind Erfahrungswerte und keine anwaltliche Beratung. Aber es sind die Dinge, die uns Anwälte in entsprechenden Fällen geraten haben.

Fazit: Geschäft mit Abmahnungen bedroht die Pressefreiheit im Netz

Es ist bedenklich, dass das deutsche Urheberrecht, das eigentlich die Urheber schützen soll, inzwischen kommerziell so ausgeschlachtet wird, dass große US-Bildarchive wie Getty Images unter dem Vorwand des deutschen Urheberrechts in Deutschland ein Geschäftsmodell mit Serien-Abmahnungen aufbauen, das ihnen anderswo aufgrund der Masse frei verfügbarer Fotografien im Netz abhanden gekommen ist.

Wenn ein Stockfoto-Anbieter ernsthaft mehrere 1000 Euro für die zeitlich begrenzte Lizenzierung eines einzigen Bildes für die Nutzung in einem redaktionellen Online-Artikel verlangt, der vielleicht 100mal gelesen wurde, muss man sich schon fragen, wer so etwas jemals lizenzieren würde. Schließlich könnte man für so viel Geld einen Fotografen exklusiv beauftragen und um den Erdball schicken. Im Netz kann man mit einzelnen Beiträgen solche Beträge realistisch gar nicht wieder einspielen. Und das gilt selbst für die großen etablierten Verlagsangebote.

Offenbar wird hier eine rein symbolische Preispolitik betrieben, die für nichts anderes gemacht ist, als Schadensersatzforderungen in die Höhe zu treiben, denn wer ein Bild verwendet hat, ohne vorher die Rechte zu klären, muss zahlen. Ob er will oder nicht. Da kennt das deutsche Urheberrecht keine Gnade. Und das wird zunehmend zum Problem - für alle Medien und insbesondere für Blogger ohne eigene Rechtsabteilung oder abgeschlossenes Jurastudium. 

Wir freuen uns auf eurer Erfahrungen: hattet ihr schon mal Stress mit Abmahnungen wegen Bildernutzung? Was wurde gefordert? Schildert uns euren Fall, wir behandeln das vertraulich und anonym und werden dieses für die Pressefreiheit wichtige Thema künftig weiter im Auge behalten.

Tipp: Viele seriös aufbereitete Informationen rund ums Thema Urheberrecht im digitalen Zeitalter findet ihr bei irights.info. Das ist keine Anwatskanzlei, sondern ein allgemeinnütziger Verein, ohne finanzielle Interessen.

Grundregeln bei Abmahnungen: Wie verhalte ich mich richtig? (irights.info)

Foto: Martin Vorel / stocksnap.io

Empfohlene Themen

Urheberrecht: Sind Video-MP3 Converter legal oder illegal?

Urheberrecht: Sind Video-MP3 Converter legal oder illegal?

Musik von Youtube downloaden - Wir fragen Experten
Software, mit der man kostenlos Musik downloaden von Youtube oder Soundcloud downloaden kann gibt es reichlich. Fast alle Tools operieren aber in einer rechtlichen Grauzone. Aber riskiert man auch als Nutzer eine Abmahnung? 
EU Copyright

EU-Urheberrechtsreform: Das Ende der Memes?

Pro und Contra zur Urheberrechtsreform
Das Europaparlament hat der umstrittenen Reform des Urheberrechts zugestimmt. Damit sollen Plattformen wie Google, YouTube oder Facebook verpflichtet werden, Kulturschaffende oder auch Medien zu vergüten, wenn sie deren Werke nutzen. Die Meinungen gehen weit auseinander, ob das Zensur oder Gerechtigkeit bedeutet.
Urheberrecht Checkliste: Was ist legal? Was ist illegal?

Urheberrecht Checkliste: Was ist legal? Was ist illegal?

Wann eine Abmahnung gerechtfertigt ist
Das Urheberrecht ist für viele Musik- und Filmfans ein Buch mit sieben Siegeln und sind plötzlich mit teuren Abmahnungen konfrontiert. Aber was ist eigentlich erlaubt? Was ist verboten? Wir sagen es euch.