Vom C64 in die Stadien: Die Geschichte von "Kernkraft 400"

Von Bootlegs, Hooligan-Remixen und Rap-Liebeleien

Ob Fußball, American Football oder Eishockey - jeder Sportfan erkennt die Melodie, doch die wenigsten kennen die ganze Geschichte hinter dem Song. Hier lest ihr, wie es "Kernkraft 400" aus den Münchener Underground-Clubs bis zur EM und dem Super Bowl geschafft hat. 

"Kernkraft 400" mag im Stadion zunächst nach einem klassischen Ultra-Song klingen, hat aber längst seinen Platz in allen Fankurven gefunden. (Credit: pexels.com / CC0)

In der Vergangenheit haben es so einige Rock- und Pop-Songs in den Fußball-Kosmos geschafft, um sich anschließend über Jahrzehnte hinweg in den Stadien zu halten. "We Are The Champions" von Queen ist dabei noch ein relativ offensichtliches Beispiel, interessanter wird es dann schon, wenn auch noch eine spannende Geschichte dahintersteckt, wie es bei "Seven Nation Army" von den White Stripes der Fall war. 

Wer jedoch ein Tech-Trance Projekt aus München, die Melodie eines alten Commodore 64-Videospiels und einen Remix mit der Anmutung eines Hooligan-Sprechchors also Bausteine vor sich sieht, würde wohl bei keinem Sportwettenanbieter so schnell darauf setzen, dass "Kernkraft 400" einmal zu einem der größten Stadionhits aller Zeiten werden sollte. 

Vermutlich dürfte bei vielen von uns ein fragender Blick eintreten, wenn Namen wie "Kernkraft 400", "Zombie Nation", "DJ Gius" oder "International Deejay Gigolos" fallen. Doch spätestens wenn die Melodie das erste Mal einsetzt, geht jedem ein Licht auf. Und all die genannten Elemente spielen eine entscheidende Rolle, wenn man die Entwicklung des Songs vom Underground-Hit in Clubs zum weltweiten Sport-Phänomen nachverfolgen will. 

Video: Zombie Nation - Kernkraft 400

Kernkraft 400 - Die Entstehung 

Zombie Nation wurde Ende der 90er-Jahre von Emanuel Günther und Florian Senfter gegründet, wovon letzterer das Projekt bis heute weiterführt. Nachdem das Duo einige Songs für ihre erste EP gesammelt hatten, fand diese ihren Weg zu DJ Hell und wurde im März 1999 prompt über sein Label "International Deejay Gigolos" veröffentlicht. Einer der Songs auf dieser EP war "Kernkraft 400".

Der Song entwickelte sich zu einem kleinen Underground-Hit, wirklich Fahrt nahm das Ganze aber erst auf, als ein Label aus Italien um eine Lizenzierung bat, um einen bereits erstellten Bootleg-Remix veröffentlichen zu können. Die Bootleg-Version von DJ Gius - was sich erst Jahre später als ein Pseudonym des italienischen Produzenten Technoboy entpuppte - kam mit einer satteren Bassdrum und einem klassischen 4-to-the-floor-Ansatz daher.

Die Abkehr vom Tech-Trance-Stil des Originals machte den Song plötzlich massentauglich und so besteht bis heute das Problem, dass der DJ Gius-Remix von vielen als Originalsong wahrgenommen wird. 

Zombie Nation -  zu diesem Zeitpunkt bereits ein Solo-Projekt von Florian Senfter - wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem der größten Acts der Szene. "Kernkraft 400" fand über EDM Records aus Hamburg seinen Weg in die ganze Welt und erschien anschließend in einer Version, die die Türen der Sportwelt öffnen sollte. 

Good To Know: Ein Videospiel als Vorlage

Die eingängige Hauptmelodie des Songs stammt nicht von Zombie Nation selbst, sondern wurde aus dem Commodore 64-Videospiel "Lazy Jones" (1984) von David Whittaker übernommen. Florian Senfter zahlte zwar eine unbekannte Summe um die Melodie verwenden zu dürfen, Whittaker begann jedoch 15 Jahre später damit, diese ursprüngliche Einigung anzufechten.

Durch die Ähnlichkeit zu "It Happened Then" von Electronic Ensemble konnte Whittaker jedoch niemals vollständig beweisen, dass die Melodie aus seiner Feder stammt und die Rechte liegen heute bei Zombie Nation.

Video: Lazy Jones - Level: Star Dust

"Chant Remix" - Der Sprung in die Stadien

München, Italien, Hamburg, USA - "Kernkraft 400" hatte bereits einige Label- und Remixstationen hinter sich, als plötzlich der "Chant Remix" auftauchte, dessen Potenzial allen voran das amerikanische Label Radikal Records erkannte. Die Version mit zusätzlichen Sprechchören sprach zwar gegen alles, was Zombie Nation und "Gigolo Records" ursprünglich in dem Song sahen, die Entwicklung ließ sich aber längst nicht mehr aufhalten: "Kernkraft 400" und seine Rechte-Situation waren längst außer Kontrolle geraten.

Radikal Records begann damit, die oftmals scherzhaft als "Hooligan-Remix" bezeichnete Version, aktiv in den Stadien des Landes zu platzieren und trat damit in kürzester Zeit einen Hype innerhalb der Sportwelt los. Eine eingängige Melodie, die sich entweder lauthals mitgröhlen, oder mit eigenem Text ergänzen ließ - kein Wunder, dass der Song bis heute zu den größten Stadion-Hits aller Zeiten gehört. 

Ob bei jedem Home-Run der LA Dodgers, als inoffizielle Hymne der Waliser bei der Fußball-Europameisterschaft 2016, als Pausensong beim Super Bowl 2004 oder als offizielle Hymne des FK Austria Wien - "Kernkraft 400" ist heutzutage aus dem Sportkosmos nicht mehr wegzudenken. 

Video: Zombie Nation - Wales 2016

Ein besonderer Fall ging zudem in die Geschichtsbücher der University Of Central Florida ein. Als im September 2007 das neue Campus-Football-Stadion eröffnet wurde, stellten die Fans schnell fest, dass sich die Tribünen stark hin und her bewegten, sobald die Zuschauer gemeinsam zu "Kernkraft 400" sprangen. Das Stadion bekam fortan den Beinamen "The Bounce House".

The Game, Childish Gambino & Co. - "Kernkraft 400" & Rap

Einen Tech-Trance-Klassiker und US-Rap würde man wohl in keinem Fall attestieren, in irgendeiner Form gut kombinierbar zu sein. Und obwohl sich "Kernkraft 400" über die Jahre in allen popkulturellen Bereichen etabliert hat - 2007 fand der Song beispielsweise einen Platz in einer der Folgen der Kult-Serie "Die Sopranos" - sticht vor allem die anhaltende Liebelei der amerikanischen Hip-Hop-Szene mit dem Melodie-Sample ins Auge.

Neben Chamillionaires "I Got" und "The Awesome" von Childish Gambino, gelangte insbesondere der The Game-Song "Red Nation" zu großer Berühmtheit, als dieser mit der Erschießung Osama Bin Ladens in Verbindung gebracht wurde. Dass der Song irgendwann eine solche Reise machen würde, hätten Emanuel Günther und Florian Senfter 1999 wohl kaum erwartet. 

Video: The Game - Red Nation

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