Wie war's eigentlich bei... Tortoise?

Die Band aus Chicago live in Berlin

Die Postrock-Schildkröte ist über den großen Teich geschippert, um durch Europas Clubs zu kriechen. Wer sie verpasst, darf sich heftigst ärgern. Denn was das Quintett live bietet, geht auf keine Kuhhaut und begeistert.

Mit ihrem sechsten Album "Beacons Of Ancestorship" haben sich Tortoise aus ihrer halben Dekade Winterschlaf wieder aufgerappelt. Putzmunter und in bester Verfassung präsentiert sich die Band dieser Tage nun auch live. Im Vorprogramm gibt sich passenderweise der Klavier-Präparator Volker Bertelmann alias Hauschka aus Düsseldorf die Ehre. Seine unorthodoxen Ansprachen passen selbstredend zu seinem Spiel mit dem malträtierten Klavier, das (beispielsweise) mit Gaffa, Biolimo-Kronkorken und Alufolie-Resten um diverse Klangfarebn erweitert wurde. Eine klappernde und raschelnde Symphonie, die Philip Glass- wie Matmos-Freunde begeistert. Noch ist die Anzahl der Besucher im Berliner Columbiaclub aber überschaubar, was sich Punkt Tortoise ändert.

In die Jahre gekommen sind die Herren aus Chicago nur äußerlich, denn entweder glänzt da ein grauer Haaransatz oder eben die Haut auf dem Kopf. Aber was soll es - man ist immer so jung, wie man heut spielt! Und da wirken Tortoise wie jungfreuliche Avangardisten, die fiebrig, aber filigran und kraft- aber kunstvoll mit ansteckender Spielfreude in den Bann nehmen. Jazzig, noisig, poppig, dubbig, kreisend und vorpreschend, improvisierend und kalkulierend, minimal und großspurig - mit allen Facetten, die diese Band zu bieten hat, fesselt sie an diesem Abend ohne einmal loszulassen. Und wenn bei den meisten Instrumentalbands nach einer halben Stunde Beine schwer werden oder Gedanken abschweifen, werden hier Raum und Zeit wortwörtlich ausgespielt.

Die Band selbst hatte sichtlich ihren Spaß. Und dieser entfachte eine Begeisterung im Publikum, die man beim gehobenen und eher distanzierten Berliner Postrock-Publikum äußerst selten erlebt. Nach mehreren Zugaben ist Schluss. Der Schluss eines der aufregendsten, mitreißendsten und kurzweiligsten Konzerte des bisherigen Jahres. Die Latte liegt nun phänomenal hoch.

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