Winona Oak im Interview: "Die kreative Maschine arbeitet die ganze Zeit"

Über Heimatgefühle und Kontrollzwang

Winona Oak hat mit 25 Jahren gerade ihre erste, betörende EP "Closure" veröffentlicht und wird bereits als neue Pop-Hoffnung gefeiert. Wir haben mit der gebürtigen Schwedin über ihr neues Leben in Los Angeles, der Liebe ihrem Heimatland und ihre Neugier fürs Berghain gesprochen.

Winona, du lebst in Los Angeles, kommst aber eigentlich aus dem schwedischen Hinterland. Hat Heimat irgendeine Bedeutung für dich? Wo fühlst du dich am ehesten zuhause? 

Wenn man viel reist, ist das schwierig. Aber Schweden wird immer meine Heimat sein, denn ich habe dort meine Familie und meine Freunde. Aber L.A. macht für mich gerade in musikalischer Hinsicht mehr Sinn. Es gibt dort so viele großartige Musiker, Songschreiber und Produzenten. Und ich liebe es, ans Meer gehen zu können. Am Ende kann man sich aber überall ein Zuhause schaffen, das ist vor allem abhängig von den Menschen, mit denen man sich umgibt. Ich lebe in den USA mit meinem Freund zusammen. Übrigens auch ein Schwede, den ich in Los Angeles kennengelernt habe. (lacht) Ich könnte aber auch in Paris oder Berlin glücklich werden. 

Du hast eben deine erste EP veröffentlicht. Wie fühlt sich das für dich an?

Es ist ein bisschen surreal, aber sehr aufregend, denn das sind alles Songs, die ich in den letzten fünf Jahren - also im Alter von 20 bis 25 - geschrieben habe. Sie begleiten mich so lange schon. Es fühlt sich fantastisch an, das jetzt mit der Welt teilen zu können. Ich war vor der Veröffentlichung schon sehr nervös, denn man weiß ja nie, wie die Leute reagieren. Und man geht da raus und macht sich komplett nackt, denn die Songs sind sehr persönlich. Aber die Reaktionen der Leute, die mir schreiben, sind so schön. So ergibt alles Sinn.

Winona Oak - He Don't Love Me

Du erlebst also die positive Seite von Social Media?

Ja, absolut. (lacht) 

Wie sehr haben dich deine Familie und deine Kindheit in Schweden beeinflusst - bei der Entscheidung, Musik zu machen, aber auch bei der Entwicklung deines Sounds?

Ich bin auf einer winzigen Insel mitten in Schweden sehr behütet aufgewachsen. Dort ist es so wunderschön, so viel Natur. Man hat wahnsinnig viel Zeit, um umherzulaufen und seine eigene Fantasiewelt zu erschaffen. Das habe ich schon sehr früh getan und Geschichten geschrieben, Bücher gelesen. Ich habe praktisch kein Fernsehen geschaut. Ich hatte Pferde. Niemand hat mir jemals gesagt, was ich zu tun oder wie ich zu sein habe. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich denke, das schlägt sich nun auch in meiner Musik nieder. Ich habe nie das Gefühl, etwas anders machen zu müssen. 

Hat auch der Umzug nach Los Angeles daran nichts geändert?

Nein, es hat den Spirit der Musik nicht verändert. Die Arbeit mit anderen Leute hilft aber natürlich dabei, meinen Sound weiterzuentwickeln. Ich werde immer besser, auch im Schreiben. 

Du hattest mit “Hope” 2018 bereits einen Hit mit The Chainsmokers. War dir zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass du irgendwann lieber solo arbeiten willst? 

Ich wusste schon vorher, dass ich als Künstlerin arbeiten und meine eigenen Sachen veröffentlichen möchte. Aber mit den Chainsmokers arbeiten zu können, war natürlich eine riesige Chance, sie sind wirklich super talentiert. Der Song ist eine Kombination aus meinem Spirit und ihrem Sound. 

Gibt es noch andere Musiker und Musikerinnen, die dich inspirieren?

Ich höre jede Menge unterschiedliche Musik. Zum Beispiel mag ich Leonard Cohen. Direkte musikalische Vorbilder habe ich nicht, glaube ich. Aber ich liebe Künstlerinnen wie Björk, die Art und Weise, wie sich sich ausdrückt. Ansonsten ist wohl meine Mutter mein größtes Vorbild.

Wie Björk hast du auch einen sehr speziellen Stil, der sich durch deine gesamte Arbeit zieht - die Videos, die Performance, die Klamotten, die Visuals. Bist du in all das involviert oder hast du da deine Leute für?

Ich habe ein fantastisches Team um mich herum. Leute, die mich und meine Ideen nach vorne bringen und umsetzen. Aber ich bin ein Kontrollfreak, also weiß ich über alles Bescheid und entscheide. Sie versuche nicht, mich zu etwas zu machen, das ich nicht bin. Ich sitze am Steuer. Ich liebe Mode und Kunst und mich auch über Visuals und Kleidung auszudrücken.

Du hast “Don’t Save Me” von HAIM gecovert. Warum ausgerechnet diesen Song?

Ich fand die Lyrics einfach so schön, die Melodie, alles. Ich wollte darauf etwas ganz anderes machen, etwas Traurigeres. Der Text ist so poetisch, ich wollte es langsamer machen, dadurch hat es einen völlig anderen Vibe bekommen. 

Winona Oak - Control

Du bist gerade das erste Mal in Berlin. Konntest du dir schon irgendwas von der Stadt ansehen?

Leider nein. Ich habe alles nur kurz aus dem Auto heraus gesehen. 

Gibt es denn etwas, das du dir gern anschauen würdest?

Ich habe viel vom Berghain gehört, da möchte ich mal hin. Aber auch die anderen tollen Clubs, die Musik, die Mode, das Essen interessieren mich. Ich werde auf jeden Fall wiederkommen. 

Jetzt tourst du aber bald erstmal durch die USA …

Richtig, im April geht es im Vorprogramm von Oh Wonder auf Tour. Wir werden 26 Tage unterwegs sein und in 23 verschiedenen Städten spielen.

Wirst du auch auf Tour an neuen Songs schreiben oder brauchst du dafür einen bestimmten Rahmen?

Ich kann immer Ideen sammeln, solange ich etwas dabei habe, um sie aufzunehmen. Manchmal werde ich nachts wach, gehe ins Badezimmer, um meinen Freund nicht zu wecken, und singe irgendetwas in mein Handy. Am nächsten Morgen weiß ich dann nicht immer, was ich mir dabei gedacht habe. (lacht)

Das heißt dann also, das erste Album wird nicht mehr lange auf sich warten lassen?

Ich habe eine Menge Songs fertig, wirklich fertig. Die kreative Maschine arbeitet die ganze Zeit und will große Emotionen in Lieder verpacken.

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