Zukunftsvisionen gesucht: Matt Black im Tonspion-Gespräch

TONSPION spricht in der Interview-Reihe "Zukunftsvisionen gesucht" mit den Köpfen der Musik- und Internetbranche - Musiker, Chefs von kleinen und großen Plattenfirmen, Consultants und Software-Entwickler - über Gegenwart und Zukunft der Musikbranche. Heute: Matt Black, Labelgründer und Dance-Pionier.

TONSPION: Wie wird die Musikwirtschaft deiner Meinung nach in 20 Jahren aussehen?

Matt Black: Es wird eine desolate Landschaft gigantischer Dinosaurierknochen und einen fruchtbaren Dschungel mit schnellen, scharfsinniger Primaten-Stämmen geben.

TONSPION: Wer ist schuld am jetzigen Zustand der Branche?

Black: Gierige McMusik-Verkäufer mit ihrem Faustischen Handel von Seelen gegen Techknowledge-E. Aber die Suche nach Schuldigen ist sinnlos, es ist alles Evolution.

TONSPION: Welche Auswirkungen haben CD-Brennerei und Downloads auf Ninja Tune?

Black: Wir haben Umsatzeinbußen, aber wir denken, dass die zusätzliche Promotion überwiegt: unser Geschmack erreicht Zungen, die noch nicht Ol` Ma Ninjas gesundes Menü probiert haben. Ninja-Fans wissen, dass wir Verkäufe brauchen, um zu überleben. Ich glaube sie haben eine engere Beziehung zu uns als zum Beispiel ein Madonna-Fan zu Madonna. Wir leben auf dem gleichen Planeten wie unsere Fans.

TONSPION: Was ist heutzutage dein Tipp für junge Musiker ohne Plattenvertrag?

Black: Wie Ian Dury gesagt hat: ?Mach es selbst, das ist billiger und macht mehr Spaß.? Bemüh dich, im Einklang mit deiner Persönlichkeit zu bleiben. Das Netz, MP3s und so weiter geben neue Möglichkeiten für Vertrieb und Promotion, vorbei am Würgegriff, in dem das Konglomerat die Luftröhre der globalen Kultur hat. Kämpf dich frei. Wenn an Stelle des Spaßes an der Musik und dem kreativen Ausdrucks deiner selbst Ruhm und Geld zu deinen primären Zielen werden, dann reduziert das meiner Meinung nach deine Erfolgschancen.

TONSPION: Was findest du am interessantesten am jetzigen Aufbruch der Musikwelt ins Netz?

Black: Bei Musik ging es einmal um den Live-Auftritt. Mit der Aufnahmetechnologie kam dann die Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Kopien solcher Auftritte zu machen. Da die Kosten des Erstellens und Vertreibens einer Kopie dieses Auftritts im digitalen Raum bei Null liegt, mag das Geschäft mit dem Verkauf physischer Kopien vorbei sein. Möglicherweise gibt es eine Rückkehr zu Musik als Live-Aktivität.

TONSPION: Was ist die größte Gefahr?

Black: Eine Gefahr ist, dass Musiker und Plattenfirmen, die vom Verkauf von Platten abhängig sind, nicht überleben könnten. Dies könnte Musiker der Möglichkeit berauben, genug Zeit für eine Aufnahme zu haben, die vollendet, deep und gut produziert ist. Es ist zum Beispiel schwierig, ein 20-köpfiges Streicherensenble für den richtig saftigen Sound zu engagieren, wenn es kein Aufnahmebudget gibt.

TONSPION: Was sollten wir tun, um uns auf die digitale Zukunft vorzubereiten?

Black: Besorgt euch einen Computer und lernt damit umzugehen. Entwicklelt gleichzeitig menschliche Fähigkeiten, die Maschinen nicht haben. Bringt der Jugend bei, dass Kunst die Waffe der Zukunft ist. Liebt Musik und einander mehr als Geld.

Matt Black ist ein Teil des britischen Dance-Duos Coldcut und Mitgründer des Londoner Labels Ninja Tune.

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