Spotify und die Universal Music Group gehen den nächsten Schritt in Richtung KI-gestützter Musikproduktion. Wie beide Unternehmen mitteilten, wurde eine umfassende Lizenzvereinbarung geschlossen, die es Spotify ermöglicht, ein neues Tool für Fan-Cover und Remixe einzuführen.
Premium-Nutzer sollen gegen Aufpreis Songs teilnehmender Künstler nach Belieben bearbeiten, neu interpretieren und veröffentlichen können. Die Rechteinhaber erhalten laut Ankündigung eine Beteiligung an den daraus entstehenden Erlösen.
Spotify spricht von einem „verantwortungsvollen“ Modell, das auf Zustimmung, Vergütung und Transparenz beruhe. Universal-CEO Sir Lucian Grainge bezeichnet die Initiative als künstlerzentriert und als Chance, Fans und Musiker enger zusammenzubringen. Auch Spotify-Co-CEO Alex Norström betont, man habe technologische Umbrüche stets gemeinsam mit der Branche gestaltet.
Die Wortwahl ist erwartbar. Bereits im Oktober 2025 hatte Spotify gemeinsam mit Sony, Warner, Universal und weiteren Branchengrößen angekündigt, KI-Produkte künftig nur noch auf Basis direkter Lizenzdeals zu entwickeln.
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Damals war von „Artist-First AI Music Products“ die Rede, von Wahlfreiheit, fairer Vergütung und neuen Einnahmequellen. Man wolle verhindern, dass KI-Innovationen außerhalb eines regulierten Marktes stattfinden, ohne Zustimmung und ohne Bezahlung.
Was nun folgt, ist die konkrete Umsetzung dieser Strategie. Und genau hier beginnen die Probleme.
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Denn so plausibel das Argument klingt, KI lieber in einem lizenzierten Rahmen zu etablieren als sie dem unkontrollierten Graumarkt zu überlassen, so heikel ist die Signalwirkung. Wenn die größten Musikkonzerne der Welt aktiv in KI-Musik investieren und entsprechende Tools in die reichweitenstärkste Streamingplattform integrieren, verschiebt sich das Kräfteverhältnis nachhaltig und die Kreativen verlieren immer mehr die Kontrolle darüber, was mit ihrer Arbeit passiert.
Zum einen wird Musik weiter funktionalisiert. Ein Song ist dann nicht mehr ein abgeschlossenes Werk, sondern nur noch Rohstoff für algorithmische Weiterverarbeitung. Fans werden zu Co-Produzenten, allerdings innerhalb eines Systems, das vollständig von Plattform und Major-Label kontrolliert wird und ohne jegliche Rechte. Kreativität findet in vorgegebenen Parametern statt, monetarisiert über Zusatzabos. Das klingt nach Demokratisierung, ist aber vor allem ein Geschäftsmodell, das über Masse funktioniert und damit nur den Gatekeepern, also Spotify und den Musikfirmen nutzt.
Zum anderen droht eine weitere Entwertung musikalischer Arbeit. Wenn KI-gestützte Cover und Remixe massenhaft produziert werden können, steigt die ohnehin kaum überschaubare Menge verfügbarer Tracks noch einmal deutlich und Künstler haben kaum noch eine Chance, auf ihre eigene Musik aufmerksam zu machen. Der zehntausendste Remix eines Depeche Mode-Klassikers wird automatisch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als ein neuer Song einer unbekannten Songwriterin.
Schon heute kämpfen viele Künstler um Sichtbarkeit in einem Markt mit über 100 Millionen Songs. KI-Versionen populärer Titel könnten Empfehlungsalgorithmen zusätzlich dominieren, weil sie auf bekannten Marken und Melodien basieren. Für Newcomer ohne großen Rechtekatalog wird es noch schwerer, durchzudringen. Die ehemaligen Plattenfirmen konzentrieren sich immer stärker auf die Monetarisierung alter Hits statt neue Künstler zu investieren.
Wenn generative KI als „neue Einnahmequelle“ etabliert wird, verschiebt sich der Fokus weiter von langfristigem Künstleraufbau hin zu skalierbaren Content-Formaten. Der Song wird zur Vorlage für Variationen, nicht mehr zum singulären Ereignis. Für Investoren mag das attraktiv sein. Für eine lebendige Musikkultur ist es ein hohes Risiko, junge Künstler haben kaum noch die Chance mit neuer Musik Gehör zu finden.
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Thom Yorke hat auf seiner Rede anlässlich der Verleihung des Ivor Novello Awards darauf hingewiesen, dass sich die Musikindustrie selbst abschaffe, wenn sie Talenten keine Zeit mehr zur Entwicklung einer eigenen musikalischen Sprache lässt.
Indem die Branche selbst zur treibenden Kraft hinter KI-Musik wird, beschleunigt sie eine Entwicklung, deren Folgen kaum absehbar sind. Es geht um die Definition dessen, was künftig als künstlerische Leistung gilt und wer davon profitiert. Und wenn immer mehr Unternehmen an Musikrechten verdienen, bleiben für die Kreativen nur noch Krümel vom Kuchen.
