Die Bundesregierung plant, die Förderung kleiner und mittlerer Musikfestivals 2027 um die Hälfte zu reduzieren. Die Folgen könnten weit über die Konzertbranche hinausreichen: Wenn Musiker nicht mehr von ihrer Arbeit leben können, verliert die Popkultur ihre Grundlage.
Während etablierte Kulturinstitutionen für klassische Musik weiterhin Millionenbeträge erhalten, müssen unabhängige Veranstalter und damit die gesamte zeitgenössische Muiskszene um ihre Existenz kämpfen.
Im Regierungsentwurf für den Bundeshaushalt 2027 sind für den Festivalförderfonds der Initiative Musik nur noch zwei Millionen Euro vorgesehen. Im laufenden Jahr stehen vier Millionen Euro zur Verfügung. Gleichzeitig soll die Bundesförderung für die Bayreuther Festspiele von 4,2 auf rund 5,2 Millionen Euro steigen.
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Der Bundesverband der Musikspielstätten LiveKomm kritisiert diese Prioritätensetzung scharf. Kleine und mittlere Festivals seien eine wichtige kulturelle Infrastruktur, gerade außerhalb der Großstädte. Viele werden ehrenamtlich organisiert und arbeiten mit äußerst knappen Budgets.
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Das Geld reicht schon jetzt bei Weitem nicht aus: Seit 2023 haben sich mehr als 1.800 Festivals um staatliche Unterstützung beworben, doch nur rund jedes fünfte erhielt eine Förderung. Mit den geplanten Kürzungen dürfte es für viele kleine Festivals noch schwieriger werden, sich zu finanzieren.
Dabei kommen Musikclubs und Festivals bislang fast vollständig ohne staatliche Unterstützung aus. Mehr als 90 Prozent ihrer Kosten decken sie selbst, etwa durch Ticketverkäufe und Gastronomie.
Große Opernhäuser, Theater und andere etablierte Kultureinrichtungen werden dagegen zu einem erheblichen Teil mit öffentlichen Geldern finanziert. Warum ausgerechnet bei der ohnehin knapp geförderten Popkultur weiter gespart werden soll, ist kaum nachvollziehbar und für die Branche existenzbedrohend.
LiveKomm-Geschäftsführer Christian Ordon fordert deshalb eine grundlegende Reform der Kulturförderung. Die Konzentration staatlicher Gelder auf etablierte Institutionen werde der gesellschaftlichen Bedeutung der populären Musik nicht gerecht.
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Ohne Livekonzerte können viele Musiker nicht überleben
Die geplanten Kürzungen treffen eine Branche, deren wirtschaftliche Grundlagen ohnehin unter Druck stehen. Streaming hat den Musikkonsum grundlegend verändert. Die deutsche Musikindustrie erwirtschaftete 2025 erstmals mehr als zwei Milliarden Euro mit Streaming. Von diesen Einnahmen kommt allerdings bei vielen unabhängigen Musikern nur ein geringer Teil an.
Wie stark Künstler inzwischen von Konzerten abhängig sind, zeigt eine Auswertung der Musikwirtschaft im Deutschen Musikinformationszentrum: Ausübende Musiker erzielten nach den zugrunde liegenden Daten aus dem Jahr 2023 durchschnittlich 46,5 Prozent ihrer Einnahmen durch Liveauftritte. Aus dem Digitalvertrieb kamen lediglich nur noch 2,8 Prozent.
Das durchschnittliche Jahreseinkommen ausübender Musiker lag bei rund 15.000 Euro und damit nur knapp über dem Existenzminimum.
Wer eine Tournee organisiert, muss zunächst Proberäume, Instrumente, Personal, Transport und Unterkunft finanzieren. Steigende Kosten machen es immer schwieriger, kleinere Konzerte wirtschaftlich durchzuführen. Gleichzeitig können die Ticketpreise nicht unbegrenzt steigen. Wenn nun auch noch Festivals ihre Programme reduzieren oder ganz aufgeben müssen, verlieren Musiker eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen und den Kontakt zu neuen Fans.
Die nächste Generation verliert ihre Bühnen
Besonders problematisch ist die Situation für den Nachwuchs. Die großen Arenen werden von etablierten Stars gefüllt, die seit Jahrzehnten erfolgreich sind. Neue Bands beginnen ihre Karrieren dagegen in kleinen Clubs und auf unabhängigen Festivals.
Dort sammeln sie Bühnenerfahrung, gewinnen Fans und entwickeln ihre musikalische Identität. Diese Auftrittsmöglichkeiten sind für die Entstehung neuer Musikrichtungen und Szenen von zentraler Bedeutung.
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Wie wichtig die kleinen Bühnen sind, zeigen aktuelle Zahlen der GEMA: Von mehr als 267.000 erfassten Konzerten in Deutschland im Jahr 2025 fanden über 244.000 vor maximal 500 Besuchern statt.
Wenn diese Strukturen verschwinden, hat das langfristige Folgen für die gesamte Musikwirtschaft. Auch Plattenfirmen, Bookingagenturen und größere Festivals sind darauf angewiesen, dass immer wieder neue Künstler nachkommen und den Durchbruch schaffen.
Die großen Arenen werden heute größtenteils noch von Künstlern gefüllt, die ihren Durchbruch in den 80er oder 90er Jahren hatten und weit über 40 sind. Sie werden nicht für immer bleiben. Doch wer soll die Lücke dann füllen?
Was bleibt von der Popkultur, wenn niemand mehr von Musik leben kann?
Die Debatte über zwei Millionen Euro weniger Festivalförderung mag angesichts eines milliardenschweren Bundeshaushalts unbedeutend erscheinen. Tatsächlich geht es um eine grundsätzliche kulturpolitische Frage: Welchen Stellenwert hat die Förderung neuer populärer Musik in Deutschland?
Die wirtschaftliche Situation vieler Musiker ist bereits heute prekär. Die Streamingökonomie begünstigt erfolgreiche Künstler mit großen Reichweiten und umfangreichen Musikkatalogen. Kleinere Acts sind auf Konzerte angewiesen, um ihre Arbeit überhaupt finanzieren zu können.
Gleichzeitig drängt massenhaft KI-generierte Musik auf den Markt, die sich nahezu beliebig und zu minimalen Kosten produzieren lässt. Selbst wenn diese Art von Musik heute von vielen abgelehnt wird, werden neue KI-Startups versuchen, die nächste Generation Musikfans (Generation Alpha) über soziale Medien frühzeitig an KI-Musik und -Videos zu gewöhnen und Musiker vollständig zu ersetzen.
Es entsteht dabei möglicherweise eine neue Industrie. Mit Kunst und kreativem menschlichen Ausdruck wird diese allerdings nichts mehr zu tun haben. Für die Musikindustrie mag auch das ein profitables Geschäftsmodell sein. Für unsere über viele Jahrzehnte gewachsene Kultur wäre das eine traurige Zukunft.
Noch ist die geplante Kürzung nicht beschlossen. Am 12. November berät der Haushaltsausschuss abschließend über mögliche Änderungen, die Verabschiedung des Bundeshaushalts ist für den 27. November 2026 vorgesehen. Die LiveKomm fordert, den Festivalförderfonds dauerhaft mit mindestens vier Millionen Euro auszustatten.
Foto: MW_M LIVE 23 (c) Anna Wyszomierska

