Die Synthpop-Pioniere setzen einem Compterpionier ein musikalisches Denkmal: Mit „A Man From The Future” widmen die Pet Shop Boys dem wegweisenden Wissenschaftler Alan Turing 60 Jahre nach dessen Tod ein geradezu zärtliches Album, das gleichzeitig auch ihr erstes Konzeptalbum ist – Streicher und Synths erzählen von Science & Sex.
In einem musikalischen Fluss bestehend aus der Stimme der Erzählerin und den Vocals von Neil Tennant ist „A Man From The Future” ein neues Pet Shop Boys Album und zugleich kein neues Pet Shop Boys Album: Nennen wir es ein Audio Musicdrama Play, das man sowohl als inneren Film ablaufen lassen kann als auch als schwebende Synth-Pop-Streicher-Elegien.
Das Anfangspluckern im Track „He Dreamed Of Machines“ lässt dabei an andere Pioniere er Synthesizer-Musik wie Tangerine Dream oder Kraftwerk denken, der zarte (Sprech-)Gesang umfasst die ganze Tragik in Turings Leben, der Text mit den Zeilen „he layed in the fields and dreamed of machines“ vereint Poesie mit Elektronik. Experimentelles an Talking Heads oder Laurie Anderson erinnernde Art-Pop-Tracks wie „Other Ranks“ schillern wiederum zwischen zwischen Oper und Noise. All das kulminiert schließlich im epischen elektronischen Finale und Titeltrack „A Man From The Future“.
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Ursprünglich als 45-minütiges Musikstück von Neil Tennant und Chris Lowe konzipiert und bereits im Juli 2014 in der Royal Albert Hall in London von den Pet Shop Boys, der Schauspielerin Juliet Stevenson als Sprecherin, dem BBC-Konzertorchester, dirigiert von Dominic Wheeler und den BBC-Singers in der Eröffnungsnacht der BBC-Late Night Proms uraufgeführt, bekommt das Werk nun einen eigenen Album-Release.
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Anders als die Bühnenfassung, deren musikalische Umsetzung von dem Dresdner Komponisten Sven Helbig stammt, ist das neu arrangierte Album nun reduzierter, intimer und elektronischer. Die Neuproduktion des Musikstücks wurde dabei auf auf zwei CDs bzw. LPs verteilt: Auf dem ersten Teil befindet sich die vocale Aufnahme, auf dem zweiten die Instrumentalversionen. An dem Album, das man als elektronische Klassik bezeichnen könnte, wirkten das Manchester Camerata Octet, der Chor der Manchester Grammar School sowie die Sprecherin Juliet Stevenson mit. Die Streicher- und Gesangsarrangements stammen von Sven Helbig.

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Die Lyrics basieren auf dem Werk „Alan Turing: The Enigma von Andrew Hodges“, der für dieses musikalische Denkmal mit Tennant und Lowe zusammenarbeitete. Seit der Aufführung 2014 ist hier eine entscheidende Neuerung dazu gekommen, denn der homosexuelle Alan Touring wurde posthum von Königin Elizabeth II. begnadigt, Tennant selbst setze sich sehr dafür ein.
1952 wurde Turing wegen einer homosexuellen Beziehung verurteilt, die er nicht leugnete – und daraufhin zu einer chemischen Kastration gezwungen, zudem verlor er seine Sicherheitsfreigabe beim GCHQ. Turing litt sehr unter der Hormonbehandlung und erkrankte an einer schweren Depression. Zwei Jahre später starb er mit nur 41 Jahren an einer Zyanidvergiftung, die man als Suizid einstufte. Diese Begnadigung führte 2016 zur Einführung des so genanten „Turing-Gesetzes“ im Vereinigten Königreich, das Tausenden anderen Männern, die nach historischen Anti-Homosexualitätsgesetzen verurteilt worden waren, posthume Begnadigungen gewährte.
Das Thema Homosexualität und deren gesellschaftlichen Aspekte ist natürlich in der Musik und in den Texten der Pet Shop Boys sehr präsent: Neil Tennant selbst outete sich 1994 offiziell als schwul in einem Interview mit dem Magazin „Attitude“, nachdem seine Lyrics schon lange queere Lebensrealitäten spiegelten. Songs wie „West End Girls“, „It’s a Sin“, „Rent“ oder „I Want a Lover“ greifen Themen wie schwules Stadtleben, die AIDS-Krise, katholische Schulscham und gesellschaftliche Ächtung auf.
Der Titel „A Man From The Future“ umfasst damit Turings Auswirkungen auf die Gegenwart in Sachen Gesellschaft und Wissenschaft – im gewissen Sinne designte Turing in den späten 1930er Jahren unsere heutige Welt, die er privat und in seiner Arbeit nur in seinem Geist erreichen konnte. Ein Mann der Zukunft, dessen komplexes Leben und Wirken von den Pet Shop Boys kongenial als musikalische Biografie entschlüsselt wird.
Biographie Alan Turing
Alan Mathison Turing OBE, (* 23. Juni 1912 in London; † 7. Juni 1954 in Wilmslow, Cheshire) war ein wegweisender britischer Mathematiker, Kryptoanalytiker, Logiker, Philosoph und Informatiker. Er gilt bis heute als einer der einflussreichsten Theoretiker der frühen Computerentwicklung und Informatik, seine Grundlagen sind bis heute in dem Gebiet relevant. Nach ihm benannt ist übrigens auch der Turing-Test zum Überprüfen des Vorhandenseins von Künstlicher Intelligenz.
Während des Zweiten Weltkrieges war er es, der die deutsche Rotor-Chiffriermaschine Enigma maßgeblich entzifferte und so die verschlüsselten deutschen Funksprüche abhören konnte. Damit trug er maßgeblich zum Sieg der Alliierten bei, wobei unzählige Leben gerettet wurden.
Erst posthum wurden ihm mehrere Ehrungen zuteil: 1998 erhielt er eine Blaue Plakette (English Heritage Blue Plaque) an seinem Geburtshaus in Warrington Crescent, London. Eine Statue des homosexuellen Wissenschaftlers wurde 2001 in Manchester enthüllt: Sie steht passenderweise im Sackville Park, zwischen den wissenschaftlichen Gebäuden der Universität Manchester und dem bei der LGBTQ-Community beliebten Viertel der Canal Street. Mittlerweile gibt es mehrere Bücher, Theaterstück sowie Filme über das Leben Turings, der bekannteste ist wohl „The Imitation Game“ mit Benedict Cumberbatch als Alan Turing, sowie Keira und Charles Dance, nach der Biographie von Andrew Hodges.
Biographie Pet Shop Boys
Die Pet Shop Boys gehören zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Popacts der vergangenen vier Jahrzehnte. Neil Tennant und Chris Lowe haben den elektronischen Pop seit den 1980er Jahren entscheidend geprägt und veröffentlichen am 9. Oktober 2026 ihr 16. Album „A Man From The Future“.
Anders als viele Bands aus den 80er Jahren sind die Pet Shop Boys nie stehen geblieben. Ihr Werk reicht von klassischem Synthpop über House, Disco und Techno bis hin zu orchestralen Arrangements und experimentellen Soundtracks. Trotz aller stilistischen Veränderungen blieb ihre Handschrift stets erkennbar: elegante Produktionen und eine bewusst zurückhaltende Inszenierung.
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Ihre gesamte musikalische Entwicklung und Laufbahn könnt ihr in unserem umfangreichen Artikel „Pet Shop Boys: Biografie, Alben und Songs des erfolgreichsten Popduos Großbritanniens“ nachlesen.

