Nick Cave kehrt in die Berliner Waldbühne zurück und präsentierte mit seinen Bad Seeds ein knapp zweieinhalbstündiges Konzert, das nahezu alle Schaffensphasen seiner über vier Jahrzehnte umfassenden Karriere berücksichtigte. Hier unsere Eindrücke und Bilder vom Konzert.
Der Abend begann ungewöhnlich früh. Bereits um 19.30 Uhr stand die Band auf der Bühne, obwohl noch zahlreiche Besucher ihre Plätze suchten und dort in der Sonne schmorten. Der frühe Start war der Sperrstunde um 22 Uhr geschuldet, ließ die Show jedoch bei fast 30 Grad Außentemperatur vollständig im Tageslicht beginnen. Bei einem Künstler wie Nick Cave, dessen Konzerte von Licht, Schatten und intensiver Atmosphäre leben, fehlte zunächst ein Teil der gewohnten Magie. Seine Musik entfaltet ihre größte Wirkung meist erst nach Einbruch der Dunkelheit.
Mit dem furiosen Opener “Get Ready for Love” und dem unmittelbar folgenden Frühwerk “From Her to Eternity” machte die Band dennoch klar, dass sie keine Zeit verlieren wollte, auf Betriebstemperatur zu kommen. Auch das neue Material von Wild God, dem aktuellen Album aus dem Jahr 2024, fügte sich selbstverständlich in das Programm ein. Songs wie “Train Long-Suffering”, “Wild God” oder später “Joy” zeigten, wie gut sich die aktuellen Stücke neben den Klassikern behaupten können.

Die Stimmung im Publikum blieb zunächst spürbar verhaltener als bei früheren Berlin-Konzerten. Die hochsommerlichen Temperaturen forderten ihren Tribut und sorgten dafür, dass sich die Energie eher langsam entfaltete. Das passte allerdings gut zur Dramaturgie des Abends. Nach dem kraftvollen Beginn wurde das Konzert zunehmend ruhiger und die Musik trauriger. Balladen wie “Bright Horses”, “Carnage” oder “Rings of Saturn” ließen viel Raum für Caves eindringlichen Gesang und die feinen Arrangements der Band.
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Nick Cave erwies sich einmal mehr als charismatischer Frontmann. Immer wieder verließ er die eigentliche Bühne, ging über den langen Steg direkt an die erste Reihe und suchte den Kontakt zu seinem Publikum. Er reichte Fans die Hand, ließ sich berühren oder nahm ihnen kurzerhand das Smartphone aus der Hand, um sie daran zu erinnern, den Moment zu leben, statt ihn nur zu filmen. Seine Ansagen blieben kurz und trocken. “Berlin! Ihr seht schrecklich aus!”, begrüßte er das Publikum.
Musikalisch präsentierten sich die Bad Seeds in veränderter Besetzung. Neben Warren Ellis gehörten Jim Sclavunos, George Vjestica, Larry Mullins, Carly Paradis sowie Radiohead-Bassist Colin Greenwood zur Besetzung. Ergänzt wurde die Band von einem vierköpfigen Background-Chor, der insbesondere den Gospel-Anklängen der neueren Songs zusätzliche Tiefe verlieh. Schlagzeuger Thomas Wydler konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Tour teilnehmen.
Zu den Höhepunkten des Abends gehörte das eindrucksvoll inszenierte “Tupelo”. Cave dirigierte das Publikum beim wiederkehrenden “Cry, cry, cry”, tänzelte über die Bühne und verwandelte den Song in ein dramatisches Ritual. Wenig später sorgte “The Mercy Seat” für die wohl größte Intensität des Konzerts, bevor mit “Red Right Hand” und “Jubilee Street” zwei der bekanntesten Songs des Repertoires folgten.
Besonders bewegend geriet erneut “Bright Horses”. Der während der Ghosteen-Phase entstandene Song wirkt live noch eindringlicher als auf Platte. Cave trägt ihn mit großer Ruhe vor, während Warren Ellis und der Chor den melancholischen Charakter behutsam verstärken. Auch “Joy” entwickelte sich zu einem emotionalen Höhepunkt. Die Zeile “We’ve all had too much sorrow, now is the time for joy” wirkt nach den schweren Verlusten, die Caves jüngere Werke geprägt haben, wie eine vorsichtige Öffnung hin zu neuer Zuversicht.
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Mit “Hollywood” endete zunächst der reguläre Teil des Konzerts, bevor die Band für eine vier Songs umfassende Zugabe zurückkehrte. “City of Refuge”, “The Weeping Song” und “Wide Lovely Eyes” führten noch einmal durch unterschiedliche Klangwelten, ehe Cave die Bühne schließlich allein betrat. Nur am Klavier begleitet, spielte er “Into My Arms”. Die letzten Zeilen sang die Waldbühne gemeinsam mit ihm, ein stiller Abschluss eines Abends, der bewusst auf große Effekte verzichtete und stattdessen die Kraft der Songs sprechen ließ.
Am Ende entstand genau jene besondere Verbindung zwischen Künstler und Publikum, die Nick Caves Konzerte seit Jahrzehnten auszeichnet und sie zu einem unvergesslichen Erlebnis macht.
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Setlist Nick Cave & The Bad Seeds, Berlin, Waldbühne, 30. Juni 2026
- Get Ready for Love
- From Her to Eternity
- Train Long-Suffering
- Wild God
- O Children
- Tupelo
- Carnage
- Joy
- Rings of Saturn
- Bright Horses
- Henry Lee (mit Janet Ramus)
- The Mercy Seat
- Papa Won’t Leave You, Henry
- Red Right Hand
- Jubilee Street
- Hiding All Away / White Elephant
- Hollywood
Zugabe:
- City of Refuge
- The Weeping Song
- Wide Lovely Eyes
- Into My Arms (Nick Cave solo)
