Eigentlich sind es schlimme Neuigkeiten: Wir müssen uns wirklich von Charlie Spring (Joe Locke), Nick Nelson (Kit Connor) und all den anderen liebenswerten Charakteren verabschieden. „Heartstopper“ ist zu Ende. Nach drei Staffeln der Serien-Adaption schließt ein Film die wohl großherzigste queere Coming-of-Age-Geschichte unserer Zeit ab – und er ist ein lichterkettenglitzerndes Juwel.
In den Facetten dieses Juwels spiegelt sich die ganze Aufregung eines kritischen Lebensabschnitts in furchteinflößender bis freudvoller Intensität: der Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter, was auch immer das für jede und jeden Einzelnen heißen mag. „Heartstopper Forever“ glänzt bei der einfühlsamen Kartierung dieses komplizierten Wildnisgebiets zwischen den Polen von Unsicherheiten und Möglichkeiten.

Während sich die Gruppe um Nick und Charlie dem Ende ihrer Schulzeit nähert, wölbt sich der wohlkonstruierte Spannungsbogen über verunsichernde Erkenntnisse und die großen neuen Fragen, die diese aufwerfen. Erwachsenwerden kann bedeuten, dass man sich auseinanderlebt, im Freundeskreis und in Paaren. Kann eine Jugendliebe solche Entwicklungen, markiert durch einschneidende Wegstationen wie den Schulabschluss und Auszug von zuhause, überdauern? Und wenn ja – wie?
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Graphic-Novel- und Drehbuchautorin Alice Oseman selbst hat im Interview zusammengefasst, worum es im Kern geht: „Was Liebe überleben lässt, oder was sie erhöht oder vertieft … Eine Auseinandersetzung mit Zeit, Erinnerung, Liebe, Schmerz, dem Wechsel der Jahreszeiten, Enden und Anfängen und dem Kernelement von „Heartstopper“: die gewöhnliche Magie unserer alltäglichen Leben.“

Jene Magie, vermutlich dieselbe, die die gezeichneten Blättchen und Schneeflocken aus den Büchern durchs Bild wehen lässt, hält einen von der ersten bis zur letzten Einstellung des Finales emotional beteiligt. Auch dieser letzte Teil ist wieder hoffnungsvoll, wehmütig und romantisch bis auf die metaphorischen Knochen, und er entschuldigt sich zu keinem Moment dafür.
Ohne diese Aufrichtigkeit würde das, was er zu sagen hat, verpuffen oder flach ins Leere schlingern. „Heartstopper“ wollte nie kantig, zynisch oder verbissen hip sein, und Gott oder besser Oseman sei Dank dafür. Ihr Werk war von Anfang an so ungeniert herzerwärmend und einladend, wie es eine Geschichte nur sein kann. Wie schlafwandlerisch sicher Oseman und ihr Team an jeglichem Anflug von Kitsch vorbeispazieren, bleibt beeindruckend. Vermutlich kann man sich in ihren Händen so gut aufgehoben fühlen, weil ihr tröstliches Wohlfühlkino bei aller Zelebrierung von Alltagsmagie und „empowering queer joy“ schwierige Aspekte nicht kleinredet, sondern so erzählt, dass sie dieser Freude und diesem Trost eine Tiefe verleihen, die alles noch wärmer zum Leuchten bringt.
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Unter dem harten Stoff, den der Film in seinem sicheren Raum so kraftvoll behandelt, verdient Nicks Kampf mit seiner psychischen Gesundheit besondere Erwähnung. Mit dem Thema hat sich „Heartstopper“ bereits zuvor auf charakteristisch intelligente und sensible Weise befasst, vor allem über die hochgelobte Darstellung von Charlies Essstörung. Während er zu dem Zeitpunkt, wo „Forever“ ansetzt, dahingehend schon große Schritte nach vorne geschafft und einiges an Selbstvertrauen gewonnen hat, muss er erkennen, dass es seinem Partner zunehmend schlechter geht.
Locke spielt Charlies Sorge darüber, wie schwer sich Nick helfen lässt, mit berührender Reife. Ebenso viel Respekt verdient Connor für seine Verkörperung von Nicks verletzlicher Verlorenheit, als er sich mehr und mehr fragt, wer er außerhalb seiner Liebe zu Charlie ist und wieviel Ballast ihm sein Vater während seiner Kindheit eigentlich aufgebürdet hat. Besonders in diesen Szenen ragen ihre schauspielerischen Leistungen aus den durchgehend starken Auftritten des übrigen Cast (inklusive wunderbarer Gaststars wie Anna Maxwell Martin als Nicks Mutter und Eddie Marsan als Charlies Therapeut) heraus.
Auch wenn Nick und Charlie offensichtlich die überzeugendste Charakterentwicklung abbekommen, gibt sich der Film durchweg Mühe, auch seinen zahlreichen Nebenfiguren im Rahmen des Möglichen gerecht zu werden. Verglichen mit einer ganzen Serienstaffel muss ein Film immer mit weniger Laufzeit und untergeordneten Handlungsbögen arbeiten, doch „Heartstopper Forever“ gelingt eine stimmige Verabschiedung von Isaac, Tara und der ganzen regenbogenbunten Truppe, die Fans so liebgewonnen haben. Der Soundtrack zu ihren gemeinsamen Partys und Pride Parades, Krisen und Küssen ist wie gehabt ein Indie/Alternative-Traum voller Neuentdeckungen neben festen Größen – Gigi Perez, Royel Otis, Orla Gartland, The National, Sufjan Stevens, Billie Eilish.
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Der weltweite Erfolg der „Heartstopper“-Reihe sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie schon in mehreren Ländern (USA, Türkei, Ungarn…) angegriffen, eingeschränkt oder sogar verboten wurde. Welche Macht auch weniger offen feindselige Haltungen zur Queer Community weiterhin ausüben und wie man ihnen entgegentreten könnte, veranschaulicht der Film etwa mit Charlies Idee für einen Pride Club, durch den er jene Art Mobbing an seiner Schule bekämpfen will, unter der er selbst gelitten hatte. Der Direktor lehnt die Initiative des neuen Schulsprechers mit fadenscheinigen Begründungen ab. Auftritt des Lieblingslehrers Mister Ajayi (Fisayo Akinade) mit einer Lektion zu queerem Ungehorsam: Ja, natürlich sollten Lehrkräfte ihren Schützlingen eigentlich erstmal Respekt für Regeln vermitteln. „Aber als ebenfalls Homosexueller würde ich dir sagen: Historisch gesehen haben wir Queers nie um Erlaubnis gebeten, existieren zu dürfen.“ Charlies nicht ganz legaler Pride Club bietet Mitgliedern letztlich genau das, was „Heartstopper“ seiner Fangemeinde gibt: Sichtbarkeit zu den eigenen Bedingungen, Möglichkeiten zur Verarbeitung der eigenen Erfahrungen, Solidarität, Gemeinschaft, und nicht zuletzt einfach Spaß.
„Heartstopper“ ist eine Geschichte, wie sie alle heranwachsenden queeren Menschen verdienen oder verdient hätten, lange bevor dergleichen endlich auf großen Plattformen existieren durfte. Sie ist, in einem Wort, wichtig. Und auch wenn die Erfahrungen der meisten Figuren natürlich grundlegend von ihren verschiedenen queeren Identitäten geprägt sind, so sollten viele von ihnen über diese Community (und Altersgruppe) hinaus nachvollziehbar und -fühlbar sein. Die ganze Reihe hat für ein breites Publikum sehr viel zu bieten, von ihren lebhaften Dialogen zu ihrem Mitgefühl und Humor. Die Welt von „Heartstopper“ mit ihren farbenfrohen Refugien, den gemütlichen Cafés, Strandpromenaden und Jugendzimmern voller Charakter und Lichterketten ist ein einladender Ort, unverkennbar unsere Welt, aber auf so viele kleine Arten freundlicher. Und wenn man sich noch nicht von dieser Welt verabschieden will, kann man auf Netflix den Film ebenso wie alle drei Staffeln nach dem Abspann glücklicherweise gleich noch einmal anschauen.
