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Nine Inch Noize: Nine Inch Nails für den Dancefloor

Mit Nine Inch Noize bündeln Trent Reznor, Atticus Ross und der Berliner Produzent Boys Noize ihre bisherigen Berührungspunkte zu einem gemeinsamen Projekt. Was zunächst wie ein Remix-Album klingt, erweist sich als weitreichendere Neuvermessung des Nine-Inch-Nails-Kosmos.

Die Stücke stammen überwiegend aus den vergangenen zwanzig Jahren, werden jedoch nicht behutsam überarbeitet, sondern in pulsierende, mitunter brachiale Club-Form gebracht.

Dass es zu dieser deutsch-amerikanischen Freundschaft kommen würde, zeichnete sich bereits seit längerem ab. Alexander Ridha aka Boys Noize hatte das von Reznor und Ross komponierte Score-Material zu „Challengers“ neu interpretiert, bei „TRON: Ares“ dominierten wuchtige Synthwave-Texturen, und während der „Peel It Back Tour“ standen alle drei gemeinsam auf der Bühne.

Nine Inch Noize wirkt nun wie die logische Verdichtung dieser Zusammenarbeit. Zugleich führt das Projekt eine ästhetische Linie fort, die Reznor seit den frühen Neunzigern verfolgt, nämlich die Reibung zwischen maschineller Strenge und emotionaler Wucht.

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Nine Inch Nails lebten stets von diesem Spannungsfeld. Hinter der Aggression von Gitarren und verzerrten Vocals arbeitete immer eine präzise, oft minimalistische Elektronik. Drumcomputer und Synthesizer bildeten das starre Gerüst, gegen das Reznors Stimme ankämpfte.

Songs wie „Head Like a Hole“ oder „The Day The World Went Away“ zeigten, wie sehr der emotionale Ausbruch von dieser mechanischen Enge profitierte. Rock war das Ventil, durch das sich die aufgestaute Energie entlud. Nine Inch Noize verzichtet weitgehend auf dieses Ventil. Gitarren treten in den Hintergrund, der Beat übernimmt.

Beim Coachella 2026 präsentierte die Supergroup die neuen Versionen der NIN-Songs.

Schon der Auftakt markiert diesen Perspektivwechsel. Das Album beginnt mit hörbarem Publikumsjubel, ein vermeintlicher Live-Moment, der sich wie ein Rahmen um die folgenden Tracks legt und aus dem sich die drückenden Grooves herausschälen und klar machen: das hier ist kein Konzert, etwa bei „Vessel“, der den Hörer in einen Tunnel aus Bass und Stroboskop zieht.

Das jubelnde Publikum zieht sich wie ein roter Faden durch das Album. Dieser Kunstgriff verleiht der Platte eine seltsame Ambivalenz. Die Songs, die bei Nine Inch Nails häufig von Isolation und Kontrollverlust handelten, werden hier in eine kollektive Erfahrung überführt. Die Masse jubelt, während die Musik in dunkle Zonen führt.

Klanglich setzen Reznor, Ross und Boys Noize auf extreme Dynamik. Oft ist kaum auszumachen, welche Elemente aus den Originalen übernommen wurden und welche neu entstanden sind. Bekanntes Material wird nicht bloß lauter oder schneller gemacht, sondern in seiner Struktur verschoben.

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Boys Noize steuert das Gespür für Clubdramaturgie bei, für Breaks, Drops und stetig ansteigende Spannungsbögen. Wenn ein Track wie „She’s Gone Away“ am Ende in doppeltem Tempo explodiert, wirkt das nicht wie ein bloßer Effekt, sondern wie eine bewusste Überzeichnung des ohnehin düsteren Ausgangsmaterials. Das Ergebnis ist zugleich tanzbar und verstörend.

Diese Spannung aus Lust und Bedrohung unterscheidet Nine Inch Noize von herkömmlichen Remix-Alben. Statt einzelne Songs für DJs aufzubereiten, entsteht ein in sich geschlossenes Werk mit klarer Dramaturgie.

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Nine Inch Nails wurden 1988 von Trent Reznor in Cleveland gegründet und entwickelten sich in den frühen Neunzigern zu einer der zentralen Formationen zwischen Industrial, Alternative Rock und elektronischer Musik. Alben wie „Pretty Hate Machine“, „The Downward Spiral“ oder „The Fragile“ verbanden Maschinenbeats mit Gitarrenwucht und persönlicher Radikalität. Später verschob sich der Schwerpunkt stärker in Richtung Elektronik und Sounddesign, nicht zuletzt durch die enge Zusammenarbeit mit Atticus Ross, der seit 2016 offizielles Bandmitglied ist. Neben Nine Inch Nails etablierten sich Reznor und Ross als vielfach ausgezeichnete Filmkomponisten, unter anderem mit Arbeiten für David Fincher oder Luca Guadagnino. Die Band blieb dabei stets offen für formale Experimente und neue Produktionsformen.

Boys Noize ist das Projekt des Hamburger Produzenten Alexander Ridha, der seit den frühen 2000er Jahren zu den prägenden Figuren der europäischen Clubszene zählt. Seine Karriere startete er in Berliner Clubs als DJ Kid Alex. Mit einem Stil, der Electro, Techno und EBM-Elemente verbindet, veröffentlichte er Alben wie „Oi Oi Oi“ oder „Power“ und arbeitete mit Künstlern von Skrillex bis Lady Gaga zusammen. Seine Produktionen zeichnen sich durch klare, druckvolle Strukturen und eine ausgeprägte Affinität zu analogen Synthesizern aus. Zugleich bewegte sich Ridha immer wieder an den Schnittstellen von Clubkultur und Pop.