Nile Rodgers verteidigt sein KI-generiertes Musikvideo gegen Kritik aus dem Netz und offenbart dabei ein grundlegend falsches Verständnis für die neue Technologie.
Nile Rodgers gehört zu den einflussreichsten Musikern und Produzenten der Popgeschichte. Mit Chic erfand er den Disco-Funk neu, produzierte Hits für Diana Ross („Upside Down“), David Bowie („Let’s Dance“) und Madonna („Like A Virgin“) und prägte mit seiner unverwechselbaren Gitarre sogar den Sound von Daft Punk. Kaum jemand weiß besser, wie technische Innovationen die Popmusik verändern können.
Jetzt sorgt der 74-Jährige mit einem neuen Projekt für hitzige Diskussionen. Für den gemeinsam mit der britischen Sängerin Rebecca Ferguson aufgenommenen Benefizsong „The Christmas Song“ arbeitet Rodgers an einem KI-generierten Musikvideo, das am 20. November erscheinen soll. Erste veröffentlichte Bilder stoßen auf deutliche Kritik. Einige Nutzer bezeichnen die künstlichen Bildwelten als „AI Slop“, also KI-Müll.
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Rodgers reagiert auf Social Media gereizt. Er verweist auf die kreativen Möglichkeiten der Technik und wirft Kritikern eine widersprüchliche Haltung vor. Schließlich nutzten die meisten Menschen längst täglich künstliche Intelligenz. Doch die Diskussion über KI in der Kunst dreht sich um wesentlich mehr als die Frage, ob neue Technologien grundsätzlich erlaubt sein sollten.
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Künstler liefern das Material, die Techkonzerne verdienen
Generative KI wurde mit riesigen Mengen vorhandener Musik, Bilder und Texte trainiert. Diese Werke sind urheberrechtlich geschützt, ihre Schöpfer wurden aber weder um Erlaubnis gefragt noch dafür bezahlt. Ob solche Nutzungen rechtlich überhaupt zulässig sind, ist weiterhin umstritten.
Eine Drum Machine erzeugt Klänge, die Musiker selbst zu Rhythmen arrangieren. Bei einem Sampler lässt sich nachvollziehen, welche Aufnahme verwendet wurde und welche Rechte gegebenenfalls geklärt werden müssen. Bei generativer KI bleibt dagegen völlig verborgen, welche Werke in die Trainingsdaten eingeflossen sind. Erkannte Muster können in Millionen Varianten neu zusammengebaut werden.
Daraus entsteht ein bemerkenswertes Geschäftsmodell: Künstler schaffen über Jahrzehnte wertvolle Werke, KI-Unternehmen nutzen diese zum Training ihrer Systeme und verkaufen anschließend die Möglichkeit, ähnliche Inhalte automatisch zu erzeugen.
Die Urheber gehen dabei häufig leer aus. Schlimmer noch: Ihre eigene Arbeit wird zunehmend durch Produkte ersetzt, die ohne ihre Werke gar nicht möglich wären und damit entwertet.
Eine von der internationalen Urheberrechtsorganisation CISAC beauftragte Studie prognostiziert, dass bis 2028 rund 24 Prozent der Einnahmen von Musikschaffenden durch generative KI gefährdet sein könnten. Das ist eine Modellrechnung, zeigt aber die wirtschaftliche Dimension des Problems. Die einzigen, die das nicht erkennen scheinen sind die, deren Schäfchen bereits im Trockenen sind und die es inzwischen gewohnt sind, dass es genügt, ihren Namen auf ein Produkt zu schreiben, um damit Geld zu verdienen.
100.000 Dollar gespart. Aber auf wessen Kosten?
Rodgers selbst liefert dafür ein anschauliches Beispiel. Nach eigenen Angaben hätte eine traditionelle Produktion seines Musikvideos rund 100.000 Dollar gekostet. Mit KI lasse sich das Projekt erheblich günstiger realisieren.
Was für einen Auftraggeber eine beeindruckende Ersparnis ist, bedeutet für Kameraleute, Illustratoren, Animatoren und andere Kreative potenziell den Verlust bezahlter Aufträge. Auch Soundtracks oder Werbespots werden heute bereits häufig von KI erstellt, statt von einem Musiker, der damit bisher einen Lebensunterhalt bestreiten konnte.
Wenn sich Bilder, Musik und Videos in beliebiger Menge automatisch erzeugen lassen, sinkt der wirtschaftliche Wert vieler kreativer Dienstleistungen. Gleichzeitig wächst der Wert der Plattformen, die diese Inhalte produzieren.
Für eine etablierte Musiklegende mag KI ein faszinierendes Experiment sein. Für Nachwuchskünstler kann sie zur existenziellen Konkurrenz werden.
Gute Absichten garantieren keine guten Bilder
Rodgers verfolgt mit seinem Projekt einen guten Zweck. Nach eigenen Angaben entstand der Benefizsong gemeinsam mit Rebecca Ferguson während der Coronapandemie. Er soll schwer kranken Kindern Freude bereiten. Der Musiker hat selbst eine Prostatakrebserkrankung durchlebt und berichtet, dass ihm ein Kind während seiner Behandlung geholfen habe.
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Rodgers betont, dass sein Team jede einzelne Sekunde sorgfältig gestaltet habe und die KI lediglich die vorgegebenen Anweisungen ausgeführt habe. Die bislang veröffentlichten Bilder wirken allerdings wie jede andere KI-Produktionen: gnadenlos überzeichnet, stillos und merkwürdig steril. Das fertige Video steht noch aus, eine abschließende Bewertung wäre deshalb verfrüht.
Gerade von einem Musiker wie Rodgers darf man jedoch mehr erwarten als die bloße Demonstration technischer Möglichkeiten. Schließlich bestand seine größte künstlerische Leistung immer darin, seinen unverwechselbaren Sound zu entwickeln, der häufig nur auf einer Gitarre erzeugt wurde.
Warum ausgerechnet etablierte Künstler von KI schwärmen
Wer die Entwicklung von analoger Studiotechnik über Synthesizer bis zur digitalen Musikproduktion selbst erlebt hat, erkennt in KI offenbar einfach nur die nächste Revolution.
Allerdings waren die erfolgreichsten technischen Innovationen der Popgeschichte stets mit neuen musikalischen Ideen verbunden. Die Drum Machine wurde durch die Menschen interessant, die mit ihr bislang ungehörte Rhythmen erfanden. Der Sampler erhielt seine Bedeutung durch Produzenten, die vorhandenes Material neu interpretierten und daraus eigene musikalische Sprachen entwickelten.
Generative KI ist aber kein neues Instrument, sondern in erster Linie eine raubkopierte Datenbank, die massenhaft neue Inhalte erzeugen kann. Die Technik selbst garantiert keinerlei Innovation, sondern das genaue Gegenteil: sie erzeugt nur unendliche Varianten der Vergangenheit.
Nile Rodgers wird durch dieses zweifelhafte Projekt nichts von seiner historischen Bedeutung verlieren. „Le Freak“, „Good Times“, „Upside Down“ oder „Let’s Dance“ bleiben Klassiker der Popgeschichte. Sie lebten davon, dass sie zu ihrer Zeit bahnbrechend und neu waren.
Seine Songs funktionieren bis heute, weil sie alle eine erkennbare musikalische Handschrift tragen. Gerade deshalb überrascht seine naive Begeisterung für eine Technologie, die vor allem aus dem schöpft, was andere Kreative geschaffen haben.

