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Christian Petzold: Sechs Filme auf ARTE

Christian Petzold gehört zu den prägenden Regisseuren des deutschen Gegenwartskinos. Seine Filme erzählen von Flucht und Neuanfang, Erinnerung und Identität sowie einer Vergangenheit, die bis in die Gegenwart hineinwirkt. ARTE zeigt aktuell sechs seiner Filme.

Petzold wurde 1960 in Hilden geboren und studierte zunächst Germanistik und Theaterwissenschaften an der Freien Universität Berlin, später Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Dort lernte er unter anderem Harun Farocki kennen, der zu einem wichtigen künstlerischen Weggefährten wurde. Petzold wird häufig der Berliner Schule zugerechnet, entwickelte jedoch früh eine unverkennbare Filmsprache. Elemente aus Thriller, Melodram, Film noir und Geistergeschichte treffen auf einen genauen Blick auf Deutschland und seine Geschichte.

ARTE zeigt aktuell sechs Filme kostenlos in der Mediathek. Ergänzt wird die Reihe durch ein Interview mit dem Regisseur.

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Die innere Sicherheit (2000)

Jeanne ist 15 Jahre alt und führt ein Leben, das kaum Ähnlichkeit mit dem anderer Jugendlicher hat. Ihre Eltern sind ehemalige Terroristen und leben seit Jahren im Untergrund. Die Familie wechselt ständig den Aufenthaltsort und hält sich von einem normalen gesellschaftlichen Leben fern. Als Jeanne den gleichaltrigen Heinrich kennenlernt und sich verliebt, gerät das fragile System ihrer Eltern ins Wanken.

„Die innere Sicherheit“ war Petzolds Durchbruch im Kino und wurde 2001 mit dem Deutschen Filmpreis als bester Spielfilm ausgezeichnet. Das gemeinsam mit Harun Farocki entwickelte Drehbuch interessiert sich weniger für die politischen Aktionen der Elterngeneration als für deren Auswirkungen auf die nächste Generation. Die Geschichte des deutschen Linksterrorismus wird aus der Perspektive einer Tochter erzählt, die mit den Entscheidungen ihrer Eltern leben muss. Zugleich funktioniert der Film als Coming-of-Age-Geschichte über eine Jugendliche, die erstmals ein eigenes Leben führen möchte.

Besetzung: Julia Hummer (Jeanne), Barbara Auer (Clara), Richy Müller (Hans), Bilge Bingül (Heinrich)

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Gespenster (2005)

Nina lebt in einem Berliner Heim und arbeitet zeitweise in der Grünpflege. Im Tiergarten begegnet sie Toni, einer selbstbewussteren jungen Frau, zu der sie sich hingezogen fühlt. Gleichzeitig kommt die Französin Françoise nach Berlin. Seit Jahren sucht sie nach ihrer als Kind verschwundenen Tochter und glaubt schließlich, diese in Nina wiederzuerkennen.

„Gespenster“ feierte 2005 im Wettbewerb der Berlinale Premiere. Der Film bildet zusammen mit „Die innere Sicherheit“ und „Yella“ die sogenannte Gespenster-Trilogie. Dabei handelt es sich nicht um eine fortlaufende Geschichte, die Filme sind thematisch miteinander verbunden. In allen drei Werken geht es um Menschen, deren Gegenwart von etwas Vergangenem bestimmt wird. Der Titel bringt zugleich ein Motiv auf den Punkt, das Petzolds Werk bis heute durchzieht: Menschen verschwinden, kehren zurück oder werden mit jemandem verwechselt, der längst verloren scheint.

Besetzung: Julia Hummer (Nina), Sabine Timoteo (Toni), Marianne Basler (Françoise), Aurélien Recoing (Pierre)

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Yella (2007)

Yella will ihr bisheriges Leben hinter sich lassen. Sie verlässt ihre ostdeutsche Heimatstadt und ihren von ihr getrennt lebenden Ehemann Ben, um im Westen eine neue Arbeitsstelle anzutreten. Dort lernt sie den Geschäftsmann Philipp kennen, der bei Verhandlungen mit Unternehmen und Investoren sein Geld verdient. Yella erweist sich als talentierte Partnerin. Doch während sie scheinbar immer besser in der neuen Welt zurechtkommt, schleichen sich Irritationen in ihre Wahrnehmung ein.

Petzold verbindet in „Yella“ die Welt von Unternehmensbilanzen, Beteiligungskapital und Verhandlungen mit Motiven des Horror- und Geisterfilms. Eine wichtige Referenz ist Herk Harveys Kultfilm „Carnival of Souls“ von 1962. Zugleich erzählt „Yella“ vom wirtschaftlichen Gefälle zwischen Ost und West nach der Wiedervereinigung. Moderne Bürokomplexe, Hotels und anonyme Verkehrsräume bilden eine Welt, in der Menschen ständig unterwegs sind und dennoch kaum irgendwo ankommen. Nina Hoss erhielt für ihre Darstellung auf der Berlinale 2007 den Silbernen Bären als beste Darstellerin.

Besetzung: Nina Hoss (Yella), Devid Striesow (Philipp), Hinnerk Schönemann (Ben)

Phoenix (2014)

Berlin kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Die jüdische Sängerin Nelly hat Auschwitz überlebt, ist jedoch im Gesicht schwer verletzt worden. Nach einer Operation kehrt sie in die zerstörte Stadt zurück und sucht ihren Ehemann Johnny. Als sie ihn findet, erkennt er sie nicht. Gleichzeitig bemerkt Johnny eine Ähnlichkeit zwischen der vermeintlich fremden Frau und seiner totgeglaubten Ehefrau. Er entwickelt einen Plan: Nelly soll sich als Nelly ausgeben, damit er an deren Erbe gelangen kann.

„Phoenix“ gehört zu Petzolds international bekanntesten Filmen. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit Harun Farocki nach Motiven des Romans „Le Retour des Cendres“ von Hubert Monteilhet. Die Geschichte greift Elemente des Film noir und des Melodrams auf und beschäftigt sich mit der Frage, wie ein Leben nach der Shoah weitergeführt werden kann. Zentral ist dabei das Motiv der Wiedererkennung: Johnny sieht die Frau vor sich, erkennt in ihr aber seine eigene Ehefrau nicht. Der Song „Speak Low“ von Kurt Weill und Ogden Nash erhält im Film eine zentrale dramaturgische Bedeutung.

Besetzung: Nina Hoss (Nelly), Ronald Zehrfeld (Johnny), Nina Kunzendorf (Lene)

Transit (2018)

Georg flieht vor den deutschen Truppen nach Marseille. Bei sich trägt er die Papiere eines Schriftstellers, der sich das Leben genommen hat. In der Hafenstadt warten zahlreiche Flüchtlinge auf Visa, Transitgenehmigungen und Schiffspassagen. Georg nimmt zunehmend die Identität des Toten an. Gleichzeitig begegnet er Marie, die nach ihrem verschwundenen Ehemann sucht. Dieser Mann ist ausgerechnet jener Schriftsteller, dessen Papiere Georg besitzt.

Grundlage des Films ist Anna Seghers‘ 1944 erschienener Exilroman „Transit“, der von der Flucht vor den Nationalsozialisten erzählt. Petzold verzichtete für seine Adaption auf eine historisch rekonstruierte Kulisse und drehte im Marseille der Gegenwart. Autos, Kleidung und Architektur stammen aus der heutigen Zeit, während die Figuren weiterhin vor den deutschen Besatzern fliehen.

Dadurch liegen unterschiedliche historische Ebenen übereinander. Die Erfahrungen europäischer Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs werden in einer heutigen Stadt sichtbar. „Transit“ wird so zu einer Geschichte über Menschen im Wartestand, deren Existenz von Dokumenten, Grenzen und der Hoffnung auf eine Passage an einen anderen Ort bestimmt wird.

Besetzung: Franz Rogowski (Georg), Paula Beer (Marie), Godehard Giese (Richard), Lilien Batman (Driss), Maryam Zaree (Melissa)

Undine (2020)

Undine arbeitet als Historikerin in Berlin und hält Vorträge über die Architektur und Stadtentwicklung der Hauptstadt. Als ihr Freund Johannes die Beziehung beendet, scheint sich eine alte Prophezeiung zu erfüllen: Der Mythos der Wasserfrau Undine besagt, dass sie den Mann töten muss, der sie verlässt. Kurz darauf begegnet sie Christoph, einem Industrietaucher. Die beiden verlieben sich, und für einen Moment scheint der Mythos außer Kraft gesetzt.

Der Undine-Stoff gehört zu den traditionsreichen europäischen Mythen und wurde unter anderem von Friedrich de la Motte Fouqué literarisch verarbeitet. Petzold holt die Geschichte ins heutige Berlin und verbindet die Liebesgeschichte mit der Architektur der Stadt. Undines Vorträge über das historische Zentrum Berlins, Abriss, Wiederaufbau und Rekonstruktion greifen dabei eines der zentralen Themen des Films auf: die Wiederkehr von etwas, das bereits verschwunden schien.

„Undine“ setzt zugleich Petzolds Zusammenarbeit mit Paula Beer und Franz Rogowski nach „Transit“ fort. Wasser wird zum verbindenden Element der Geschichte, vom Aquarium über Schwimmbäder bis zu Christophs Arbeit als Taucher. Paula Beer erhielt für ihre Darstellung bei der Berlinale 2020 den Silbernen Bären als beste Darstellerin.

Besetzung: Paula Beer (Undine), Franz Rogowski (Christoph), Jacob Matschenz (Johannes), Maryam Zaree (Monika)

Filmografie: Kinofilme von Christian Petzold

  • 2000: Die innere Sicherheit, mit Julia Hummer, Barbara Auer und Richy Müller
  • 2003: Wolfsburg, mit Benno Fürmann und Nina Hoss
  • 2005: Gespenster, mit Julia Hummer, Sabine Timoteo und Marianne Basler
  • 2007: Yella, mit Nina Hoss, Devid Striesow und Hinnerk Schönemann
  • 2008: Jerichow, mit Benno Fürmann, Nina Hoss und Hilmi Sözer
  • 2012: Barbara, mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld
  • 2014: Phoenix, mit Nina Hoss, Ronald Zehrfeld und Nina Kunzendorf
  • 2018: Transit, mit Franz Rogowski und Paula Beer
  • 2020: Undine, mit Paula Beer und Franz Rogowski
  • 2023: Roter Himmel, mit Thomas Schubert, Paula Beer, Langston Uibel, Enno Trebs und Matthias Brandt
  • 2025: Miroirs No. 3, mit Paula Beer, Barbara Auer, Matthias Brandt und Enno Trebs

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