The-Orchard-Mitgründer Scott Cohen fordert ein neues Vergütungsmodell für die Musikindustrie. Künstler, Komponisten und Rechteinhaber sollten seiner Ansicht nach künftig nicht nur Royalties erhalten, sondern auch an dem Unternehmenswert beteiligt werden, den ihre Musik mit erzeugt.
Während mit Musikkatalogen, Vertriebsplattformen und Rechtefirmen Milliardengeschäfte gemacht werden, bleibt ihre Beteiligung bislang weitgehend auf die laufenden Einnahmen aus ihren eigenen Rechten beschränkt.
Cohen kennt dieses Prinzip aus eigener Erfahrung. 1997 gründete er gemeinsam mit Richard Gottehrer mit The Orchard einen der ersten Digitalvertriebe, der später von Sony Music übernommen wurde. Die Künstler und Labels, deren Kataloge zum Wert von The Orchard beigetragen hatten, erhielten Cohen zufolge keinen Anteil am Verkaufserlös. Niemand habe dabei gegen bestehende Regeln verstoßen, betont er, doch genau diese Regeln hält er inzwischen für unzureichend.
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Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2026 wurden laut Cohen Übernahmen von Musikunternehmen und Musikkatalogen im Gesamtwert von mehr als zwölf Milliarden Dollar angekündigt oder abgeschlossen. Für ihn zeigt sich daran das grundlegende Problem: Musik erzeugt einen wirtschaftlichen Wert, der weit über die laufenden Royalties hinausgeht, die Musikschaffende für die Nutzung ihrer Werke erhalten.
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Vom Vertrieb zum Unternehmenswert
Als Cohen und Gottehrer The Orchard gründeten, hatten unabhängige Künstler und Labels häufig keinen Zugang zu den großen Vertriebswegen. Ohne diesen Vertrieb kamen ihre Veröffentlichungen kaum in die Plattenläden und erreichten nur schwer ein größeres Publikum.
Das Internet veränderte diese Situation. Online-Musikshops konnten erheblich größere Kataloge anbieten und CDs weltweit verkaufen. The Orchard spezialisierte sich darauf, Independent-Musik in diese neuen Vertriebskanäle zu bringen. Aus Online-CD-Shops wurden später Downloadstores und schließlich Streamingdienste, der weltweite digitale Vertrieb wurde zum Standard.
Drei Jahrzehnte später können Künstler ihre Musik vergleichsweise einfach weltweit verfügbar machen. Cohen sieht die entscheidende Frage nun darin, wer an dem wirtschaftlichen Wert beteiligt wird, der rund um diese Musik entsteht.
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Royalties bilden nur einen Teil des Werts ab
Wird Musik gestreamt, verkauft oder lizenziert, entstehen Royalties, die entsprechend der jeweiligen Rechte und Verträge verteilt werden. Dieses System vergütet die Nutzung eines Werkes, beteiligt dessen Schöpfer aber nicht automatisch am Unternehmenswert, der mithilfe dieser Werke aufgebaut wird.
Ein Distributor kann über Jahre einen großen Katalog und Kundenstamm aufbauen, ein Musikverlag Tausende Songs verwalten und ein Technologieunternehmen sein Geschäft auf den Rechten, Katalogen und Daten seiner Kunden aufbauen. Steigt dadurch der Wert des Unternehmens und wird es verkauft, profitieren dessen Eigentümer von diesem Wertzuwachs. Die Künstler, Komponisten und Rechteinhaber, deren Musik zu diesem Geschäft beigetragen hat, erhalten keinen automatischen Anteil am Verkaufserlös.
Cohen fordert deshalb einen Mechanismus, durch den sie auch an dieser Form der Wertschöpfung beteiligt werden.
The Orchard als Beispiel
Cohen bezieht seine eigene Unternehmensgeschichte ausdrücklich in seine Kritik ein. The Orchard wurde 2015 vollständig von Sony Music übernommen. Die Künstler und Labels, deren Musik das Geschäft des Distributors ermöglicht hatte, erhielten ihm zufolge nichts aus dem Verkauf des Unternehmens.
Cohen wirft Sony, The Orchard oder anderen Unternehmen kein Fehlverhalten vor. Das bestehende System sieht eine solche Beteiligung schlicht nicht vor. Künstler und Labels erhielten ihre vertraglich vereinbarten Royalties, während der beim Verkauf realisierte Unternehmenswert den Eigentümern von The Orchard zustand.
Als weitere Beispiele nennt Cohen große Transaktionen des Jahres 2026 aus den Bereichen Distribution, Publishing, Rechteverwaltung und Musikkataloge. Für ihn zeigen diese Geschäfte, wie Musikrechte zusätzliche Unternehmenswerte schaffen können, während die Beteiligung der Urheber und Künstler weiterhin vor allem über Royalties erfolgt.
Wie eine Beteiligung aussehen könnte, bleibt offen
Einen fertigen Gegenentwurf liefert Cohen nicht. Er fordert einen Mechanismus, durch den Künstler, Komponisten und Rechteinhaber am wirtschaftlichen Erfolg jener Unternehmen beteiligt werden, deren Wert wesentlich auf ihren Rechten, Katalogen oder Daten beruht.
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Wie solche Anteile berechnet werden könnten, bleibt zunächst unbeantwortet. Schon die Frage, wie stark ein einzelner Künstler zum Wert eines Distributors mit Tausenden oder Millionen Veröffentlichungen beiträgt, wäre schwierig zu beantworten. Cohen legt auch nicht fest, ob eine Beteiligung über Unternehmensanteile, zusätzliche Zahlungen bei einem Verkauf oder ein anderes Modell organisiert werden sollte.
Royalties sollen nach seiner Vorstellung nicht länger die Grenze dessen markieren, was Musikschaffende vom wirtschaftlichen Wert erhalten können, den ihre Arbeit erzeugt.
Wer vom wachsenden Wert der Musik profitiert
Künstler verfügen in erster Linie über ihren eigenen Katalog. Große Labels, Musikverlage, Distributoren und Rechteunternehmen bündeln dagegen die Werke Tausender Künstler und können zusätzlich weitere Kataloge erwerben und verfolgen damit ganz andere Ziele. Mit wachsendem Bestand steigen Einnahmen, Marktposition und Unternehmenswert.
Unternehmen profitieren dadurch auf mehreren Ebenen vom Wachstum des Musikmarkts. Sie verdienen an der laufenden Verwertung großer Rechtebestände und können ihr Geschäft durch weitere Zukäufe kontinuierlich vergrößern. Künstler bleiben dagegen auf die wirtschaftliche Verwertung ihrer eigenen Werke und die dafür vereinbarten Royalties beschränkt.
Cohen will diese strukturelle Asymmetrie aufbrechen und Musikschaffende stärker an der Wertschöpfung beteiligen, die ihre Werke über die unmittelbare Nutzung hinaus ermöglichen. Angesichts milliardenschwerer Übernahmen und immer größerer Rechteportfolios geht es damit auch um die grundsätzliche Frage, wie der wachsende wirtschaftliche Wert von Musik künftig unter denjenigen verteilt wird, die ihn gemeinsam erzeugen.

