Auf Ed Sheerans aktueller „Loop“-Tour durch die USA eskaliert der Streit um politische Äußerungen auf der Konzertbühne. Nachdem Macklemore aus dem Programm der verbleibenden US-Konzerte genommen wurde, haben sämtliche weiteren Support-Acts sowie Sheerans Live-Band ihre Teilnahme an kommenden Shows abgesagt und sich mit Macklemore solidarisch erklärt.
Auslöser waren Macklemores Auftritte am 4. und 5. September im MetLife Stadium in New Jersey. Der Rapper sprach über die Menschen in Gaza und im „besetzten Westjordanland“, sagte, sie seien nicht vergessen, und rief „Free Palestine“ ins Publikum.
Er spielte außerdem seinen 2024 veröffentlichten Protestsong „Hind’s Hall“, der sich mit dem Krieg in Gaza und den Protesten an US-Universitäten beschäftigt. Bei seinem zweiten Auftritt wandte er sich auch direkt an jüdische Zuschauer und erklärte, Kritik an Israel, am Apartheid-System und am Genozid richte sich nicht gegen jüdische Menschen. Seine Botschaft sei Frieden und die gleiche Würde aller Menschen.
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Wenige Tage später war Macklemore seinen Platz auf der Tour los. Der Veranstalter bestätigte seinen Rauswurf von den acht noch geplanten US-Terminen.
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Alle Support-Acts steigen von der Tour aus
Der Rauswurf löste eine ungewöhnliche Kettenreaktion aus. Finneas, Aaron Rowe und Lukas Graham sagten ihre geplanten Auftritte kurzerhand ab. Auch die irische Band Beoga, die Sheeran live begleitet und seit mehr als zehn Jahren mit ihm verbunden ist, zieht sich von den verbleibenden US-Terminen zurück. Alle erklärten sich mit Macklemore solidarisch und kritisierten seine Entfernung aus dem Programm.
Damit verliert Sheeran innerhalb kürzester Zeit sämtliche Künstler, die als Support bei den kommenden Konzerten vorgesehen waren, sowie seine Live-Band. Was hinter dem Konflikt steckt, erläuterte Sheeran anschließend selbst.
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Ed Sheeran: „Es war nicht meine Entscheidung“
In einer ausführlichen Stellungnahme betonte Sheeran, dass Macklemores Rauswurf nicht auf seine Entscheidung zurückgehe. „Dass Macklemore nicht mehr Teil der Tour ist, war die Entscheidung des Veranstalters, nicht meine“, erklärte er.
Sheeran zufolge hatten mehrere Betreiber der Stadien, in denen die Tour noch gastieren sollte, weitere Konzerte abgelehnt, solange Macklemore Teil des Programms blieb. Er selbst habe in den vergangenen Tagen versucht, zwischen den Beteiligten zu vermitteln und eine Lösung zu finden. Das sei nicht gelungen, die Entscheidung der Venues und des Veranstalters sei letztlich endgültig gewesen.
Sheeran erklärte außerdem, er sei entsetzt über den Konflikt zwischen Israel und Palästina und über das Leid auf beiden Seiten. Macklemore habe ihn im vergangenen Jahr gefragt, ob er Teil der Tour sein könne. Sheeran habe zugestimmt, weil er ihn als Künstler respektiere, und ihm wie allen Support-Acts die freie Wahl seines Programms überlassen.
Einen Abbruch seiner Tour lehnte Sheeran trotz der aufgeheizten Stimmung ab. Er wolle weder Fans im Stich lassen, die Tickets gekauft und Reisen geplant hätten, noch Crewmitglieder und Musiker, die mit der Tour ihren Lebensunterhalt verdienen. Seine Musik und seine Plattform sollten Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenbringen. Dass er sich nicht öffentlich zu politischen Fragen äußere, bedeute nicht, dass ihm diese gleichgültig seien.
Der Druck kam von den Stadionbetreibern
Damit wird deutlich, dass hinter Macklemores Rauswurf mehr steckt als nur die Entscheidung eines Tourveranstalters. Mehrere Eigentümer der Stadien hatten ihre Macht eingesetzt, um die freie Meinungsäußerung eines Künstlers zu verhindern. Das ist in dieser Form ein einmaliger Vorgang und weckt schlimme Assoziationen und zeigt auf, wie gefährlich die politische Situation in den USA bereits ist, wenn Milliardäre darüber bestimmen, welche Meinung geäußert werden darf und welche nicht.
Zu den einflussreichsten Gegnern eines weiteren Auftritts gehörte Robert Kraft, Milliardär, Eigentümer der New England Patriots und des Gillette Stadium bei Boston. Kraft ist ein prominenter Unterstützer Israels und gründete 2019 eine Organisation zur Bekämpfung von Antisemitismus. Er bestätigte, Macklemore nicht in seinem Stadion auftreten lassen zu wollen.
Kraft begründete dies mit Macklemores „jüngsten Aktionen“ sowie einer aus seiner Sicht bestehenden Vorgeschichte antisemitischer Rhetorik und Bildsprache, die für die jüdische Gemeinschaft verletzend sei. Zugleich erklärte er sich zu einem Gespräch mit Macklemore bereit. Der Israeli American Council hatte zuvor eine Petition gestartet, die Macklemores Entfernung von der Tour forderte. Auch die Organisation StopAntisemitism kritisierte den Auftritt.
Finneas erklärte: „Künstler dürfen nicht zum Schweigen gebracht werden, wenn sie sich für Unterdrückte einsetzen.“ Lukas Graham kritisierten ebenfalls, dass wirtschaftliche Interessen darüber bestimmen können, wer öffentlich sprechen darf. Sänger Lukas Forchhammer schrieb: „Geld gibt niemandem das Recht, die Debatte zu kontrollieren. Der Kontostand eines Menschen sollte nicht darüber entscheiden, wer sprechen darf oder welches Leid wir anerkennen dürfen.“
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Besonders deutlich wurde Aaron Rowe. Der irische Sänger schrieb: „Ich kann nicht tatenlos zusehen, wie Milliardäre ihre Machtposition nutzen, um die berechtigten Stimmen derjenigen zum Schweigen zu bringen, die sich gegen den israelischen Genozid aussprechen und auf die brutale Tötung von Kindern aufmerksam machen.“
Pink mischt sich ein und erntet Kritik
Eine weitere prominente Stimme in der Auseinandersetzung ist Pink. Die Sängerin teilte einen Beitrag von StopAntisemitism, der Macklemores Auftritt scharf kritisierte. Sie rechtfertigte sich später, dass sie weder gegen den Ausspruch „Free Palestine“ noch gegen Macklemores Recht, diesen Satz auf einer Bühne zu sagen sei.
Ihre Kritik richte sich gegen einen anderen Aspekt des Auftritts. Macklemore hatte bei seinem zweiten Auftritt jüdischen Zuschauern erklärt, seine Kritik an Israel, Apartheid und Genozid richte sich nicht gegen sie. Pink entgegnete darauf: „Das kannst du nicht für uns entscheiden.“ Sie wolle selbst benennen dürfen, wenn sie sich als jüdische Mutter durch einen Auftritt angegriffen fühle.
Pink kritisiert seinen Auftritt. Gleichzeitig erklärt sie ausdrücklich, dass sie ihn nicht zum Schweigen bringen möchte. Beides kann und muss in einer offenen Debatte nebeneinander existieren.
Wer entscheidet, was auf einer Bühne gesagt werden darf?
Der Fall reicht weit über Macklemores Haltung zum Krieg in Gaza hinaus. Künstler dürfen sich politisch äußern, andere Künstler und das Publikum dürfen ihnen widersprechen. Problematisch wird es allerdings, wenn einflussreiche Stadionbesitzer mit wirtschaftlichem Druck dafür sorgen, dass ein Künstler mundtot gemacht werden soll wegen einer politischen Meinungsäußerung.
Sheerans Hinweis, der Promoter habe Macklemore aus dem Programm genommen, greift deshalb zu kurz. Schließlich trägt die Tour seinen Namen und er hat entschieden, sich den Vorgaben zu beugen, statt es darauf ankommen zu lassen oder sich gegebenenfalls einfach andere Spielorte zu suchen. Seine Support-Acts und seine Live-Band ziehen daraus andere Konsequenzen und verzichten auf ihre Auftritte. Sheeran nicht.
Ein ähnlicher Konflikt zeigte sich erst kürzlich beim Glücksgefühle-Festival in Deutschland. Dort wurde Alphaville zunächst ausgeladen, weil die Band einem Verbot politischer Äußerungen auf der Bühne nicht zustimmen wollte. Der Veranstalter nahm die Entscheidung nach heftiger Kritik zurück und bezeichnete sie als Fehler. Alphaville verzichteten dennoch auf den Auftritt und nahezu alle auftretenden Künstler äußerten sich anschließend politisch für Meinungsfreiheit in Solidarität mit Alphaville.
Der Wunsch nach einer unpolitischen Konzertbühne ist ohnehin weltfremd. Musik war immer auch ein wichtiger Ort für gesellschaftliche und politische Debatten. Bedenklich wird es immer dann, wenn Politik oder wirtschaftliche Macht darüber entscheidet, welche Positionen überhaupt noch auf einer Bühne geäußert werden dürfen. Denn so entsteht schnell eine Kultur der Selbstzensur, in der Künstler lieber schweigen, bevor sie ihren Auftritt oder ihre wirtschaftliche Existenz riskieren. Das hätte ein Star wie Ed Sheeran aber nicht zu befürchten. Deshalb bleibt sein fehlendes Rückgrat in dieser Sache am Ende völlig unverständlich.
Wie Sheeran die unmittelbar bevorstehenden Konzerte ohne die ausgestiegenen Musiker bestreiten will, ist bislang noch offen. Bereits am 19. September steht die nächste Stadion-Show in Philadelphia an. Ersatz wurde bislang nicht angekündigt.

