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Die 10 besten Alben des Monats (Januar 2023)

Die erste Nummer eins des neuen Jahres stammt genau genommen noch aus dem letzten, doch sie ist zu gut um im Weihnachtsfeiertagsloch zu verschwinden…

Jeden Monat hören sich Redaktion und Gastjuroren durch die Musik-Neuerscheinungen und wählen ihre Alben des Monats. Hier die zehn Alben, die unserer Fachjury diesen Monat am besten gefallen haben.

Tonspion Jury: Christoph Braun, Astrid Clave, Sebastian Cleemann, Kerstin Kratochwill, Christoph Prenner, Florian Schneider, Satoru Teshima, Udo Raaf, Christina Mohr, Dylan MacKenzie.

Die Alben des Monats Januar 2023

1. Little Simz – No Thank You Ø 4,25

Little Simz veröffentlichte Ende 2022 ein Überraschungsalbum, das es nicht nur musikalisch in sich hat: Der pointierte Rap der Londonerin gleitet auf souligen schwebenden Beats und trifft auf Lyrics, die die Ungerechtigkeiten in der Welt regelrecht aufspießen. „No Thank You“ ist ein intensives wie irritierend unaufgeregtes wie unerbittliches Album gegen Kapitalismus und für Empowerment geworden: In „No Merci“ bringt sie die Ausbeutung im Musikbusiness so auf den Punkt: “Everybody here getting money off my name / Irony is, I’m the only one not getting paid.” Mit der Spontanveröffentlichung dieses Albums zeigt Little Simz, das abseits von Marketingplänen und Algorithmenzwang Musik existiert, die sowohl „Indie“ als auch das große Ding gleichzeitig ist.

Little Simz - Angel (Official Audio)

2. Ryuichi Sakamoto – 12 Ø 4,22

Am 17. Januar 2023 wird der japanische Musiker, Grammy-, Oscar- und Golden Globe-Gewinner Ryuichi Sakamoto 71 Jahre alt und sein neues Album „12“ erscheint an diesem Tag: Das intime Werk steht für eine Art Neugeburt und entstand in seinem zweijährigen Kampf gegen den Krebs. Zwölf instrumentale ergreifende Kompositionen für Piano und Synthesizer sind Sakamotos Tontagebuch gegen den Tod geworden.

3. Ladytron – Time’s Arrow Ø 3,66

Zeitlose elektronische Eleganz in Sachen Art-Synthpop: Das siebte Album von Ladytron schimmert in der Spannung von Coolness und Cosiness. Die die unwiderstehliche Bitter-Süße der Band zwischen eisigen Texturen und warmem Sound gepaart mit der unverkennbaren Stimme Helen Marrnies zieht einen auch auf „Time’s Arrow“ wieder in den Bann und sie sezieren darauf einmal mehr den Synthpop: Mal klinisch rein, dann wieder knarzend technoid oder auch wärmend retrohaft – Ladytrons Sound oszilliert stets zwischen minimalistischen Strukturen und maximaler Umarmung des Hörers.

Ladytron - City of Angels (Official Video)

4. John Cale – Mercy Ø 3,61

Danke, dass der 80-jährige Velvet Underground-Veteran uns dieses neue Werk geschenkt hat: Zwischen Ambient und Synthsoundflächen versteckt John Cale Hip-Hop-Elemente und Post-R’n’B. Und mit Moonstruck (Nico’s Song)“ gibt es noch eine emotionale Hommage an seine damalige Velvet-Underground-Weggefährtin, während auf dem Album neue spannende Künstlerinnen wie Weyes Blos oder Actress als Gastmusikerinnen dabei sind.

John Cale - NIGHT CRAWLING (Official Video)

5. Voodoo Jürgens – Wie Die Nacht Noch Jung Wor Ø 3,61

Und noch ein Album, das zu gut ist, um im Endjahresloch vergraben zu werden: Der „Heite grob ma Tote aus“-Sänger Voodoo Jürgens croont sich in seinem neuen Album in Richtung Tom Waits und zieht uns mit ins Beisl samt Wiener Lied und Wiener Schmäh.

Voodoo Jürgens - Federkleid (official Video)

6. Billy Nomates – Cacti Ø 3,60

Diese Künstlerin ist ein Multitalent: Sie schreibt, singt und spielt (Synths, Bass, Gitarre) auf ihrem zweiten Album „Cacti“, das voller zauberhafter wie stachliger Songs zwischen Indiepop, Post-Punk, Wave und Disko ist. Die Sleaford Mods und Iggy Pop sind schon Fan.

Billy Nomates - saboteur forcefield

7. Iggy Pop – Every Loser Ø 3,50

Apropos Iggy Pop, der kommt jetzt auch noch und ist mit 75 Jahren (siehe John Cale) nicht einmal der älteste in unseren Januar-Charts: Nach seinem jazzig-ambientlastigen Album „Free“ (2019) besinnt sich der Godfather of Punk auf seine ursprüngliche Wurzeln, während die Texte ebenso wie die Klangpalette fest im Hier und Jetzt verortet sind. „Every Loser“ ist ein Paradebeispiel von unverfälschtem Rock’n’Roll – eine ganz eigene Klasse in der Kunst, mit unvergleichlicher Intensität und unerschütterlichem Witz gezielte Hiebe auszuteilen, die allesamt ihr Ziel treffen. Knock-out!

Iggy Pop - Frenzy (Official Lyric Video)

8. Molly – Picturesque Ø 3,50

Und noch einmal Österreich: Diesmal kein Schmäh aus Wien, sondern Shoegaze aus Innsbruck, der bereits mit dem Titel „Sigur Ros aus Tirol“ bezeichnet wurde. Bei Stereogum wurde „Picturesque“ zum Album der Woche gekürt, Molly signen auf dem renommierten Londoner Label Sonic Cathedral und das Duo wandelt damit schlafwandlerisch sicher auf den Pfaden von Slowdive, Swans oder Alcest.

MOLLY - The Golden Age (With Visuals)

9. SZA – SOS Ø 3,50

Das dritte Album von Ende 2023, das mit 23 Tracks die fünf Jahre Wartezeit der Fans gut macht: SZA lang ersehnter Zweitling ist energetisch, euphorisch und mit sattem Neosoul und feinem Oldschool R’n’B verfeinert.

SZA - Kill Bill (Official Video)

10. Agar Agar – Player Non Player Ø 3,44

Dieses französische Elektro-Pop-Duo will nur spielen: Computergamesound trifft auf Eigthies-Synthpop zwischen Yazoo und knirschender Indietronica im Stil von The Knife.

Agar Agar - The visit (Lyrics Video)


Die Tonspion Jury

Astrid Clave wurde im Kölner Kompakt-Umfeld sozialisiert, bevor sie in London Drehbuch studierte. Heute schreibt sie über die elektronische Musikszene für Tonspion und Drehbücher u.a. für einen großen Streamingdienst.

Christoph Braun schreibt als freier Autor bereits seit 1996 Texte zu Musik und Popkultur, unter anderem auch für Tonspion. Aktuell arbeitet er außerdem an seinem ersten Roman und in einer Gemeinschaftsunterkunft für geflüchtete Menschen.

Christoph Prenner arbeitete nach einem Gastspiel in der Tonspion Redaktion als Chefredakteur mehrerer Magazine in Österreich. Er ist Teil des Film/Serien-Podcasts Screen Lights und des Electro-Pop-Duos Pola-Riot.

Dylan MacKenzie ist ein kanadischer Musik- und Foodblogger, der seit Kurzem in Berlin lebt.

Florian Schneider war knapp 10 Jahre die musikalische Allzweckwaffe bei Tonspion in Berlin bevor er ablösefrei zum Visions Magazin nach Dortmund wechselte. 

Kerstin Kratochwill ist promovierte Germanistin, arbeitet als Lektorin sowie Texterin und schreibt für so gut wie alle Musikmagazine, die es gibt.

Satoru Teshima ist Autor, Musiker (Elleh), Blogger (Lights and Music) und Japanisch-Übersetzer und lebt in Berlin.

Sebastian Cleeman ist Gelegenheitsautor, Ghostwriter, Mitleser, Ex-Tonspionpraktikant, Anfänger for life, macht Musik als Petula und Trommelgeräusche bei Clickclickdecker.

Udo Raaf ist Tonspion-Gründer und Online-Marketing-Spezialist und verbindet im Tonspion seit 1999 beide Leidenschaften.