Emily Brontës „Wuthering Heights“ gehört zu den großen Liebesgeschichten der Literatur, Kate Bush hat sie in epische Musik umgesetzt. Jetzt kommt eine Neuverfilmung von Emerald Fennell (“Saltburn”) ins Kino.
Seit 1847 wirkt dieser Roman nach, weil er sich jeder einfachen Einordnung entzieht. Es ist keine romantische Liebesgeschichte im klassischen Sinn, sondern ein düsteres Kammerspiel aus sozialer Enge, verletztem Stolz, Begehren und Vergeltung, das vielfach verfilmt wurde, zuletzt 2011. Jede Verfilmung muss sich daran messen lassen, wie sie mit dieser emotionalen Radikalität umgeht. Emerald Fennell entscheidet sich in ihrer Neuinterpretation für einen Zugriff, der den Stoff nicht zähmen, sondern zuspitzen will.
Nach „Promising Young Woman“ und „Saltburn“ widmet sich Fennell erstmals einer kanonischen Vorlage. Dass sie dabei nicht auf Ehrfurcht setzt, sondern auf Aneignung, überrascht kaum. Ihre Version von „Wuthering Heights“ ist weniger Literaturverfilmung als eine freie, stark stilisierte Lesart. Sie reduziert, verdichtet und verschiebt Akzente, um den Kern der Geschichte freizulegen: die zerstörerische Kraft einer Liebe, die sich nicht in gesellschaftliche Bahnen fügen will.
Konzentration auf Catherine und Heathcliff
Der Film folgt im Wesentlichen der bekannten Handlung: Mr. Earnshaw bringt ein Findelkind aus Liverpool mit auf sein abgelegenes Anwesen in Yorkshire. Der Junge, Heathcliff, wächst gemeinsam mit Catherine Earnshaw auf. Zwischen beiden entsteht eine intensive Bindung, die mit dem Erwachsenwerden an sozialen Grenzen zerschellt. Catherine entscheidet sich für die Ehe mit dem wohlhabenden Nachbarn Edgar Linton, Heathcliff verschwindet und kehrt Jahre später als vermögender, aber innerlich verhärteter Mann zurück. Was folgt, ist ein Geflecht aus verletztem Stolz, Begierde und Rache.
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Fennell streicht große Teile des großen Romans zusammen, insbesondere die zweite Generation, die bei Brontë eine zentrale Rolle spielt. Auch Nebenfiguren werden reduziert oder umgedeutet. Diese Straffung verleiht dem Film eine klare Linie. Er interessiert sich fast ausschließlich für die Dynamik zwischen Catherine und Heathcliff, für das Hin und Her zwischen obsessiver Anziehung und Selbstzerstörung, was durchaus an den letzten großen Wurf von Fennell erinnert.
Opulenz statt Moorrealismus
Visuell geht Fennell wie bei “Saltburn” einen konsequent eigenen Weg. Das windgepeitschte Moor, in früheren Adaptionen oft als karger Naturraum inszeniert, wird hier zur Bühne eines überhöhten Dramas. Farben, Stoffe und Oberflächen sind sorgfältig komponiert. Die Ausstattung wirkt bewusst artifiziell, historische Genauigkeit tritt hinter atmosphärischer Verdichtung zurück.
Kostüme spielen eine zentrale Rolle. Korsetts, fließende Stoffe, später auch modern anmutende Elemente werden zu Ausdrucksträgern innerer Zustände. Leidenschaft und gesellschaftlicher Ehrgeiz spiegeln sich in Schnitten und Materialien. Fennell interessiert sich für Mode nicht als Dekor, sondern als Zeichen. Kleidung wird zur Rüstung, zur Fessel, zur Verheißung.
Diese ästhetische Entscheidung ist riskant. Sie kann als selbstbewusste Neuinterpretation gelesen werden, die Brontës Stoff aus dem musealen Rahmen befreit. Sie kann aber auch als Überinszenierung erscheinen. Sicher ist, dass Fennell keine naturalistische Illusion anstrebt. Ihr „Wuthering Heights“ ist ein bewusst konstruiertes Melodram.
Körperlichkeit als zentrales Motiv
Wo viele frühere Verfilmungen die emotionale Dimension betonten, rückt Fennell die Körperlichkeit in den Vordergrund. Die Beziehung zwischen Catherine und Heathcliff wird als physische Obsession gezeigt. Margot Robbie spielt Catherine nicht als naives Mädchen, sondern als Frau, die sich ihrer Wirkung bewusst ist. Ihre Entscheidung für Edgar Linton wirkt weniger wie ein bloßes Nachgeben gegenüber gesellschaftlichem Druck, sondern wie ein kalkulierter Schritt in Richtung Sicherheit. Gleichzeitig bleibt ihre Bindung an Heathcliff ungebrochen. Diese Spannung prägt ihre Figur.
Jacob Elordi verkörpert Heathcliff als Außenseiter mit verletzter Würde. Seine Rückkehr ist kein triumphaler Akt, sondern eine Machtdemonstration, die von innerer Leere begleitet wird. Der Film zeigt ihn weniger als romantischen Helden denn als Getriebenen. Seine Liebe ist untrennbar mit Rachsucht verbunden.
Die Erotik des Films ist deutlich, aber nicht versöhnlich. Sie dient nicht der Verklärung, sondern unterstreicht die Unfähigkeit der Figuren, Maß zu halten. Leidenschaft erscheint hier als destruktive Energie, die alles durchdringt.
Die Diskussion um Werktreue
Wie zu erwarten war, hat diese radikale Neuverfilmung ein geteiltes Echo ausgelöst. Während einige Stimmen die visuelle Kraft und den Mut zur Neuinterpretation hervorheben, bemängeln andere eine Vernachlässigung der literarischen Tiefe. Besonders diskutiert wird der Umgang mit historischen und sozialen Aspekten des Romans, etwa die Frage nach Heathcliffs Herkunft und den damit verbundenen Spannungen.
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Auch die starke Fokussierung auf Stil und Erotik polarisiert. Für manche Kritiker ist sie ein legitimer Zugriff auf einen Text, der selbst von extremen Emotionen geprägt ist. Für andere geht dabei die psychologische Vielschichtigkeit verloren.
Dass „Wuthering Heights“ auch fast 180 Jahre nach seinem Erscheinen noch solche Reaktionen hervorruft, spricht immerhin für die anhaltende Relevanz des Stoffes.
So bleibt diese Adaption ein Werk, das Freunde des Romans empören und Fans von “Saltburn” erfreuen wird. Sie zeigt, dass Klassiker nicht nur bewahrt, sondern auch neu interpretiert werden können.
Kate Bushs „Wuthering Heights“
Kaum eine Film-Adaption hat den Roman so nachhaltig in die Popkultur eingeschrieben wie Kate Bushs Debütsingle „Wuthering Heights“ aus dem Jahr 1978. Die damals 18-jährige Musikerin schrieb den Song, nachdem sie eine Fernsehverfilmung gesehen und anschließend Emily Brontës Roman gelesen hatte. Statt die Handlung nachzuerzählen, wählte sie eine zugespitzte Perspektive: Der Text ist aus der Sicht von Catherines Geist formuliert, der an Heathcliffs Fenster klopft und Einlass verlangt. Die berühmte Zeile „Heathcliff, it’s me, Cathy, I’ve come home“ verdichtet einen zentralen Moment des Buches zu einem eindringlichen Pop-Refrain.
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Credits
Titel: Wuthering Heights (2026) – zeitgenössische Neuinterpretation des Romans von Emily Brontë
Regie: Emerald Fennell
Drehbuch: Emerald Fennell (nach dem Roman von Emily Brontë)
Produzenten: Emerald Fennell, Tom Ackerley, Josey McNamara, Margot Robbie
Hauptdarsteller:
• Margot Robbie als Catherine “Cathy” Earnshaw
• Jacob Elordi als Heathcliff
• Hong Chau als Nelly Dean
• Shazad Latif als Edgar Linton
• Alison Oliver als Isabella Linton
• Martin Clunes als Mr. Earnshaw
• Owen Cooper als junger Heathcliff
Kamera: Linus Sandgren
Schnitt: Victoria Boydell
Musik: Score von Anthony Willis, Songs/Originalmusik von Charli XCX (Soundtrack)
Verleih: Warner Bros. Pictures
Laufzeit: ca. 136 Minuten
Kinostart: 12. Februar 2026